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„Cocaine Bear“ (USA, 2023)

verfasst am 3.April 2023 von Markus Haage

(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Eine schlichte News-Meldung wird nach 36 Jahren zu einem 45-Millionen-Dollar-Film umgeschrieben. Das Ergebnis stellt einen wilden Ritt dar, der sich zu keinem Zeitpunkt ernst nimmt, obwohl es ihm vielleicht nicht geschadet hätte.

Offizielle Synopsis: Als ein Flugzeug mit einer Ladung Koks abstürzt, wütet plötzlich ein Bär in den Wäldern Georgias. Alle machen sich auf die Suche, denn wer zuerst kommt, … frisst zuerst! Ein Schwarzbär findet das weiße Pulver und hat den Trip seines Lebens. Völlig zugedröhnt tobt er durch den Wald auf der Suche nach mehr Stoff!

Hinter jeder noch so kurzen Nachricht kann die Idee zu einem ganzen Spielfilm stecken. Als die New York Times im Dezember 1985 über einen kuriosen Vorfall in den Wäldern Tennessees berichtete – ein Schwarzbär starb an einer Überdosis Kokain, welches sich in einer von einem Drogenschmuggler aus einem Flugzeug abgeworfenen Sporttasche befand –, hätte man sicherlich nicht annehmen können, dass diese Sonderbarkeit 38 Jahre später verfilmt werden würde. Doch die „besten“ Geschichten schreibt stets das Leben; oder liefert zumindest die Inspiration dazu. Denn bis auf die simple Tatsache, dass das arme Tier an der Überdosis elendig verreckte, gab die News-Meldung eigentlich nicht sonderlich mehr her. Sicherlich, die Hintergründe, dass Drogenschmuggler ihre heiße Ware sprichwörtlich unter dem Radar über einmotorige Sportflugzeuge ins Land bringen, ist ein interessanter Fakt, der allerdings schon damals bekannt war. Man denke hierbei nur an den us-amerikanischen Drogenkurier Barry Seal, der nur wenige Wochen nach der Newsmeldung über den „Kokain-Bär“ von südamerikanischen Kartellen ermordet wurde. Seine Lebensgeschichte wurde übrigens im Film „Barry Seal: Only in America“ („American Made“, 2017) mit Tom Cruise in der Hauptrolle verfilmt.

Der Kokain-Bär blieb aber keine reine Anekdote, die vor allem auf populären Seiten, wie Reddit, im Netz alle Jahre wieder als Amüsement hervorgekramt wurde, sondern entwickelte sich gar zu einer (eigentlich traurigen) Attraktion. Der echte Bär wurde auf Drängen eines lokalen Gerichtsmediziners ausgestopft, verschwand aus der Leichenhalle, tauchte plötzlich in einem Pfandhaus in Kentucky wieder auf und steht nun seit Jahren als Ausstellungsstück in der „Kentucky for Kentucky Fun Mall“, einem Einkaufszentrum in Lexington. Doch als Ausstellungsstück blieb es nicht; mittlerweile finden vor dem ausgestopften Kokain-Bär regelmäßig Eheschließungen statt. Wie eingangs erwähnt, die abwegigsten Geschichten schreibt das Leben. Die bloße Realität wäre somit schon absurd genug für einen Hollywood-Film, sollte man meinen. Doch, um die Geschichte des Kokain-Bärs zu erzählen, muss man diese wohl noch zusätzlich ausschmücken oder gar vollkommen neu erfinden. Dies wäre auf mannigfaltige Weise möglich gewesen. Regisseurin Elizabeth Banks entschied sich für den brachialen Weg.

