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„Firestarter“ (USA, 2022)

verfasst am 19.Mai 2022 von Markus Haage

(© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Nach vierzig Jahren erfährt Stephen Kings „Feuerkind“ mit „Firestarter“ eine erneute Verfilmung, die sich ganz im inszenatorischen Geiste der Zeit eng mit den 1980er-Jahren verbunden fühlt.

Offizielle Synopsis: Seit mehr als einem Jahrzehnt befinden sich Andy (Zac Efron) und Vicky (Sydney Lemmon) auf der Flucht: Verzweifelt versuchen sie, ihre Tochter Charlie (Ryan Kiera Armstrong) vor einer geheimnisvollen Regierungsbehörde zu verstecken, die ihre einzigartige Fähigkeit, Feuer zu entfachen, als Massenvernichtungswaffe einsetzen will.

Der junge Stephen King wusste sich zu vermarkten. Schon frühzeitig traten Hollywood-Studios an ihn heran, um seine Novellen und Romane zu verfilmen. Er stand einer Adaption seines Werks stets offen gegenüber; sicherlich auch, weil er wusste, dass dies besonders in den Anfangsjahren seines Schaffens seine Stellung als Autor natürlich massiv förderte. Der Name Stephen King entwickelte sich zu einer Marke. Die Verfilmungen halfen hierbei enorm und schaut man sich diese an, so verwundert es auch überhaupt nicht. Auch wenn er mit Stanley Kubricks Adaption „Shining“ („The Shining“, 1980) noch öffentlich haderte, gilt das Werk heutzutage als ein Meilenstein des Horrorgenres. Gleiches kann man auch durchaus über Brian De Palmas „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“ („Carrie“, 1976), Tobe Hoopers „Brennen muss Salem“ („Salem’s Lot“, 1980) oder auch David Cronenbergs „Dead Zone“ („The Dead Zone“, 1983) behaupten. Doch Masse bedeutet bekanntermaßen nicht immer Klasse. Hollywood stürzte sich regelrecht auf Kings Schaffen, sodass früher oder später nicht nur die Qualität der Adaptionen nachließ, sondern der Markt sich auch schlichtweg übersättigte.

Aus heutiger Sicht hat King alle Hypes und Trends überlebt und gehört immer noch zu den bedeutendsten Autoren der US-amerikanischen Horror-Literatur, doch ab Mitte der 1980er-Jahre wurde sein Grauen zum Standard. Dies manifestierte sich auch in der filmischen Umsetzung seiner Stoffe, von denen viele für ein Nischenpublikum produziert wurden und oftmals weit von den ursprünglichen inhaltlichen Möglichkeiten entfernt blieben. Der Marke King schadete dies aber nicht, weil in regelmäßigen Abständen stets ein Werk herauskam, welches inszenatorisch beeindrucken konnte – man denke hierbei an Filme wie „Stand by me – Das Geheimnis eines Sommers“ („Stand by me“, 1986), „Die Verurteilten“ („The Shawshank Redemption“, 1994) oder auch „The Green Mile“ (1999) –, aber die schiere Masse an Produktionen überschattete dies. Auch, weil der absurde Trend einsetzte, erfolgreiche King-Verfilmungen einfach fortzusetzen, obwohl es hierfür keinerlei inhaltliche Grundlage gab. Der Name besaß aber noch genug Zugkraft, insbesondere unter Horrorfans, und sei es nur für den Fernseh- oder Direct-to-Video-Markt.

Die bereits extrem freie Adaption von „Der Rasenmähermann“ („The Lawnmover Man“, 1992), die streng genommen mit Kings Novelle kaum noch etwas zu tun hatte, erhielt für den Direct-to-Video-Markt das Sequel „Der Rasenmäher-Mann 2 – Beyond Cyberspace“ („Lawnmower Man 2: Beyond Cyberspace“, 1996), welches die Handlung in eine dystopische Zukunft fortführte. Von „Manchmal kommen sie wieder“ („Sometimes they come back“, 1991) wurden sogleich zwei Sequels inszeniert und selbst die großen Horror-Klassiker der frühen Jahre, wie etwa De Palmas „Carrie – Des Satans jüngste Tochter“, wurden für das Fernsehen mit einer Fortsetzung beerbt. Gleiches gilt auch für „Der Feuerteufel“ („Firestarter“, 1984).

Unterschiedliche Inkarnationen derselben Geschichte.
(© Viking Press, 1984/2002 Universal City Studios. All Rights Reserved.)

