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Die „Masters of the Universe“ kehren auf Netflix zurück und Kevin Smith muss sich einem Tribunal von „Fans“ unterziehen

verfasst am 29.Juli 2021 von Markus Haage

Es herrscht mal wieder Aufruhr in den digitalen Welten. Netflix hat mit „Masters of the Universe: Revelation Part One“ die klassische „Masters of the Universe“-Zeichentrickserie aus den 1980er-Jahren wiederbelebt und dieser natürlich ein (eher sanftes) Update verpasst. Doch im Zeitalter der multimedialen Hysterie musste selbst dieses für Furore sorgen. Wie hätte es auch anders sein sollen…

Als Netflix im August 2019 ankündigte, dass man zusammen mit Regisseur Kevin Smith („Clerks“) in der Position des Showrunners die klassische Zeichentrickserie „He-Man – Im Tal der Macht“ („Masters of the Universe“, 1983–1985) wiederbeleben würde, war der Jubel unter den Fans groß. Nicht nur aufgrund der eigentlichen Tatsache eines Revivals, sondern weil Smith als großer Kenner der US-amerikanischen Comiclandschaft von den Fans natürlich einen gewissen Vertrauensvorschuss erhielt. Ist er der Auserwählte, der den Geist des Originals in das neue Jahrtausend verfrachten kann? Bei der erstmaligen Präsentation der Idee auf der Power-Con 2019 hätte man dies anhand der Reaktionen vermuten können.

Bereits zweimal versuchte man vorab das Franchise für ein neues Publikum neu aufzubereiten. Als Ende der 1980er-Jahre die Verkäufe der einst extrem populären Spielzeugserie einbrachen, wagte man mit „The New Adventures of He-Man“ (1990) einen radikalen Reboot und verfrachtete den Protagonisten und Antagonisten in die Zukunft des Planeten Eternias. Der Erfolg war bescheiden und letztlich der finale Sargnagel nach fast einem Jahrzehnt Dominanz. 2002 folgte „He-Man and the Masters of the Universe“ (2002–2004), ebenfalls eine Animationsserie, die de facto ein Reboot der klassischen Serie darstellte und diese mit teils vollkommen neuer Mythologie versah. Unter Fans war diese Neuauflage recht populär, konnte allerdings nicht einmal ansatzweise den Hype des Originals hervorrufen und blieb in gewisser Hinsicht ein Geheimtipp. He-Man und die Helden von Eternia waren sicherlich Kinder ihrer Zeit, die als muskelbepackte Heroen auf ihre Weise vielleicht nur zur Blütezeit der Sword & Sorcery funktionieren konnten. Wollte man die alte Serie im Jahre 2020 also wieder zum Leben erwecken, so musste man gewisse Abänderungen vornehmen und damit wohl automatisch einen Teil der Fans vor den Kopf stoßen.

