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„Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ (USA, 2022)

verfasst am 12.Juni 2022 von Markus Haage

(© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.)

Nun haben sie es doch noch geschafft: Nach fünf Filmen und mehreren Zeichentrick-Serien haben die Dinosaurier in „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ die Erde zurückerobert. Ein interspezifischer „Clash of Cultures“ erwartet die Zuschauer, denen neben atemberaubenden Bildern auch unangenehme Wahrheiten präsentiert werden.

Offizielle Synopsis: Die Dinosaurier leben seit den Ereignissen auf Isla Nublar frei auf dem Festland. Ein gigantisches Ringen um die Herrschaft zwischen Mensch und Dinosaurier beginnt. In „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ treffen Chris Pratt und Bryce Dallas Howard auf Oscar®-Preisträgerin Laura Dern, Jeff Goldblum und Sam Neill. Zusammen begeben sie sich auf eine abenteuerliche, rasante und atemberaubende Reise, die rund um den Globus führt.

Als Dinosaurier die Leinwände beherrschten …

Es war kein Überraschungserfolg, aber mit diesem phänomenalen Einspiel hatten selbst die kühnsten Analysten nicht gerechnet: Als „Jurassic Park“ im Sommer 1993 in die US-amerikanischen Kinos kam, löste der Film eine wahnsinnige Dino-Welle aus, die zwar in Ansätzen schon vorab vorhanden war – man erinnere sich an Werke wie „Super Mario Bros.“ (1993) oder „Vier Dinos in New York“ („We’re Back! A Dinosaur’s Story“, 1993) –, allerdings durch den Film auf die Spitze getrieben wurde. Rund eine Milliarde US-Dollar konnte Steven Spielbergs Romanverfilmung einspielen (inflationsbereinigt 2022: rund zwei Milliarden US-Dollar), über die Jahre kamen durch Wiederveröffentlichungen weitere einhundert Million US-Dollar hinzu. Dem Phänomen „Jurassic Park“ konnte sich niemand entziehen. Zum Start des Kinofilms in Deutschland, der erst im Herbst 1993 stattfand, veranstalte der Kabelsender RTL Plus sogar einen Dino-Tag unter dem Titel „Dinomania“, der ganz im Zeichen der Riesenechsen stand. Höhepunkt war die Ausstrahlung des Klassikers „Caprona 2. Teil“ („The People that Time Forgot“, 1977).

Die „Dinomania“ auf RTL anno 1993.
(© RTL. All Rights Reserved.)

Dieser Event-Tag war so erfolgreich, dass man ihn ein Jahr später wiederholte. Die Neuauflage endete übrigens mit der Deutschlandpremiere des Dino-Softpornos „Die Insel der Dinosaurier“ („Dinosaur Island“, 1994) von Jim Wynorski. Auch die Welt der Direct-to-Video-Filme wollte vom Dino-Wahn profitieren. B-Film-König Roger Corman produzierte in weiser Voraussicht im Zuge der Veröffentlichung von „Jurassic Park“ seinen eigenen Dinosaurier-Film namens „Carnosaurus“ („Carnosaur“, 1993), der immerhin zwei Fortsetzungen und zwei Spin-Offs erhielt. Die Dinosaurier waren Mitte der 1990er-Jahre aus der Popkultur nicht mehr wegzudenken. „Jurassic Park“ war nicht Auslöser dieses Phänomens, aber sicherlich der Höhepunkt. Auch, weil der Film als Event geplant wurde und sämtliche Promotion- und Merchandise-Optionen regelrecht ausschlachtete. Nicht nur Shirts, Sticker und Caps, sondern auch Schulranzen, Bleistifte, Lineale, Kaugummi zierten sich mit dem einprägsamen Logo des Films. Comics und Videospiele führten die Story des Films fort und das obligatorische Spielzeug ermöglichte es Kindern ihre eigene Geschichte zu erzählen. Niemand konnte dem „Jurassic Park“-Euphorie entfliehen. Auch nicht Eltern, die sich aber immerhin einen Schuss Rum in ihre „Jurassic Park“-Kaffeetassen reinkippen konnten, um den Hype ihrer Kinder zu ertragen.

Comics! Spielzeug! Videospiele! Wahrhaftig nur ein Bruchteil des Merchandise zum ersten Film.
(© Cinema, Kenner, Ocean, Topps, Universal Studios, Amblin Entertainment. All Rights Reserved.)

