Day After – Der Tag danach, The (USA, 1983)

verfasst am 13.Juni 2009 von Markus Haage

„Da geschahen Stimmen und Blitze und Donner und Erdbeben. Es ward ein Hagel aus Feuer und Blut gemenget und fiel auf die Erde. Und ein Drittel der Bäume verbrannte und alles grüne Gras verbrannte und es ging auf ein Rauch aus dem Brunnen, wie ein Rauch aus dem großen Ofen. Und es ward verfinstert die Sonne und die Luft aus dem Rauch des Brunnens. Und es kamen Heuschrecken aus dem Brunnen auf die Erde und ihnen ward Macht gegeben, wie die Skorpione Macht auf Erden haben.“

Folgendes Review wird der Einfachheit halber in sechs verschiedene Kapitel unterteilt, da das Zusammentragen der vielen Informationen es sonst wohl zu unübersichtlich gestaltet hätte.

I. Die Erschaffung des Jüngsten Gerichts
II. „The Day After“ – ein Schnittmassaker in der Produktion
III. Veröffentlichung
IV. Der Film
V. Verschiedene Schnittfassungen
VI. Die deutschen Schnittfassungen
VII. Fazit

Ich möchte nochmal darauf hinweisen, dass die Abschnitte II., III. und IV. von mir exklusiv für Schnittberichte.com angefertigt wurden und unter anderem zwei ausführliche Schnittberichte zu den unterschiedlichen Fassungen beinhalten. Die Schnittberichte, sowie einen ausführlicheren Text zu den verschiedenen Fassungen findet ihr hier.

„The Day After“ gehört wohl zu den beeindruckendsten und wichtigsten amerikanischen TV-Produktionen aller Zeiten. Normalerweise sollte man mit Superlativen immer sparsam sein, dennoch muss man bei „The Day After“ zwangsläufig darauf zurückgreifen, um den heutigen Filmfans dessen Einfluss auf eine ganze Generation von jungen Amerikanern deutlich zu machen. Bei seiner Fernsehpremiere am 20.November 1983 saßen mehr als 100 Millionen Amerikaner vor dem TV-Bildschirm (dies bei einer damaligen Gesamtbevölkerung von geschätzten 260 Millionen). Selbst die US-Regierung konnte sich diesem Medienereignis nicht entziehen und musste öffentlich Stellung zum Konzept der nuklearen Kriegsführung beziehen. Der damalige US-Präsident Ronald Reagan schrieb in seinen berühmten Tagebüchern, dass der Film ihn tief betroffen hätte. Nach der Unterzeichnung der Abrüstungsverträge von Reykjavik zwischen den USA und der Sowjetunion 1987 (vier Jahre nach der Erstaustrahlung), ließ die Reagan-Administration Nicholas Meyer, dem Regisseur des Films, ein Telegramm zukommen, indem auf Anweisung von Reagan persönlich folgender Text übermittelt wurde: „Don’t think your movie didn’t have any part of this, because it did.“

Der kulturelle Einfluss von „The Day After“ ist (zumindest für den angel-sächsischen Raum) unbestritten und ABC wusste von Anfang an, dass diese Produktion, wenn sie erfolgreich wäre, für Wochen die Medien dominieren würde. Einen Misserfolg konnte sich ABC weder für ihre Reputation, noch für ihre Finanzen erlauben. Deswegen ließ der Fernsehsender die gesamte Produktion pingelig überwachen und versuchte auf verschiedenste Art und Weise die Produktion zu beeinflussen. Am deutlichsten wurde dies in der Nachproduktion, beim Schnitt des Films, bemerkbar, was u.a. dazu führte, dass der Ausstrahlungstermin immer wieder um mehrere Monate verschoben werden musste und fast im Rücktritt des Regisseurs ausuferte.

(© ABC Television)

I. Die Erschaffung des Jüngsten Gerichts
Nachdem Brandon Stoddard, Präsident des US-Fernsehsender ABC, 1981 den vielfach prämierter Kinofilm „Das China-Syndrom“ sah, gab er ein Drehbuch in Auftrag, das sich mit den direkten Auswirkungen eines nuklearen Krieges auf amerikanischen Boden befasst. Edward Hume, der für ABC bereits die Serie „Die Straßen von San Francisco“ entwickelte, wurde mit einer ersten Drehbuch-Fassung beauftragt, welche er in den Jahren 81/82 noch mehrfach überarbeiten musste, bis ABC ein aus ihrer Sicht akzeptables Drehbuch erhielten, welches die Auswirkungen eines Atomkriegs nicht zu brutal und grafisch darstellen würde. Für Hume war dies ein schwere Drahtseilakt, da er wusste, dass eine solche Großproduktion nur mit den richtigen finanziellen Mitteln realistisch umzusetzen war, und so baute er von Anfang an inhaltlich drastische, aber in der Umsetzung etwas mildere Szenen ein.

