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„Abigail“ (USA, 2024)

verfasst am 17.Mai 2024 von Markus Haage

Unwissentlich über die Fähigkeiten ihres entführten Opfers, versucht eine Truppe von Gaunern eine Nacht in einer verlassenen Villa zu überleben. Es passiert, was passieren muss: Ihre vermeintlich unschuldige Beute mutiert zur Jägerin. Mit „Abigail“ inszenierte das Regie-Duo Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett ein kleines Horror-Highlight, welches lediglich etwas zu ausgiebig in die erzählerische Breite geht.

Wie soll man über einen Film berichten, dessen Teaser-Poster bereits den zentralen Twist der Handlung verrät? Zur Bewerbung von „Abigail“ (USA, 2024) stand Universal Pictures wohl vor einem Problem: Das größte Verkaufsargument stellte auch gleichzeitig die größte Wendung dar; im Kontext der Storyline eine absolute Offenbarung. Sicherlich, Genre-affine Zuschauer hätten diese vielleicht erahnen können – man kennt die Eigenheiten moderner Horrorfilme –, aber das Werk streut im Vorfeld noch genug Zweifel, dass es zumindest eine gewisse Überraschung dargestellt hätte. Doch ein Film ist nun einmal auch ein Produkt und dieses muss verkauft werden. Der Twist, gleichzeitig Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Handlungen, stellt somit das vielleicht größte Verkaufsargument dar, eben das eine Plot-Element, welches den Unterschied zu anderen Produktionen macht, und demnach zur Promotion schlichtweg nicht ignoriert werden kann …

Eine zusammengewürfelte Gruppe Kleinkrimineller wird damit beauftragt, ein junges Mädchen zu entführen und bis zum Morgengrauen in einer alten verlassenen Villa zu verstecken. Ein einfacher Auftrag, sollte man meinen, doch natürlich hat man ihnen etwas verschwiegen: Das unschuldig anmutende Mädchen namens Abigail ist nicht die Beute, sondern die Jägerin. Eingesperrt in der Villa müssen die Gauner schnell erkennen, dass sie nur als Futter für eine junge Vampirin gedacht sind.

Noch sieht es nach einem einfachen Job aus …
(© 2024 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Es kommt, was kommen muss: Ein wohl dosiertes Massaker, welches einen Bösewicht nach dem anderen aus der Handlung herausnimmt. Lediglich kleinere Twists führen zu Nebenplots, die sich letztlich natürlich der großen Haupthandlung unterwerfen müssen, aber für Abwechslung im zu erwartenden Katz-und-Maus-Spiel zwischen Mensch und Vampir sorgen. Mit einer Laufzeit von 109 Minuten nimmt sich „Abigail“ irritierend ausgiebig Zeit. Die Prämisse hätte sich sicherlich perfekt für einen achtzig- bis neunzig-minütigen Film (inklusive Vor- und Abspann) geeignet; heutzutage geht man aber erzählerisch gern in die Breite. Und so möchte auch „Abigail“ weitaus mehr erzählen als die Zuschauer überhaupt wissen müssen, um der eigentlich simplen Prämisse zu folgen. Diese stellt nämlich die Stärke des Films dar und sollte erst gar nicht unnötig verkompliziert werden. So dauert es auch, bis der Film an Fahrt aufnimmt und das Unausweichliche geschehen lässt, nur, um das Tempo dann wieder zu verringern. Wenn allerdings die Hölle losbricht, hält sich „Abigail“ (im Rahmen eines R-Rated-Cuts) nicht sonderlich zurück. Ganze Köpfe werden ihren Halt verlieren, während Blutfontänen die verstaubte Einrichtung besudeln.

Damit nicht nur die zu erwartenden Standards abgehandelt werden, will das Regie-Duo Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett, die mit „Scream“ (2022) und „Scream VI“ (2023) das gleichnamige Franchise neu starteten, auch mehr Dynamik in die Handlung bringen, indem sie die Gaunertruppe, eigentlich Verbündete, auseinanderreißt. Dies ist sogar wörtlich gemeint (somit: *pun intended). Die Vampir-Göre Abigail treibt ihr Spiel mit ihnen, führt sie in die Irre, will sogar Verbündete unter ihnen ausloten. Dies aber eben nicht ohne Grund. Im letzten Drittel offenbart sich eine neue Handlungsebene, ein weiterer „Twist“, der an dieser Stelle nicht verraten werden soll. Damit dies funktionieren kann, müssen die Gauner im Verlauf der Handlung die Sympathien des Publikums gewinnen. Und so wird eine Figur auserkoren, um als Anti-Held(in) umfunktioniert zu werden. Nicht so ganz schuldig, nicht so ganz unschuldig. Diese Position nimmt Melissa Barreras Charakter ein. Interessant ist, dass „Abigail“ hiermit gewisse Ähnlichkeiten zum Horrorfilm „Ready or Not“ (2019) aufbaut, der nicht nur vom Matt Bettinelli-Olpin und Tyler Gillett inszeniert, sondern ebenfalls von Guy Busick geschrieben wurde. Sollten sie an ihrer eigenen „Apocalypse-Trilogy“ (innerhalb ihrer Filmografie) arbeiten, so befinden sie sich damit auf dem besten Wege.

Abigail ist wahrhaftig nicht das kleine unschuldige Mädchen.
(© 2024 Universal Studios. All Rights Reserved.)

„Abigail“ präsentiert sich routiniert klassisch. Inszenatorische Überraschungen oder gar Experimente – mit Ausnahmen einiger Wendungen oder Gewaltspitzen – existieren nicht. Dies ist aber durchaus als Kompliment zu verstehen, denn Bettinelli-Olpin und Gillett brechen somit nicht mit der eigenen Inszenierung, sondern halten sich strikt daran. Lediglich die Länge lässt den Film zeitweise wie einen Extended Cut wirken. Letztlich wäre die Grundhandlung auch perfekt für eine Episode einer Anthologie-Serie geeignet gewesen. Weniger erzählerische Breite hätte das Tempo erhöht und damit auch den zu erwartenden Twist rasanter eingeführt. Es ist allerdings auch als bemerkenswert zu bezeichnen, dass ein Genrefilm von einer solchen inszenatorischen Qualität und erzählerischen Breite weltweit von einem Majorstudio vertrieben wird. Man möchte sich nicht wirklich beklagen und bei „Abigail“ fällt es auch tatsächlich etwas schwer. Für Horrorfans, die auf reißerische, aber gleichzeitig hochwertig inszenierte Grusel-Geschichten Wert legen, sicherlich eines der kleinen Highlights des Jahres.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!