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Der Brexit trifft auch Filmfans, Britische Label reagieren

verfasst am 30.Januar 2021 von Markus Haage

Auch wenn die Corona-Krise die Medien dominiert, steht die Welt natürlich nicht still. Andere, große Ereignisse finden statt. Eines davon ist der Brexit. Dieser wurde zum 1. Januar 2021 nun vollends vollzogen. Die Startschwierigkeiten scheinen groß zu sein und alle Teile der Wirtschaft sind davon betroffen. So natürlich auch die Filmwirtschaft.

Seit Jahren erfreuen sich britische Film-Veröffentlichungen von Labeln wie Arrow Video, 88 Films oder Second Sight Films großer Beliebtheit im kontinentalen Europa. Dank des europäischen Einigungsprozesses war es einfach diese schnell und legal zu beziehen. Der Brexit änderte es nun. Das Vereinigte Königreich stellt jetzt de facto einen Drittstaat dar, der sich außerhalb der Europäischen Union befindet. Weder ist das Land Mitglied der European Economic Area (EEA) oder der European Free Trade Association (EFTA), so wie Nicht-EU-Mitglieder Norwegen, Lichtenstein und Island, noch der Europäischen Zollunion (European Union Customs Union), wie etwa Nicht-EU-Mitglieder Monaco oder Türkei. Dies bedeutet somit Einfuhrzölle, längere Versandzeiten und höhere Versandkosten für alle Produkte, die das Vereinigte Königreich verlassen oder in das Vereinigte Königreich importiert werden. LKWs stauen sich an der EU-Grenze, Waren, vor allem Lebensmittel, vergammeln in den Trucks, die Lieferketten zu den Supermärkten werden unterbrochen, die Bürokratie steigt drastisch an. Die ersten Wochen des Brexits stellten ein mittleres Desaster dar. Die britische Regierung sah sich sogar schon zu millionenschweren Hilfszahlungen für besonders betroffene Industrien genötigt. Aber der EU-Austritt ist natürlich keine Einbahnstraße.

Das April-Programm von Arrow Video.
(© Arrow Video)

Wer in das UK versenden möchte, muss nun auch höheres Porto und Zollgebühren bezahlen. In anderen Wirtschaftsbereichen senden viele britische Kunden Waren aus der EU zurück, da die Einfuhrkosten und die nachträglich zu zahlenden Steuern zu hoch sind. Die EU-Händler bleiben auf den Kosten sitzen, sodass Ware bereits vor Ort vernichtet wird, anstatt diese teuer zurückzuschicken. Zahlreiche Händler aus der EU versenden nicht mehr nach Großbritannien. Ähnlich wird es auch in unserem Nischenmarkt sein.

Im Vereinigten Königreich waren deutsche Releases durchaus populär und deutsche Labels haben in den letzten Jahren ihre Veröffentlichungen zunehmend internationalisiert (Verwendung der englischsprachigen Originaltitel anstatt des deutschen Titels, keine deutschen Schriften oder Zeichen mehr auf den Artworks, etc.). Ob oder in welchem Ausmaß sich der Brexit letztlich auch negativ auf deutsche Nischenlabels auswirkt, ist noch nicht vollends zu erfassen. Auch wenn deutsche Label sicherlich einen gewissen Rückgang zu spüren haben werden, trifft sie der Brexit weniger hart als die britischen Firmen. Glaubt man den Kommentaren von Filmfans aus der EU, die natürlich nicht vollends repräsentativ sind, so haben sich viele von ihnen bereits dazu entschieden, keine Filme mehr aus dem Vereinigten Königreich zu erwerben. Ob in Belgien, Kroatien, Frankreich oder Deutschland, die extrem hohen Kosten zwingen zur Enthaltsamkeit.

Die Misere ist den britischen Labels natürlich bewusst und es wird bereits gehandelt. So hat Arrow Video, wohl das populärste britische Label, bereits angekündigt, unter einer neuen Adresse zu vertreiben, sodass man den Kunden aus der EU zumindest die sogenannte VAT (Value-added tax), in diesem Fall quasi eine doppelte Mehrwertsteuer, ersparen kann.

Insofern keine lizenzrechtlichen Einschränkungen vorhanden sind, könnten die britischen Labels auch auf die Republik Irland ausweichen und dort zumindest Zweigstellen errichten, da viele Filmlizenzen oft das Vereinigte Königreich (England, Schottland, Wales und Nord-Irland) und Irland umfassen (ähnlich wie hierzulande die Lizenzen oft Österreich und Deutschland umfassen). Somit wäre ein Vertrieb aus der Europäischen Union ohne Hürden wieder möglich. Für die Label bedeutet dies allerdings einen weitaus höheren Aufwand. Ob dieser sich tatsächlich lohnt, ist von außen schwer einzuschätzen. Derzeit werden solche Lösungen aber innerhalb der britischen Medien und Politik für andere Wirtschaftsbereiche, insbesondere der Lebensmittelwirtschaft, bereits diskutiert.

Vielleicht wird das Vereinigte Königreich in naher Zukunft wenigstens wieder ein Teil der europäischen Zollunion. Nachverhandlungen sind zumindest bereits angedacht. So oder so, würde aber auch dieses immer noch einen Rückschritt im Vergleich zu den alten Verhältnissen darstellen und am Ende verliert jeder weiterhin. Die Label auf beiden Seiten des Kanals, sowie die Händler und natürlich auch die Filmfans.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!