Nachdem man vergeblich verschiedene Regisseure anfragte, entschloss sich Nicholas Meyer den Film zu inszenieren. Allerdings nur unter der Bedingung, dass das im vorliegende Drehbuch so umgesetzt wird, ohne Abstriche oder Einschränkungen. ABC willigte ein, doch dies sollte sich später vollkommen anders darstellen, da ABC aktiv in den Schnittprozeß eingriff – bis zu dem Punkt, an dem Meyer selber das Handtuch werfen wollte (dazu später mehr). Zusammen mit Edward Hume und dem Produzenten Robert Papazian suchte das Team nach geeigneten Drehorten und fand diesen in Lawrence, Kansas. Nicht nur das diese Kleinstadt quasi im geographischen Mittelpunkt der USA stand, sowie den guten demographischen Durchschnitt der US-Bevölkerung darstellte, sondern die Region um Lawrence und dem nicht weit entfernten Kansas City wäre im Falle eines echten Atomkrieges auch Hauptziel feindlicher Mittelstreckenraketen geworden. Über 150 Raketensilos befanden sich allein im Bundesstaat Kansas – der Luftwaffenstütztpunkt Whiteman war von Lawrence nur 60 Kilometer entfernt. So entschied man schnell die Haupthandlung in der Region um und in Lawrence spielen zu lassen, das nach der ersten Drehbuchfassung vollkommen vernichtet wurde, wo hingegen Kansas City verschont bliebe.

Die Bevölkerung, sowie die lokalen Behörden von Lawrence unterstützen die Produktion in großen Maße – was Meyer auch in der Besetzung seines Filmes zu gute kam. Von Anfang an wollte er auf bekannte Schauspiel-Gesichter verzichten und setzte vor allem auf unbekannte Nachwuchstalente, sowie TV-Darsteller. Lediglich Jason Robbards wurde auf Wunsch von ABC als einziger, oscar-prämierter Hollywood-Schauspieler gecastet. Der Rest der Nebendarsteller und Statisten wurden fast vollends aus der Bevölkerung von Lawrence gecastet. So bot man den hiesigen Universitäts-Studenten 75 US-Dollar an, damit sie sich ihre Köpfe kahlrasieren. Farmer stellten ihr Land für Außendrehs gratis zur Verfügung. Geschäftsinhaber willigten gegen eine kleine Aufwandsentschädigung ein, dass man ihre Schaufenster und sichtbaren Ausstellungsräume beschädigt. Die Stadt wiederum sperrte für Tage die Hauptstraße und verzögerte den Abriss baufälliger Gebäude, um den Dreh zu gewährleisten.

II. „The Day After“ – ein Schnittmassaker in der Produktion
„The Day After“ war ursprünglich als ein vierstündiges TV-Event geplant, das über zwei Abende ausgestrahlt werden sollte. Der erste Teil würde die Vorgeschichte behandeln und mit den Einschlägen der Atombomben enden, während der zweite Teil demzufolge den eigentlichen „Tag danach“ zum Thema machte und die Auswirkungen des nuklearen Holocausts darstellte. Nach dem Dreh entschieden ABC und der Regisseur Nicholas Meyer sich, den Film auf 2 Stunden herunterzukürzen, da nach eigener Aussage von Meyer sich niemand an zwei ganzen Abenden einer Thematik wie dem nuklearen Holocaust zuwenden möchte („Noone wants to sit through two evenings of nuclear holocaust.“). Der Film wäre somit der Gefahr eingegangen massiv an Zuschauern zu verlieren (zumal die eigentliche Handlung erst im zweiten Teil einsetzt). Die vierstündige Version war allerdings bereits abgedreht (mit Ausnahme einiger SFX-Einstellungen) und so musste Meyer den Film „lediglich“ einen neuen Rhythmus verpassen und entscheiden welche Szenen nun für einen 2-Stunden-Schnitt und für die Botschaft des Films bedeutend wären.

Was sich auf dem Papier leicht liest, ist natürlich aus künstlerischer Sicht eine extrem schwierige Aufgabe, da viele Handlungsstränge aufeinander aufbauen und miteinander verwoben sind und man nicht einfach „jede zweite Szene“ entfernen kann. Des Weiteren beeinflusst ein kompletter Umschnitt natürlich extrem den Gesamtton des Films und man muss sehr vorsichtig beim Schnitt vorgehen und die Szenen aufeinander abstimmen. Aber nicht nur dies sorgte für erhebliche Probleme in der Nachproduktion, sondern ABC selber stellte Forderungen an Meyer, wie der Film am besten zu schneiden sei. Dies hatte verschiedene Gründe.