Der Originalroman, in Deutschland unter dem Titel „Feuerkind“ erschienen, zählte nie zu Kings beliebtesten Geschichten. Die schiere Popularität seines Schaffens veranlasste aber den italienischen Film-Mogul Dino De Laurentiis dazu, zumindest zu versuchen, auf der Erfolgswelle mitschwimmen und die Verfilmungsrechte zahlreicher King-Geschichte einzukaufen. Eine davon war „Feuerkind“. Ursprünglich wurde John Carpenter angeheuert, um eine Verfilmung in Angriff zu nehmen. Nachdem allerdings sein Remake „Das Ding aus einer anderen Welt“ („The Thing“, 1982) vom zeitgenössischen Publikum als auch den Kritikern zerrissen wurde, stutzte man das Budget zu „Der Feuerteufel“ dermaßen, dass Carpenter das Interesse verlor und stattdessen eine andere King-Geschichte für die Leinwand adaptierte: „Christine“ (1983). Als Ersatz für Carpenter heuerte man den jungen Filmemacher Mark L. Lester an, der „Feuerkind“ als eine routinierte Horror-Mär inszenierte, die heutzutage einen gewissen Kultstatus besitzt (oder mancherorts gar als Genre-Klassiker verklärt wird) und im Jahre 2002 obendrein eine (wenig beachtete) Fernsehfortsetzung unter dem Titel „Feuerteufel – Die Rückkehr“ („Firestarter 2: Rekindled“) erhielt. Ob der Status der ersten Verfilmung gerechtfertigt ist oder nicht, sei einmal dahingestellt. In aller Konsequenz trug diese Popularität nun im Jahre 2022 sicherlich auch dazu bei, die Romanvorlage erneut für die Leinwand zu adaptieren. Somit ist „Feuerkind“ das erste Werk aus Kings Schaffen, das sämtliche mögliche cineastische Inkarnationen einer King-Vorlage durchlief: Adaption, Pseudo-Fortsetzung und eben Neuverfilmung.

Das deutsche Kinoplakat zum Film.
(© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.)

So verwundert es vielleicht auch nicht, dass der Film sich von Anfang an einer gewissen inszenatorischen Nostalgie hingibt und sich stark an die 1980er-Jahre anlehnt. Bereits der Vorspann macht dies charmant deutlich – die Titeleinblendung zitiert sogar den Originalroman durch die Verwendung der Schriftart Benguiat –, auch wenn die eigentliche Geschichte nicht in der Vergangenheit angesiedelt ist. Auditiv wird dieser „Rückfall“ durch den wirklich grandiosen Synthie-Score von John Carpenter gar noch verstärkt. Zusammen mit seinem Sohn Cody Carpenter und seinem Ziehsohn Daniel A. Davies hat der sogenannte Altmeister des Horrors einen Soundtrack komponiert, der an die besten Tage seines musikalischen Schaffens erinnert und den Film nicht nur atmosphärisch unterstützt, sondern massiv aufwertet. Wenn Charlie zum Finale ein Inferno zu Carpenters Klängen loslässt, macht sich beim Zuschauer eine gewisse Gänsehaut breit. Carpenter kann immer noch abliefern. Diese inszenatorische Rückkehr in die 1980er-Jahre macht sich ebenfalls in der Präsentation der Handlungsorte bemerkbar. Es werden Settings gewählt, die gefühlt stets in der Vergangenheit verhaftet sind. Ein spärlich ausgestatteter Laden mit datierten Mobiliar; ein Farmhaus, in dem die Zeit schlicht stehen geblieben ist. Vor Jahrzehnten hochmodern, nun Exempel einer erloschenen Epoche, die nur noch in der Erinnerung existiert. Es ist ein vergangenes (oder untergegangenes) Amerika, welches hier Schauplatz der meisten Handlungen ist. So wie es eben auch in der Realität existiert, aber durch die cineastische Brille oftmals beschönigt dargestellt wird. Sämtliche Charaktere spiegeln dies wider. Sie alle sind Opfer vergangener Entscheidungen, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen.