Der erste Teaser Trailer zu „Masters of the Universe: Revelation Part One“, der Bonnie Taylors „Holding out for a Hero“ als musikalische Untermalung verwendete, begeisterte die Fans weltweit, doch nachdem die ersten Details bekannt wurden, machte sich eine gewisse Skepsis breit, die sich in den Tagen vor der Veröffentlichung in eine Art Shitstorm gegen Showrunner Kevin Smith manifestierte. Ursprünglich verkündigte dieser, dass die Serie eine Fortsetzung des Originals sei. Diese Aussage musste er mittlerweile korrigieren, auch wenn sie inhaltlich noch stimmt. Eine Fortsetzung der Originalserie wäre aus rechtlichen Gründen nicht möglich gewesen, aber die Serie versteht sich eben als eine Art Sequel. Da Toyline und Originalserie inhaltlich eng verknüpft waren, wäre es wohl auch kaum jemanden aufgefallen. Die visuellen Überschneidungen sind zu groß (die Zeichentrickserie wurde ja dazu gedacht, die Spielzeuge zu vermarkten). Es ist durchaus legitim „Masters of the Universe: Revelation Part One“ zumindest als Fortführung im Geiste zu bezeichnen. Damit war allerdings noch keine Ruhe. Als die Nachricht die Runde machte, dass Teela im Vordergrund des ersten Teils stehen würde, befürchteten man, dass nun auch die Masters Teil der sogenannten Woke-Bewegung werden würden. Eine absurde Befürchtung, war Teela doch schon immer integraler Bestandteil der Handlung und gehörte zu den drei Führungsfiguren der guten Seite. Aber in einem Medienzeitalter indem man mit Kontroversen und Hysterie die meisten Clicks und Views generieren kann, waren diese inhaltlichen Fakten natürlich nebensächlich. Nur die Empörung zählte. Die Serie wurde als „She-Man“ bezeichnet und Kevin Smith als Lügner diffamiert. Die Schmutzkampagne ging soweit, dass man einen Tweet aus dem Jahre 2010 hervorkramte, indem Smith zwar tatsächlich sagte, dass er nie ein großer Fan von He-Man war, im gleichen Zuge aber begeistert auf eine Kunstausstellung rund um das Thema „Masters of the Universe“ hinwies. Dieser Tweet wurde als Grundlage genommen, um aufzuzeigen, dass man Smith nicht mehr trauen sollte.

Natürlich geht dies leider noch primitiver, indem man Smith gleich im Videotitel persönlich beleidigt („F**k you“).

Ein populärer Horrorfilm-Blog mit mehr als 21.000 Followern auf Facebook bezeichnete die neue Serie gar als „Teela und die Menstruatoren of the Universe“.

Es war absurd, was abermals vor sich ging und zeigte auf, wie schwer es sein kann, alte Klassiker neu aufzulegen. Natürlich existiert eine alteingesessene Fangemeinde, die diese Klassiker über Jahrzehnte am Leben hielt. Dies muss man auch respektieren, ein Teil von ihnen stellt sich aber vehement gegen jedwede Art von Neuerung oder Abänderung. Das nach fast vierzig Jahren die alte Serie nicht 1:1 wiederbelebt werden kann, dürfte klar sein. Auch, weil diese oftmals aus rein nostalgischen Gründen entweder verklärt wird oder Fans von früher sich gar nicht mehr so recht erinnern können, was Filmation und Mattel damals präsentierten.

Die Originalserie diente in erster Linie dazu neue Figuren und Welten einzuführen, um Spielzeuge, somit kommerzielle Produkte, zu vermarkten und zu verkaufen. Die Serie an sich wurde recht günstig erstellt, sodass Animationen, Musiken und Hintergründe stetig recycelt wurden. Innerhalb von gerade einmal vierzehn Monaten feierten 130 Episoden in den USA ihre Erstausstrahlung. Es wurde schnell und auf Masse produziert. Dies machte sich auch bei den Storylines bemerkbar. Einer der vielen Tiefpunkte stellte sicherlich die 100. Episode namens „Skeletors Zirkus“ („The Greatest Show on Eternia“) dar, in der Skeletor darüber verärgert ist, dass ein Zirkus anstatt auf Snake Mountain in Randors Palast gastieren möchte. Er schickt Beast-Man und Evil-Lyn nach Eternis um den Zirkus zu sabotieren, damit niemand anderes Spaß haben kann, wenn er schon keinen Spaß haben darf. Am Ende muss He-Man den Clown Crackers mit einem Lasso aus einer Schlucht befreien. Wer sich das Finale dieser Episode in Erinnerung rufen möchte, kann dies hier tun:

Nur eine von vielen fragwürdigen Episoden. Man erinnere sich auch daran, wie Astronauten von der Erde auf Eternia landeten und He-Man um Hilfe baten, oder wie Skeletor Mini-Versionen von sich klonte, um Eternis zu unterwandern. Nicht zu vergessen das große Weihnachtsspecial, in dem He-Man als Santa Claus verkleidet den Geist der Weihnacht verbreitete.