Zum einem waren diese Gründe marketing-strategischer Natur, da der Film natürlich zu einer der teuersten TV-Produktionen zählte und ein finanzieller Misserfolg für ABC nicht hätte in Frage kommen können, zum anderen politischer Natur. Meyer benötigte für den Film dringend hoch-qualitative Aufnahmen von Raketenstarts (beziehungsweise des Army-Personals). Diese befanden sich allerdings im Besitz der US-Army und dessen Verwendung wurde an massive Verbindlichkeiten geknüpft. So verlangte das Pentagon, dass der Film es deutlich machen würde, dass die USA nicht den Erstschlag ausführen, sondern rein defensiv handeln würden. Für Meyer war klar, dass dies eine absurde Forderung sei, da es letztlich egal wäre, wer zuerst auf den Knopf drückt, weswegen dies im Film einfach komplett weggelassen wurde. In den Original-Drehbüchern wird zumindest noch angedeutet, dass die USA offensiv handeln, da ein Erstschlag der Sowjetunion, die im Film bereits Brüssel bombardiert hatten, mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten sei. Dies beeinflusste die Schnittfassung zwar nur minimal, lässt aber einen kleinen Einblick in den problematischen Schnittprozeß gewähren.

Das Hauptproblem sollte allerdings ABC selber sein, die sogar Psychologen anheuerten um die verschiedenen Schnittfassungen zu begutachten. So wurden auf Anraten der Psychologen mehrere Szenen herausgeschnitten, die besonders für jüngere Zuschauer zu „verstörend“ hätten sein können. Des Weiteren machte ABC sich Sorgen, dass manche Szenen auf den Zuschauer zu absurd wirken könnten (so zum Beispiel der Verzehr von Ratten), da durch die neue Längenvorgabe von zwei Stunden die Verrohung der Gesellschaft zu schnell für den Zuschauer hätte vonstatten gehen können. Wiederum andere Szenen wurden aus rein politischen Gründen geschnitten (die Erschießung von Plünderern durch das US-Militär). Ebenfalls „Gewalt-Schnitte“ wurden auf Wunsch von ABC vorgenommen. Nicholas Meyer sah sich schnell vor einem Scheiterhaufen stehen und wollte die Produktion verlassen, da er sich mit der von ABC verlangten Schnittfassung nicht mehr identifizieren konnte. Mindestens vier verschiedene Fassungen musste er anfertigen – und selbst bei seiner letzten Fassung (die der ersten TV-Ausstrahlung am ähnlichsten sah) wurden noch Schnittauflagen angeordnet.

Nicholas Meyer hat sämtliche Drehbücher und Produktionsnotizen der Bibliothek der University of Iowa (in Iowa City), seinem Alma Mater, vermacht. Hierunter befindet sich auch ein Brief an ABC, den er zwar verfasste, allerdings nie abschickte. Dieser Brief war de facto eine Rücktrittserklärung vom Regieposten und gewährt uns einen interessanten Einblick in die wohl sehr anstrengende und nervenzerrende Arbeit an einer (damals) „endgültigen“ Fassung von „The Day After“.

Erstellte Grafik mit den originalen Text von Nicholas Meyer.
(© Neon-Zombie.net)

In einem Interview sagte Meyer einst, dass der Brief, bzw. seine Rücktrittserklärung, vollkommen ernst gemeint gewesen sei, er sich allerdings im letzten Moment umentschied, da der Film und dessen Thematik für ihn persönlich zu wichtig gewesen wäre und er deswegen über die vielen Kompromisse hinwegsehen konnte, vor allem da sein Rücktritt den zu erwartenden Kritikern des Films zuviel Angriffsfläche geboten hätte. Dennoch machte er auch während der Produktion nie einen Hehl aus seinen Unmut über die vom Studio gewollte Fassung und hing den Brief im Produktionsbüro öffentlich aus – versehen mit einer kleiner Randnotiz: „Not Sent YET.“.

Auch nach der TV-Erstausstrahlung musste Meyer weiterhin um seine Schnittfassung kämpfen. Für das Video-Release bot ABC ihm an mehrere Szenen wieder in den Film zu integrieren. Hierbei handelte es sich allerdings mehr um einen faulen Kompromiss. Zwar war die erste Video-Veröffentlichung (die auch in Deutschland erschien) tatsächlich länger und entsprach eher Meyers Wunsch, aber es fehlten aus seiner ursprünglichen Schnittfassung für einen Zwei-Stunden-Film noch rund acht weitere Minuten, die bis heute nicht veröffentlicht wurden.