Der Erfolg war zumindest künstlerisch gerechtfertigt. Auf vielen Ebenen konnte Spielbergs Film überzeugen und gilt heutzutage vor allem inszenatorisch zurecht als Klassiker des Phantastischen Kinos. Die eigentlichen Stars des Films wurden aufwendig via CGI animiert; zum damaligen Zeitpunkt eine Revolution. Zumindest wollte das Marketing dies dem Zuschauer glauben lassen. Letztlich waren die Dinos nur sechs Minuten im Film zu sehen, aber präzise als Highlights eingesetzt, sodass der Zuschauer ihre Präsenz weitaus stärker wahrnahm. Gleiches galt auch für die Inszenierung. Von den tatsächlich bahnbrechenden CGIs (Computer-generated Images) waren nur wenige Sekunden im Film zu sehen. Die Urzeit-Ungeheuer wurden größtenteils meisterhaft als Animatronics umgesetzt. Nicht nur vom Umfang und Dimension her, sondern auch in der Bewegung ein Höhepunkt dieser speziellen Effektkunst, die kaum jemand anderes so gut beherrschte wie Stan Winston. Für die Vermischung beider Tricktechniken gab es zudem einen Oscar®, zwei weitere für das Sounddesign. John Williams‘ Score wurde übrigens nicht nominiert, die Zeiten hat dieser allerdings dennoch überstanden. Eine klassische Symphonie, die zu den großen Werken der Filmmusik der 1990er-Jahre gehört. „Jurassic Park“ darf somit zurecht als Klassiker des Phantastischen Films, Phänomen des Popcorn-Kinos und Meilenstein der Filmgeschichte bezeichnet werden.

Aus einem großen Eventfilm wurde ein Franchise, welches sich stets auf die Ikonen des Originals verließ. Auch im Marketing.
(© Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.)

Versuche einer Fortführung

Einen solchen Triumph zu imitieren, erscheint stets unmöglich und doch versuchte man es. Nicht ohne kommerziellen Erfolg. Bereits 1997 kehrte Steven Spielberg mit „Vergessene Welt: Jurassic Park“ („The Lost World: Jurassic Park“) zu seinen Dinosauriern zurück. Eine „vergessene“ Insel, nicht unweit vom ursprünglichen Park entfernt, sollte weitere Riesenechsen beherbergen. Doch sich nur auf den tropischen Urwald zu beschränken, reichte für das Sequel eines der größten Blockbuster des Jahrzehnts schon nicht mehr aus. Zum Finale des Films durfte der Tyrannosaurus Rex durch die Hafenstadt San Diego toben. Erstmalig traf die moderne Zivilisation auf die urzeitliche Tierwelt. Eine Idee, die man Jahrzehnte später recyceln sollte.

Auch wenn Spielberg der Filmreihe als Executive Producer treu blieb, übernahm Joe Johnston die Regie bei „Jurassic Park III“ (2001). Der dritte Teil kehrte in den Urwald zurück und verstand sich als reiner Abenteuerfilm. Ein Höllenritt durch den Dschungel der Riesenechsen, der in Zügen an das Skull Island aus „King Kong und die weiße Frau“ („King Kong“, 1933) erinnerte. Hierzu wurde auch eine neue Riesenechse präsentiert, die den T-Rex weit in den Schatten stellte und sogar im einprägsamen Logo ersetzte. Größer, brutaler, intelligenter, aber nicht zwingend massentauglicher. Auch wenn dieser Film beim Finale suggerierte, dass zumindest die Flugsaurier unsere Welt erreichen würden, setzte man diese Idee mit einem weiteren Sequel noch nicht fort. Oftmals wird dies auf das Box-Office zurückgeführt – „Jurassic Park III“ gilt gemeinhin als Flop –, doch mit einem Einspiel von 368 Millionen US-Dollar weltweit (inflationsbereinigt 2022: rund 600 Millionen US-Dollar), sowie den obligatorischen Merchandise-Verkäufen, war dieses höchstens hinter den Erwartungen, aber sicherlich kein finanzieller Misserfolg. Kritisiert wurde dennoch die inhaltliche Ausrichtung des dritten Teils. Letztlich bot die zweite Fortsetzung lediglich Momente, die in den vorangegangenen Werken bereits präsentiert wurden. Es wurde ruhig um die Dinosaurier. Nicht aufgrund eines Desinteresses des Publikums, sondern aufgrund der inhaltlichen Ausrichtung. Wie wollte man ein weiteres Kapitel erzählen, ohne sich stets zu wiederholen?

Eine drastische Erweiterung

Offizielles Concept Art zu einem möglichen vierten Teil der Filmreihe von Illustrator Carlos Huante.
(© Carlos Huante. All Rights Reserved.)