Ist das eine Perücke!?
(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Wer eine Kinokarte für „Cocaine Bear“ löst, erwartet sicherlich kein einfühlsames Melodram. Insbesondere, wenn man vorab natürlich bereits die Trailer gesehen hat. Gleich zu Beginn werden hysterische und mit Klischees versetzte Touristen aus Skandinavien, einer von „Game of Thrones“-Star Kristofer Kivju gespielt, zerfleischt und ihre Gummibeine durch die Gegend geworfen. Der Ton des Films ist nach den ersten fünf Minuten gesetzt. „Cocaine Bear“ versteht sich als reine Comedy, gelegentlich gar als Farce. Anders sind die kreativen Entscheidungen des Produktionsteams ansonsten nicht zu erklären. Der titelgebende „Kokain-Bär“ nimmt in seiner Darstellung zeitweise cartooneske Züge an und erinnert an die Zeichentrick-Figur Yogi Bär. Es existiert kein echtes Drama, auch kein Charakter, mit dem man sympathisieren könnte. Die Geschichte einer jeden Figur wird nur angerissen, eine Tiefe suggeriert, aber nie ausgespielt oder nennenswert verfolgt. Dieser fehlende Fokus lässt den Film wie eine Aneinanderreihung von Sketchen wirken – teils großartigen Sketchen mit absurd-albernen Höhepunkten –, aber eben nur Sketchen. Ein echter dramaturgischer Verlauf existiert nicht.

Und so weiß der Zuschauer nicht so recht, welcher Geschichte er nun konkret folgen soll. Der Mutter, die auf der Suche nach ihrer Tochter ist? Den bedepperten Drogenschmugglern, die auf der Suche nach dem Kokain sind? Einer Gruppe von Touristen, die nacheinander vom Kokain-Bär dezimiert werden oder der Parkaufsicht, die bereits mit ihrer Grundaufgabe, der Aufsicht des Parks, überfordert ist. Viele Handlungsstränge, viele Charaktere. Letztlich werden diese alle zusammenfließen, aber strenggenommen ist es dem Zuschauer relativ egal, wer überlebt oder nicht. Der heimliche Star ist sowieso der Bär, der in fast allen Einstellungen als CGI-Monstrum seinem Blutrausch durch Kokain angetrieben nachgehen darf. Da fast alle Charaktere „unlikeable“ sind – und dies wohl vollkommen beabsichtigt ist –, sieht man deren kreatives und teils überraschend brutales Ableben mit einem gewissen Genuss zu. „Cocaine Bear“ präsentiert sich als der 80ies-Slasherfilm unter den Tierhorrorfilmen und erinnert uns nicht nur durch seine schablonenhaften Figuren als auch dem eintönigen Setting daran, sondern auch durch seine schlichte Inszenierung.

… und niemand kann dem Cocaine Bear entkommen.
(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Die episodenhafte Handlung wird durch 80er-Chiffren zusammengehalten. So eröffnet der Film mit einer Montage populärer Nachrichtensendungen über den „War on Drugs“ und geleitet mit dem Musikstück „Jane“ von Jefferson Starship in die Haupthandlung über; übrigens musikalisch mit dem Opening der 80er-Summercamp-Hommage „Wet Hot American Summer“ (2001) identisch, in der Regisseurin Elizabeth Banks mitspielte. Akustisch erwartet den Zuschauer ein Potpourri an 80er-Hits („White Lines“, „Just Can’t Get Enough“, „The Warrior“ …), optisch zumindest der Versuch einer modischen Wiederherstellung (Jeansjacken, Jogging-Anzüge, Dauerwellen …). Natürlich ist es nur eine Illusion der 1980er-Jahre, die auch klar als solche zu erkennen ist. So beeindruckend der CGI-Bär für eine Genreproduktion auch sein mag, so unverzeihlich sind wiederum die deutlich zu erkennenden Perücken einiger Akteure. Aber vielleicht gehörte selbst dies alles zum selbstironischen Konzept. „Cocaine Bear“ erscheint in zahlreichen Momenten als eine Art gewollter Parodie auf die unzähligen 80er-Hommagen, die in den letzten Jahren vor allem den Genrebereich überfluteten. Dies kann zuweilen durchaus anstrengend sein, da damit nicht nur die Dramaturgie unterwandert wird, sondern auch jeglicher Suspense verloren geht.

Der Cocaine Bear lässt sich nicht aufhalten.
(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

„Cocaine Bear“ wird nicht jeden Zuschauer überzeugen, weil das stets bunte Treiben Teil des Konzepts ist: Eine heitere Nummernrevue an absurden Ideen, bizarren Momenten und hysterischen Charakteren, die aus einem Potpourri an 80er-Chiffren zusammengewürfelt eine leider nie das volle Potenzial ausschöpfende Farce kreiert (und nur ein solch konstruierter Satz hätte als Fazit herhalten können). Kurzum: Das Feuilleton wird stöhnen, Genrefans werden schmunzeln.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!