III. Veröffentlichung
Am 20.November 1983 war es dann endlich soweit und „The Day After“ feierte seine Premiere im amerikanischen Fernsehen. Bereits vor Sendebeginn gestaltete sich die Ausstrahlung des Films als äußerst schwierig – zahlreiche Werbekunden sprangen ab – und so entschied man sich in der zweiten Hälfte des Films, nach dem Atombombeneinschlägen, überhaupt gar keine Werbung mehr zu schalten. Bevor der Film begann wies ABC durch eine Ansage des Hauptdarstellers John Cullum sogar die Zuschauer auf die drastische Darstellung hin und richtete eine Notruf-Hotline ein, um nervlich schwache Zuschauer zu beruhigen.

(© ABC Television)

Der Film wurde ein voller Erfolg – über 100 Millionen Amerikaner sahen das TV-Ereignis, was „The Day After“ bis heute zum erfolgreichsten TV-Film der US-Fernsehgeschichte macht. Ebenfalls die anschließende Diskussionsrunde ging in die TV-Geschichte ein. Hier wurde erstmals über das (damals neue) Konzept des nuklearen Winters gesprochen (welches im Film nicht vorkommt, da es erst während der Produktion entwickelt wurde), sowie die berühmte Wettrüstungs-Analogie von Dr. Carl Sagan: „Two men standing waist deep in gasoline; one with three matches, the other with five.“ Für eine ganze Generation wurde „The Day After“ das Bild des nuklearen Holocausts. Wirft man heute noch einen Blick in die Foren-Sektion auf IMDB.com, so reihen sich dort zahlreiche Berichte von Amerikanern, die den Film bei der Erstausstrahlung sahen, und besonders wegen der Aktualität und der realen Bezüge geschockt waren – auch wenn der Film drastisch gekürzt wurde und Nicholas Meyers deswegen darauf bestand, dass am Ende des Films eine Texttafel eingeblendet wurde, die verdeutlicht, dass die wirklichen Ereignisse viel schlimmer seien.

(© ABC Television)
(© ABC Television)

In Europa wurde der Film unter einem großen Medienecho im Kino ausgewertet und erschien kurze Zeit später direkt auf Video, bevor das öffentlich-rechtliche Fernsehen die Rechte für die TV-Ausstrahlung aufkaufte. Interessant zu erwähnen ist, dass der Film sich auch noch heute großer Beliebtheit erfreut und regelmäßig auf RTL 2 im Hauptprogramm ausgestrahlt wird (Stand: Juni 2009).

IV. Der Film
„The Day After“ ist in zwei Haupthandlungen unterteilt, die vor und nach den Atombombeneinschlägen spielen. Zentrale Charaktere sind die Farmer-Familie Dahlberg, die nur 60 Kilometer von Kansas City entfernt wohnt, sowie Dr. Oakes, der aus Kansas City stammt, aber zum Zeitpunkt der Einschläge sich auf der Autobahn befindet. Alle anderen Nebencharaktere werden in das Schicksal der Familie und des Doktor verwoben.

(© Euro Video)
(© Euro Video)

Kurz vor den Einschlägen bereitet Familie Dahlberg die Hochzeit ihrer ältesten Tochter Denise vor, während Dr. Oakes sich mit den Trennung seiner beiden Kinder zurechtfinden versucht, die beide das Elternhaus verlassen haben und nun versuchen ein eigenes Leben zu führen. Als eines Tages die Luftalarmsirenen aufheulen, versucht Dr. Oakes nach Kansas City zu seiner Frau zurückzufinden, während Familie Dahlberg in wenigen Minuten im Keller ihres Hauses einen provisorischen Luftschutzbunker einrichtet. In letzter Minute rettet die Familie sich in den Keller – wobei der jüngste Sohn Billy bei der Detonation einer Atombombe in den Blitz schaut und erblindet. Dr. Oakes versucht auf der verlassenen Autobahn Schutz in seinem Auto zu finden.

(© Euro Video)
(© Euro Video)

Die Auswirkungen der Atombombeneinschläge sind katastrophal. Alleine in der Region um Kansas City sind bis zu fünf Atombomben detoniert – unter anderem um die zahlreichen Raketensilos und Luftwaffenstützpunkte zu zerstören. Von Kansas City ist nicht mehr als eine Wüstenlandschaft übrig geblieben. Während Dr. Oakes versucht nach Lawrence zu gelangen, findet sich Familie Dahlberg nur schwer damit ab in ihrem Keller zu hausen. Billy ist erblindet, die kleine Tochter Jolene vermisst ihren Hund, der oben gelassen werden musste und Denise trauert um ihren Verlobten. Die hygienischen Bedingungen sind menschenunwürdig. Als Toilettenersatz dient ein Loch im Kellerboden. In der Zwischenzeit hat Dr. Oakes es in die Universitätsklinik nach Lawrence geschafft – dort versucht er als Chefarzt das Chaos in Grenzen zu halten. Doch jeder der noch halbwegs lebt oder stirbt, versucht dorthin zu gelangen. Das Krankenhaus ist heillos überfüllt, das Personal überfordert – die medizinischen Notreserven reichen für maximal drei Tage.