Mit diesen Beispielen soll nichts schlecht geredet werden, aber es muss rückblickend sicherlich auch nicht alles überschwänglich verklärt werden. Der Hype um die „Masters of the Universe“ hielt nur wenige Jahre an. In diesem Zeitraum hat man aus dem Franchise kommerziell aber tatsächlich alles herausgeholt, was man rausholen konnte. Selbst die Macher der Mini-Comics, die den Figuren beigelegt wurden, sagen rückblickend, dass sie sich keine großen Gedanken um eine einheitliche Welt oder Storyline gemacht haben. Es musste Content produziert werden und dies taten sie. So widersprechen sich die Mini-Comics inhaltlich auch mit der Originalserie, so wie diese sich mit den Hörspielen von Europa manchmal widersprechen. Viele Fans scheinen diese Kuriositäten nicht nur vergessen zu haben, sondern ignorieren auch die wenige Mythologie, die schon frühzeitig etabliert wurde, komplett. Streitpunkt der neuen Serie scheint die erwähnte Tatsache zu sein, dass Teela in drei von fünf Episoden im Vordergrund steht, obwohl dies inhaltlich nicht nur absolut Sinn ergibt, sondern auch die alte Mythologie widerspiegelt. Teela ist nicht nur eine der Hauptfiguren, war sogar unter der ersten Welle an Spielzeugfiguren dabei, sondern stand schon in der alten Serie in einigen Episoden im Mittelpunkt der Handlung. Bereits die zweite Folge unter dem Titel „Teelas Suche“ („Teela’s Quest“) behandelt ihre Vergangenheit und mögliche Zukunft. Hier stellt sich heraus, dass sie die Tochter von Zoar, Hüterin von Castle Grayskull, ist. Sollte sie ihrem Schicksal folgen, so würde sie eines Tages Zoars Platz einnehmen und wäre damit potentiell die mächtigste Person auf Eternia. Auch mächtiger als He-Man. Wenn nicht Teela das Machtvakuum in „Masters of the Universe: Revelation Part One“ füllen soll, wer denn sonst? Sie ist die Prinzessin Leia des Masters-Universums. Dies ist Teil der Kern-Mythologie von „Masters of the Universe“. Genauso wie He-Mans Mutter einst als Astronautin von der Erde auf Eternia abstürzte und dort verblieb.

Knapp eine Woche ist seit dem Start von „Masters of the Universe: Revelation Part One“ vergangen. Die Serie gilt als Erfolg, schaffte es sogar unter die weltweiten Top Ten von Netflix. Der zweite Teil befindet sich in der Nachproduktion und Smith verriet bereits, dass Skeletor und He-Man sich bis aufs Blut bekämpfen werden. He-Man wird selbstredend zurückkehren. Seine Abwesenheit in wenigen Episoden ist lediglich ein inhaltlicher Twist, um der Welt von Eternia einfach mal eine neue Ausrichtung zu geben. Die Aufregung war somit eigentlich umsonst, wenn man nicht das Gefühl hätte, dass hier eine Art von politischer Stellvertreterkrieg stattgefunden hat. Ging es wirklich noch um die „Master of the Universe“? Oder suchte man einfach nur einen neuen Aufhänger um den sogenannten Culture War auf einer anderen Ebene weiter auszufechten?

Man kann sich demnach nicht einmal sicher sein, ob die Wut, die Smith aushalten musste (und noch muss), somit wirklich aus der Masters-Community stammt. Es erscheint fast so, dass bekannte Influencer aus dem Popkultur-Bereich wie auf Abruf sich nicht nur von Kontroverse zu Kontroverse angeln, sondern auch Kontroversen selber kreieren, um diese dann der reinen Aufmerksamkeit Willens künstlich hochzupushen. Niemand muss die neue Serie mögen, jeder kann sie selbstredend kritisieren, doch dieser extrem hart geführte Diskurs besitzt kaum eine echte Grundlage, insofern man sich mit der Masters-Mythologie auskennt. Schaut man sich die Vorwürfe gegen Smith an, so sind diese besonders im Kontext der alten Originalserie inhaltlich kaum ernst zu nehmen.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!