Demnach ist sich das Werk natürlich bewusst, dass es in der Gegenwart spielen muss, um mit einem modernen Publikum zu kontakten. Vor allem technische Gimmicks, die sich gewisser Sci-Fi-Elemente bedienen, verraten die zeitliche Verortung. Eigentlich unnötig, aber letztlich Abänderungen im Storyverlauf geschuldet. Bereits die Verfilmung aus dem Jahre 1984 nahm sich gewisse inhaltliche Freiheiten, die vorliegende Neuverfilmung tut dies ebenfalls, auch wenn sie bemüht ist, besonders bei den Nebencharakteren vorlagengetreu vorzugehen. So wird erstmalig John Rainbird als Ureinwohner präsentiert. In „Der Feuerteufel“ übernahm die Rolle noch George C. Scott und interpretierte sie vollkommen neu. Die Neuverfilmung verpasst aber leider die Chance Rainbird die nötige dramaturgische Tiefe zu geben, die dem Charakter gerecht wird. Und so ist ein Vergleich beider Adaptionen mit der Romanvorlage zwar oberflächlich interessant, aber letztlich schwierig, da sie tatsächlich unterschiedliche Gewichtungen vornehmen, auch wenn der grundlegende Plot fast identisch ist. Interessant ist hierbei das Ende, welches natürlich nicht gespoilert wird, aber eine gewisse Option für eine mögliche Fortsetzung offen lässt, auch wenn die Vorlage diese natürlich nicht vorgab. Vielleicht erklärt dies auch die unnötig schwache dramaturgische Unterfütterung des Films. Auch wenn „Firestarter“ bemüht ist, die (zumindest für Fans) bekannte Geschichte mit einigen neuen Wendungen und Anordnungen interessant zu machen, hätte der Film sich mehr Zeit für seine Figuren nehmen müssen. Einige Charaktere werden bedauerlicherweise verschenkt und erhalten nicht den Raum, um sich vollends entfalten zu können. Dies gilt insbesondere für Kurtwood Smith als Dr. Joseph Wanless sowie Gloria Reuben als Captain Hollister. Sie erfüllen einen Zweck, um die Handlung flüchtig zu vertiefen oder Momente voranzubringen, obwohl sie eigentlich als Antagonisten dazu prädestiniert waren, die Hintergrundgeschichte zu tragen.

Dr. Joseph Wanless (Kurtwood Smith) warnt vor seiner Schöpfung.
(© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Glücklicherweise kann diese Schwäche allerdings von den Hauptdarstellern aufgefangen werden, von denen insbesondere Zac Efron als Vater von Charlie positiv überrascht. Er wirkt zwar zeitweise etwas zu jung für die Rolle, aber dies ist für den 34-jährigen Schauspieler, der vorab vor allem in Teen-Comedies als auch College-Komödien auffiel, wohl eher als Kompliment zu verstehen. Eben auch, weil er durch sein intensives Spiel vollends überzeugt. Man wünschte sich auch hier einige wenige Szenen oder Momente mehr, um die Beziehung zwischen Vater und Tochter noch zu vertiefen, vornehmlich aufgrund des drastischen (vorlagengetreuen) Finales. Letztlich ist die Wandlung von Charlie zum sogenannten „Feuerteufel“, der dramaturgische Höhepunkt des Films, bekanntlich mit einem Opfer verbunden, das ihr aufgezwungen wird und dessen Intensität durch eine engere Bindung man noch hätte steigern können. Dies gilt zumindest für die inhaltliche Ebene. Inszenatorisch hält sich das Werk beim Finale kaum zurück. Im Gegensatz zur ersten Verfilmung kann man mittlerweile auf eine hoch entwickelte Tricktechnik zurückgreifen, die selbst Feuer fotorealistisch darstellt (lange Zeit eine der kompliziertesten Effekte im CGI-Bereich), dennoch ist „Firestarter“ tatsächlich bemüht, praktische Effekte immer dann anzuwenden, wenn dies sinnvoll und möglich erscheint. Ein CGI-Massaker ist nicht zu erwarten. Charlie wandelt nicht durch ein Feuermeer wie Dark Phoenix in populären Comic-Verfilmungen, sondern setzt selbst im größten Inferno ihre Fähigkeiten gezielt ein. Fähigkeiten, die natürlich brutale Resultate nach sich ziehen.

Charlie (Ryan Kiera Armstrong) nimmt keine Rücksicht mehr.
(© 2022 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Mit der Neuverfilmung „Firestarter“ wird Kings Vorlage leicht modernisiert, ohne aber den vorgegebenen Pfad inhaltlich zu verlassen. Auch wenn es dem Werk in bestimmten Momenten an inszenatorischer und dramaturgischer Raffinesse fehlt, ist der Film der Inbegriff des Midnight-Movies. Nicht nur, weil es markante Chiffren des 1980er-Jahre-Horrors zelebriert, sondern durch seine kompakte Erzählweise im Zeitalter der „unendlichen Geschichten“ eine packende, in sich abgeschlossene Schauer-Mär darstellt.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!