(© Euro Video)
(© Euro Video)

Nachdem der radioaktive Niederschlag abgeklungen ist, trauen sich die Dahlbergs, die zwischenzeitlich den jungen Studenten Stephen Klein bei sich aufnahmen, wieder ans Tageslicht. Die Behörden versuchen schleppend den Wiederaufbau anzukurbeln – bei einer einberufenen Konferenz wird die Absurdität dessen deutlich. Während die Behörden die Anweisung geben, die oberen 20 Zentimeter des Farmlandes abzutragen, um die gesunde Erde zu nutzen, wirft Farmer Dahlberg sofort ein, das man noch gar nicht wissen könne, was man als Alternative anpflanzen könnte. Des Weiteren weiß niemand wo man mit der abgetragenen Erde hin sollte. Während die Farmer weiter diskutieren, erreichen die ersten Notkonvois der Armee das Krankenhaus in Lawrence. Aufgrund der knappen Lebensmittelversorgung, machen die Menschen die dortigen Soldaten für das Elend verantwortlich und bringen in ihrer Wut mehrere von ihnen um.

(© Euro Video)
(© Euro Video)

Dr. Oakes, der bis zur Erschöpfung die Kranken versorgt hat, bricht indes zusammen. Auch er wird an der Strahlenkrankheit sterben. Genauso wie Denise Dahlberg und Stephen Klein, die zwischenzeitlich im Krankenhaus angekommen sind. Während man versucht Denise und ihren Bruder Billy zu behandeln, hilft Stephen, solange er noch Kraft hat, die zahlreichen Leichen in Massengräbern zu beerdigen.

(© Euro Video)
(© Euro Video)

Während der Präsident der Vereinigten Staaten seinen Bürgern in einer ersten Radioansprache Mut zuspricht, wird Jim Dahlberg vor seiner Farm von vagabundierenden Plünderern erschossen. Dr. Hachya, der im Universitätskrankenhaus seinen Dienst macht, verabschiedet sich von seinem Freund Dr. Oakes, der noch einmal, bevor er stirbt, seine Heimat, Kansas City, sehen will. Stephen, der nun sichtbar von der Strahlenkrankheit gezeichnet ist, bringt Denise und Billy nachhause. Nur Billy wird, erblindet, die nächsten Tage überleben…

(© Euro Video)
(© Euro Video)

V. Verschiedene Schnittfassungen
Bisher gibt es keine „endgültige“ Schnittfassung von „The Day After“, geschweige denn einen (wirklichen) „Director’s Cut“. Alle veröffentlichten Fassungen weisen Makel auf – und so ist selbst die längste Fassung (in Deutschland als „Special-Uncut-Version“ auf DVD erschienen) lediglich als eine vom Regisseur favorisierte Schnittversion zu betrachten, da diese eben dem oben erwähnten Video-Release entspricht.

Insgesamt kann man von fünf offiziellen Fassungen sprechen (unzählige TV-Ausstrahlungen/ausländische Video-/Kino-Veröffentlichungen nicht mitgerechnet; mit Ausnahme einer offiziellen aber ominösen brasilianischen TV-Fassung).

V.a) Ur-Version
Wie bereits erwähnt war „The Day After“ als vierstündiges TV-Event geplant. Da dies letztlich für zu lang erachtet wurde, schnitt man den Film auf knapp 2 Stunden runter. Diese vier Stunden an Filmmaterial wurden allerdings abgedreht, bisher jedoch noch nie veröffentlicht. Lediglich die verschiedenen Drehbuchfassungen lassen uns einen Einblick in diese Mammut-Version werfen. So wurden unzählige Szenen im Krankenhaus gekürzt (unter anderem der Tod der Krankenschwester Bower; revoltierenden Patienten; Angriffe auf das Krankenhaus-Personal; aufgrund von Medikamenten-Knappheit Operationen an bewussten Patienten), wie auch an der Universität (die Sport-Studenten versuchen gewaltsam die Forschungslabore zu stürmen, da sich dort die letzten Essensreste befinden; der Strahlentod eines Studenten, der kurz nach den Einschlägen die Antenne auf dem Dach richtete) und von Armee-Einheiten, die Menschen zum Aufräum- und Wiederaufbaudienst zwangsrekrutieren. Wann und ob wir diese Version, oder zumindest Teile dessen (zum Beispiel als Deleted-Scenes) jemals zu sehen bekommen, steht in den Sternen.