Am Ende stand die Filmreihe vor dem gleichen Problem wie Spielbergs Mega-Hit „Der weiße Hai“ („Jaws“, 1975). Will man dem Hai begegnen, so müssen Situationen konstruiert werden, indem sich die Protagonisten ins Wasser begeben, denn der Hai wird nicht aus seinem natürlichen Habitat verschwinden. Wie auch? Dasselbe galt für die Dinos. Wer ihnen begegnen wollte – und das ist die Grundvoraussetzung für jede weitere Fortsetzung – musste die Isla Sonar oder Nublar, somit die Welt der Dinos, besuchen. Die Dinosaurier können nichts. Sie folgen als Tiere lediglich ihren (eingeschränkten) Instinkten. Sie sind zwar die Antagonisten, aber nicht austauschbar wie ein Bond-Bösewicht. Weder schmieden sie Pläne, noch entwickeln sie sich nennenswert weiter. Die Plotpoints sämtlicher Sequels mussten damit eine Konfrontation zwischen Mensch und Urzeitechse stets erzwingen, die Variationen als Ausgangspunkt der Handlung erschienen aber gering. Ein neuer Park, ein erneuter Bootsunfall, eine weitere Dino-Rasse, … letztlich nur Updates der bereits anno 1993 erzählten Geschichte. Dies mag vielleicht der Grund sein, warum frühe Konzepte eines möglichen vierten Teils recht extravagant gewesen sind. Man versuchte die Geschichte neu zu erfinden, indem man sie drastisch weiterentwickelte. Um den Jurassic Park für eine neue Generation von Zuschauern zu eröffnen, war es der ursprüngliche Plan, Mutanten einzuführen (siehe Bild). Mensch-Dinosaurier-Hybriden wären damit die nächste Evolutionsstufe aus dem Reagenzglas der Firma inGen gewesen; der Einsatz der Dinosaurier als Waffe des Militärs ebenfalls. Eine drastische, aber genauso mutige Idee, die an die Hochzeiten der wilden Science-Fiction der 1970er-Jahre erinnert. Man denke hierbei an Werke wie „Westworld“ (1973) oder „Die Rückkehr zum Planet der Affen“ („Beneath the Planet of the Apes“, 1970). Auf die Leinwand hat es dieses Konzept nie geschafft, auch wenn man mit „Jurassic World“ (2015) zumindest versuchte, Grundzüge dieser Idee als Subplot einzubauen.

Aus dem Park wurde eine Welt.
(© Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.)

Eine neue Trilogie, eine neue Welt

Fast 14 Jahre sollte es dauern, bis mit „Jurassic World“ ein sogenanntes Legacy-Sequel entstand, welches sich als eine Fortsetzung des Originals, aber auch als ein Reboot der Filmreihe verstand. Teil 2 und insbesondere 3 wurden nicht ignoriert, aber spielten inhaltlich keinerlei Rolle. Der Park ist nun zu einer eigenen Welt angewachsen und für das Publikum eröffnet. Um die etablierten Bedrohungen durch das abermals unausweichliche Versagen sämtlicher Sicherheitssysteme zu übertrumpfen, etablierte man als Antagonist eine neue Dino-Spezies, die intelligent und bösartiger sein sollte und vollends aus dem Reagenzglas stammte. Dies ergab inhaltlich durchaus Sinn, denn bereits die Dinosaurier aus dem Originalfilm konnten nichts anderes als Mutanten sein. Sie waren ein Mix basierend auf dem lückenhaften Wissen von Paläontologen und Vermutungen von Biologen – die heutige Forschung scheint sich sicher zu sein, dass wohl selbst der T-Rex über ein Federkleid verfügte und kein „gerupftes Huhn“ wie in den Filmen dargestellt war –; der Park ist somit nichts Weiteres als ein Kuriositätenkabinett der Genforschung, indem gezüchtete Kreaturen miteinander leben mussten, die in der erdgeschichtlichen Realität teils Millionen von Jahre getrennt voneinander existierten. Schon „Jurassic Park III“ erkannte dies an, als Dr. Alan Grant (Sam Neill) bei einem Vortrag sagte:

„Was damals John Hammond und inGen im Jurassic Park herstellten, sind genetisch konstruierte Themenpark-Monster gewesen.“

„Jurassic World“ entwickelte dies mit dem Mutanten-Saurier Indominus Rex logisch weiter, die direkte Fortsetzung „Jurassic World: Das gefallene Königreich“ („Jurassic World: Fallen Kingdom“, 2018) ging allerdings noch konsequenter vor, indem es die Mythologie des Parks (auch durch Retcons) massiv erweiterte und menschliche Klone einführte. Nur logisch, denn wenn man komplexe Lebewesen wie Dinosaurier wieder zum Leben erwecken kann, warum sollte man dann auch nicht menschliche Organe züchten oder gar Menschen erschaffen? Sicherlich eine düstere Wende, die im Kontext der fiktiven Welt aber nur Sinn ergibt. Mit „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ („Jurassic World: Dominion“, 2022), dem nunmehr sechsten Film der Reihe, geht man nun noch einen Schritt weiter.

