Invisibles

verfasst am 21.August 2009 von AFMBE

„The Invisibles“ ist eine Comicreihe, die beim großen amerikanischen Comicverlag DC/ Vertigo von 1994 bis 2000 erschienen ist.

(© Vertigo)

Alleiniger Verfasser dieser damals monatlich erschienenen Reihe ist der 1960 in Schottland geborene Grant Morrison. In den achtziger Jahren begann seine äußerst erfolgreiche Arbeit als Comicautor für verschiedene Verlage. Sein Markenzeichen, unter anderem geprägt von H.P. Lovecraft und Michael Moorcock, ist, neben seinem Hang zu absurden Ideen und einem chaotischen Storyverlauf, seine Liebe zur Gegenkultur. In vielen seiner Comics greift er immer wieder auf diverse Themen aus allen Strömungen gegenkultureller Auflehnung zurück. Ihm scheint viel daran zu liegen vorherrschende Werte und Normen anzuzweifeln, sie allerdings nicht zu verurteilen, sondern mehr aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und für andere, nicht bekannte oder nicht anerkannte Auffassungen oder Konzepte empfänglich zu machen. Und obwohl diese Comicserie von mehr als einem halben Dutzend Zeichner ins Bild gesetzt wurde, bleibt es allein Morrisons Verdienst, dass „Invisibles“ eine eben solche Vorstellung verfolgt. So, genug der trockenen Einleitung…

Die „Invisibles“ (für die Englisch-Unbegabten: die Unsichtbaren; quasi als Leitmotiv gegen „Big Brother is watching you“) sind eine Guerillaorganisation, die es sich zur Aufgabe gemacht haben das Ende der Welt herbeizuführen. Warum denn immer gleich die Welt vernichten? Sagen wir einfach mal, hier hätten sich die Wachowski-Brüder zu „Matrix“ inspirieren lassen können (kein Plan, ob sie dies getan haben), denn die Welt der Invisibles ist nichts als ein Konstrukt, welches den Menschen nur eine von vielen, vielen Möglichkeiten zeigt. Kurzerhand muss also Veränderung her – „Brave New World“ für jedermann, sogar für die Gegner der Querdenker. Dabei operieren die Invisibles in einem Netzwerk aus unabhängigen Zellen zu je fünf Personen, die ihr voriges Leben abgelegt haben. Im Mittelpunkt von Morrisons Erzählung steht aber nur eine dieser Gruppen: King Mob ist ihr Anführer und gleichzeitig bekennender Anarchist und Profikiller. Seine Kraft zieht er aus der Verbindung von Chaosmagie und dem Voodoo Schutztotem des Skorpions. Lord Fanny ist ein schamanischer Transvestit aus Brasilien, der seine Kraft sie vom aztekischen Gott Tlazolteotl bezieht. Boy ist eine ehemalige Polizistin aus New York und Ragged Robin ist eine Telepathin aus der Zukunft. Am allerwichtigsten ist allerdings ihr jüngstes Mitglied aus Liverpool, Jack Frost. Er wird die Welt verändern und soll der nächste Jesus und Buddha zugleich sein.

(© Vertigo)

Gegner der Invisibles sind die „Archons of Outer Church“, außerdimensionale insektenartige Götter, die versuchen die Menschheit zu versklaven. Ihnen zudiensten ist der skrupellose britische Adlige Sir Delacourt, der US Army General Friday und Mister Quimper, ein missgebildeter Telepathengnom. Nebencharaktere wie Jim Crow, ein US-Gangster-Rapper-Voodoo-Avatar Baron Samedis, und Jolly Roger, Initiatorin einer rein lesbischen Invisibles-Zelle, geben dem Handlungsverlauf nicht nur Abwechslung, sondern bringen zusätzliche Blickwinkel aus (gegen-) kultureller Sicht ein.

Bereits aus der Dramatis Personae könnt ihr sicherlich einen sehr ungewöhnlichen Handlungsverlauf erahnen. So kommt es während der Auseinandersetzung der beiden Marquis de Sade in einer Disco der 1990er Jahre. Parteien nicht nur zu mehreren Zeitreisen, sondern auch zu außerkörperlichen Erfahrungen durch Drogen, einem Treffen mit Außerirdischen, Astralreisen, telepathischen Erkundungen durch den Geist des Menschen, dem Ausleben sexueller Phantasien, der Zerstörung einer Indoktrinationsanlage, Nahtoderfahrungen, einem Kampf mit einem Dämon (in seiner eigenen Dimension), dem Erkennen einer anderen Wirklichkeit und dem philosophieren mit einigen Freidenkern der Geschichte über Sexualität, Religion, das Leben und was wahre Freiheit bedeuten würde. Die Charaktere gelangen sogar direkt in die Story des Buches „Die 120 Tage von Sodom“ von Marquis de Sade, der auch für die gesamte Story eine wichtige Rolle spielt. Die genauen Details der Story will ich hier aber mal für mich behalten, damit ich hier niemandem den Lesespaß nehme (und weil die Handlung den Rahmen hier sprengen würde, aber nennt es meinetwegen auch Faulheit).

(© Vertigo)

„The Invisibles“ zu lesen macht Spaß. Grant Morrison hatte wohl auch ganz andere Freuden im Sinn, so dass er, als die Verkaufszahlen zurückgingen, die Fans zu einem internationalen „Wank-a-thon“ aufrief. Das Ziel: Wenn alle zum selben Zeitpunkt masturbierten, würde die freigewordene Energie den Verkauf ankurbeln. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Natürlich sollte ebenso noch erwähnt sein, dass auch diese Comicreihe nicht perfekt ist. Das Ende erscheint arg gekürzt und zu schnell auf die Leser losgelassen, da es wohl auch Deadline-Schwierigkeiten gab. Auch vom zeichnerischen her konnten mich die letzten Ausgaben so gar nicht begeistern, aber das ist und bleibt ja wie immer Geschmackssache.

Fatality:
Chaos. Anarchie. Freiheit. Wer das mag sollte entweder sofort zum örtlichen Comicladen rennen und sich alle Ausgaben der Invisibles besorgen oder aber alternativ sich eine Palette Dosenbier kaufen und sich mit seinen Freunden in den Stadtpark hocken. Revolution!

AFMBE