Selbst zum diesjährigen 25-jährigen Jubiläum wurde von Seiten von ABC oder MGM ein weiteres DVD-Release, geschweige denn eine längere Fassung, noch nicht einmal in Erwägung gezogen. Auch Regisseur Nicholas Meyer hält sich eher bedeckt. Er bestätigte zwar mehrmals die Existenz dieser vierstündigen Ur-Fassung, eine Veröffentlichung hält er allerdings selber für unwahrscheinlich (oder zeigt zumindest kein großes Interesse an einer Veröffentlichung).

V.b) US-TV-Version
Die amerikanische TV-Version, die erste veröffentlichte Fassung, kann ebenfalls nicht als ungeschnitten angesehen werden. Für dieses Release musste Regisseur Meyer mehrere Kompromisse eingehen und einige „extreme“ Szenen entfernen. So wurde auf Druck von ABC eine Szene geschnitten, in der ein Kind aus einem Albtraum erwacht und in die Kamera schreit. Dies geschah auf Anraten von Psychologen, da diese Szene jüngere Zuschauer hätte „verstören“ können. Eine weitere geschnittene Szene zeigt, wie am Ende des Films Plünderer von US-Soldaten erschossen werden. Hierbei handelte es sich wohl um einen „politischen“ Schnitt, da ABC befürchtete, dass die zu negative Darstellung des Militärs gerade bei konservativen Zuschauern vom eigentlichen Thema, dem nuklearen Holocaust, ablenken würde. Man wollte keine Nebenkriegsschauplätze in zukünftigen Diskussionen eröffnen und den Focus auf die Auswirkungen der Atombombeneinschläge richten. Trotz dieser Schnitte enthält diese Fassung dennoch eine Szene, die so nur bei dieser Ausstrahlung gezeigt wurde. Dies gilt wohlgemerkt nur für die englische Originalfassung. Als der Präsident zum amerikanischen Volk via Radio spricht, versuchte man den damaligen Präsidenten Ronald Reagan nachzuahmen und heuerte einen Stimmenimitator an, der Reagans doch sehr markante Sprechweise, perfekt imitierte. Aufgrund mehrerer Proteste, insbesondere von partei-politischer Seite, wurde für alle zukünftigen Veröffentlichungen (im englisch-sprachigen Raum) diese Stimme durch eine Andere ersetzt.

Als Reagan die TV-Version bei ihrer Premiere sah, bot er ABC und dem Regisseur Nicholas Meyer übrigens seine eigene Schnittfassung an. Dies dürfte wohl das erste (und einzige) Mal in der Filmgeschichte gewesen sein, das ein amerikanischer Präsident eine eigene Schnittfassung zu einem Film vorschlug. Leider ist über diesen, nennen wir ihn mal, „President’s Cut“ nicht allzuviel bekannt.

V.c) Video-Fassung
Für die US-Video-Veröffentlichung durfte Nichloas Meyer seine „favorisierte“ Version schneiden, die sich in einigen Punkten von der TV-Fassung unterschied. Es ist anzunehmen, dass diese Fassung mit der deutschen Kino-Version identisch ist. Diese „längste“ Fassung wurde von Euro-Video als „Special-Uncut-Version“ (DVD-Neuauflage) auf den deutschen Markt gebracht.

V.d) brasilianische TV-Fassung
Für die brasilianische TV-Auswertung wurde der Film erheblich umgeschnitten. So wurde das Bildformat geändert (wahrscheinlich von 4:3 auf 16:9), alternative Filmmusik eingesetzt und sämtliche Dokumentationsszenen herausgeschnitten. Da dies den Film erheblich verkürzte, soll der brasilianische TV-Sender beim Produktionsstudio ABC um Füllmaterial (sprich: zusätzliche Szenen) gebeten haben, um die Spieldauer quasi künstlich auf Spielfilmlänge zu halten. Dies würde bedeuten, dass diese (offizielle) Fassung viele „unveröffentlichte“ Szenen enthält. Diese Fassung ist allerdings mit sehr viel Skepsis zu betrachten, da es bisher keine weitere Veröffentlichung gibt (weder eine Video-, noch DVD-Auswertung) und die Existenz sich in erster Linie auf Fan-Berichte in internationalen Foren stützt. Diese Berichte sind allerdings so massiv und treten so häufig auf, dass es sich zumindest bestätigen lässt, dass die Brasilianer eine andere, neu-geschnittene Fassung im TV zu sehen bekamen. Ob und wieviel alternative/neue Szenen eingefügt wurden, lässt sich leider nicht sagen, da diese Austrahlung allerdings mit offizieler Absegnung von ABC geschah und so oder so eklatante Unterschiede zu den westlichen Schnittfassungen aufwies, handelt es sich hierbei zumindest um eine weitere offizielle Schnittfassung. Bleibt zu hoffen, dass irgendein Brasilianer irgendwann auf seinen alten Tapes diese Fassung findet und wenigstens für die Fans unkommerziell digitalisiert…

V.e) „moderne“ Fassung
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, und zumindest dem offiziellen Ende des Kaltes Krieges, entschied man sich eine neue, moderne Fassung zu schneiden, die vor allem in der ersten Stunde des Films viele Szenen, die deutlich auf den Ost-West-Konflikt anspielten heraus- oder umschnitt. Somit versuchte man wohl die Aktualität des Films künstlich aufrechtzuerhalten. Allerdings ließ man merkwürdigerweise dennoch zahlreiche Szenen im Film, die direkt auf den Kalten Krieg anspielten. Dies ist wohl die meistverbreitete Fassung und wurde für den Heimvideomarkt, für TV-Ausstrahlungen und von Euro-Video als DVD (Erstauflage) veröffentlicht.

V. Die deutschen Schnittfassungen
Es gibt somit zumindest für den deutschen Markt zwei verschiedene Versionen von „The Day After“. Der Filmfreund würde selbstredend die offiziell längere Fassung, die Neuauflage namens „Special-Uncut-Version“, kaufen. Allerdings ist diese, trotz ihres Namens, nicht uncut! Sie sollte ohne Frage dennoch für jeden Fan des Films erste Wahl sein, aber auch die geschnittene, „moderne“ Fassung, hat ihre wenigen Vorzüge. Der Einfachheit halber, zähle ich kurz die Unterschiede auf und gebe ein paar Gründe an, warum die „moderne“ Fassung zumindest für Sammler und Fans von Interesse ist.

VI.a) Schnitte
Zwar enthält die „Special-Uncut-Version“ die längere Fassung, dennoch kommt auch sie nicht ganz ohne Schnitte aus, und so enthält die Erstauflage ein, zwei kurze Einstellungen, die in der „Special-Uncut-Version“ (als auch der US-DVD von MGM) komplett fehlen. Hierbei handelt es sich in der Regel nur um kleine, unwichtige Einstellungen, dennoch kann die „Special-Uncut-Version“ somit zumindest eben nicht mehr als „uncut“ bezeichnet werden.

VI.b) alternatives Bildmaterial
Dies ist zwar nur ein weiterer kleiner Faktor, aber zur Überraschung findet sich an ein, zwei Stellen der „modernen“ Fassung alternatives Bildmaterial. Warum das so ist, lässt sich nur mutmaßen.

VI.c) Bildformat
Die „Special-Uncut-Version“ wurde (wahrscheinlich aus marketing-strategischen Gründen) im 16:9-Format präsentiert. Da der Film für den deutschen Markt 1983 im Kino ausgewertet wurde, versuchte man wohl die „Special-Uncut-Version“ darauf basierend ebenfalls im 16:9-Format zu präsentieren. Man vergaß hierbei allerdings, dass „The Day After“ für das Fernsehen gedreht wurde. Von daher ist auch das von Nicholas Meyer bevorzugte Format 4:3. Selbst die US-DVD von MGM ist in diesem Format gehalten. Dies ist nun die Crux für die Fans des Films. Die Erstauflage wird zwar im richtigen Format (4:3) präsentiert und bietet somit auch viel mehr (vom Regisseur gewollte) Bildinformationen, allerdings befindet sich die Bildqualität auf dem Niveau eines alten VHS-Tapes. Zum besseren Verständnis habe ich einen kurzen Bildvergleich angefertigt:

(© Euro Video)

Wiederum wirkt der ausgewählte Bildausschnitt oftmals viel zu groß und viele Details verschwinden im Hintergrund. Somit wäre es den Fans auch mal zu empfehlen, einen Blick auf die US-DVD zu werfen, die ein hervorragendes Bild aufweist, im richtigen Format gehalten und oftmals einen besseren Bildausschnitt präsentiert – aber inhaltlich eben identisch mit der „Special-Uncut-Version“ ist (siehe Punkt 1 und 2).

VII. Fazit
Häufigster Kritikpunkt an „The Day After“ ist seine, für manche zumindest, harmlose Darstellung des nuklearen Holocaust, weswegen ähnliche Filme wie zum Beispiel der ein Jahr später erschienende „Threads“ oftmals bevorzugt werden. Keine Frage, in seiner Darstellungsweise musste der Film aufgrund der Schnittauflagen des Senders extreme Abstriche machen, auf der anderen Seite wäre es aber sehr schwer vorstellbar gewesen im allabendlichen Programm, die wirklichen Auswirkungen schonungslos zu zeigen. Es ist und bleibt ein TV-Film von 1983, mit (für die Verhältnisse) geringen Budget, der um 2 Stunden gekürzt wurde und sich in erster Linie an ein (amerikanisches) MASSENpublikum richtete. Regisseur Meyer sagte aber selber, dass sein erklärtes Hauptziel es war, die Menschen wachzurütteln. Er erreichte mit seinem Film 100 Millionen Amerikaner und schuf das am meist diskutierte TV-Werk der Filmgeschichte. Ähnliche Filme, wie der geniale „Brief eines Toten“, sind ohne Frage eindringlicher, aber hätte dieser Film WIRKLICH einen so großen Erfolg und Einfluss haben können? Nein, definitiv nicht. Aus künstlerischer Sicht mag er überlegen sein, aber man muss „The Day After“ auch mal anrechnen, dass er gerade mit seinen gewählten Mitteln soviel Erfolg hatte. Ein „Day After“ à la „Brief eines Toten“ wäre (wohl leider) untergegangen.

Und viele inhaltliche Kritikpunkte sind (abgesehen von den gewählten Stilmitteln) oftmals nicht berechtigt. Das Konzept des nuklearen Winters, das so im Film nicht vorkommt, existierte zum Zeitpunkt der Produktion noch nicht. Alle Hauptdarsteller (bis auf Dr.Hachya, Frau Dahlberg, ihrem Sohn und Tochter) sterben (on- und offscreen). Und selbst die genannten Überleben haben wohl kein rosiges Schicksal (Billy Dahlberg ist für immer erblindet, und ob die Plünderer, die Herrn Dahlberg erschossen haben, sich WIRKLICH von Frau Dahlberg und ihrer 10-jährigen Tochter aufhalten lassen, ist sehr fraglich). Des Weiteren spielt der Film MAXIMAL 3 -4 Wochen nach den Einschlägen und am Ende wird beim Rolltext klar darauf hingewiesen, dass die wirklichen Auswirkungen viel schlimmer wären.

Über die gewählten Stilmittel kann man sich natürlich lange streiten (und in Bezug auf die Abschluss-Szene, einer der größten Kritikpunkte – das Wiederfinden der Uhr von Dr.Oakes’ Frau in den Ruinen des Hauses – muss ich diesem recht geben, dass es arg kitschig wirkt, aber ich gewichte es nicht so extrem, sondern sehe es mehr als ein dramatisches und für ein Massenpublikum effektives Mittel an). Auch das Einsetzen des Dokumentationsmaterials wirkt oftmals fehl am Platz, letztlich ist dies allerdings auch auf die Umstände der Produktion zurückzuführen. Aus den eigentlichen vierstündigen Fernsehdrama blieb letztlich nur ein Torso übrig (ein Kritikpunkt den man gelten lassen muss – die extremen Zeitsprünge innerhalb der Geschichte sind schon wirklich viel zu groß), aber man muss dem Film auch mal anrechen, dass er wohl nur in dieser Art und Weise ein solches Massenpublikum fesseln konnte. Jeder Regisseur muss immer Abstriche machen und sich einem höheren Ziel unterordnen. Das gilt für Filme wie „Der Baader/Meinhof-Komplex“ (siehe Ermordung in der schwedischen Botschaft, die so human wie im Film nie stattfand), genauso wie für „The Day After“.

Es bringt einem Regisseur nichts, einen künstlerisch-anspruchsvollen Film oder ein realistisch-brutalen Streifen zu drehen, WENN der Zuschauer dann nach 10 Minuten wieder abschaltet. Meyers erklärtes Ziel die Menschen wachzurütteln hat funktioniert und dafür verdient der Film, sowie die Arbeit aller Beteiligten, Respekt und Anerkennung.

stellt trotz der berechtigten Kritik an der Inszenierung eine der wichtigsten TV-Produktionen der US-amerikanischen Fernsehgeschichte dar. Sowohl vom Produktionsumfang, als auch der soziokulturellen Bedeutung her. Eine ganze Generation von jungen Amerikanern wuchs mit diesem Schreckensszenario, dass der Film erstmalig für ein Massenpublikum aufbereitete, auf und prägte dies enorm.

Markus Haage

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Über Markus Haage 2111 Artikel
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