Die Dinos beherrschen die Erde! Und dies schließt auch die Autokinos ein.
(© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.)

„Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ eröffnet mit einer Montage von Nachrichtensendungen. Die Dinosaurier sind auf die Erde zurückgekehrt – nicht mehr in einem Park eingepfercht oder auf einer Insel verdammt, sondern mitten unter uns –, die Menschheit muss sich nun mit ihnen arrangieren. Aus dem „Jurassic Park“ ist wahrhaftig eine „Jurassic World“ geworden. Vom Zuschauer wird selbst im Rahmen eines Sci-Fi-Actioners schnell eine große Portion „Suspension of Disbelief“ abverlangt – wenn Pterodactylus auf dem One World Trade Center nisten, ist es nur schwer vorstellbar, dass dies nicht zu einem totalen Chaos führen würde –, allerdings ist das Werk damit nur konsequent. Das Aufeinandertreffen zweier Spezies kann nur zu drastischen Konflikten führen, die letztlich in Tragödien enden werden. Regisseur Colin Trevorrow präsentiert uns eine Welt, die aus den Fugen geraten ist. Die Schuld trägt der Mensch. Man könnte annehmen, dass dieser interspezifische „Clash of Cultures“ bereits genug Fundament für eine Filmhandlung bieten würde, doch Trevorrow überrascht. Der eigentliche Aufhänger sind nicht zwingend die Dinosaurier, sondern … genmanipulierte Heuschrecken. Eine Plage biblischen Ausmaßes hat die Erde heimgesucht, die das Marketing des Films geschickt verheimlichen konnte. Genetisch gezüchtete Heuschrecken fressen die Felder leer und provozieren eine globale Hungersnot. Der Schlüssel zu ihrer Beseitigung liegt in einem Geheimlabor inmitten einer Art von „Jurassic Park“.

Eine Welt der Dinosaurier

Dem sechsten Teil der Reihe fehlt es nicht an Handlung. Vollgestopft mit Ideen und Konzepten hat man als Zuschauer zeitweilig das Gefühl zwei Filme auf einmal zu sehen. Dies liegt wohl auch daran, dass die Protagonisten des Films, die Helden der „Jurassic Park“-Trilogie auf der einen und die Helden der „Jurassic World“-Trilogie auf der anderen Seite, getrennte Wege gehen und erst zum Finale hin aufeinandertreffen. Um dieses „Treffen der Generationen“ inhaltlich sinnvoll zu ermöglichen, müssen einige Situationen konstruiert werden, die aus dem urzeitlichen Abenteuer (zumindest gefühlt) einen „Mission: Impossible“-Plot werden lassen. Es ist ein gewagter Schritt, dank der sympathischen Alt-Darsteller funktioniert dies aber, auch wenn ihre Präsenz kaum ikonische Momente hervorruft. Dr. Alan Grant (Sam Neill) und Dr. Ellie Sattler (Laura Dern) sind dann eben doch nicht Han Solo (Harrison Ford) und Prinzessin Leia (Carrie Fisher), sondern „nur“ Figuren eines Filmklassikers. Vielleicht war sich die Produktion dessen auch vollends bewusst und spannt zudem noch Dr. Ian Malcolm (Jeff Goldblum) erneut in die Story ein. Man mag monieren, dass dies zu viel Ballast an Handlung für zu viele Charaktere erfordert, und es fällt schwer, diesem zu widersprechen, allerdings schafft es „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ tatsächlich, ohne Atempause die sich selber gesetzten Ziele abzuarbeiten, auch wenn dadurch etwas erzählerische Eleganz verloren geht. Dies macht der Film allerdings durch inhaltlichen Mut und inszenatorischer Raffinesse wieder wett.

Ein Treffen der Generationen.
(© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.)

Die Weiterentwicklung der Storyline auf andere Spezies, hier Heuschrecken und Menschen, ergibt nur Sinn. Wie erwähnt, waren die Dinosaurier in allen „Jurassic Park“-Filmen stets Mutanten, die lediglich einen Freizeitpark zur Unterhaltung der Massen bevölkern sollten. Sie waren nie „echte“ Dinosaurier. Das ist der eigentliche Wahnsinn, der eigentliche Horror, der sich hinter den bezaubernden Bildern zu den symphonischen Klängen von John Williams versteckte. Und in einer Welt, in der dies möglich ist, erscheint es auch nur als konsequent, die genetische Ausbeutung voranzutreiben und auf andere Spezies zu übertragen. Hier übt der Film überraschend klare Kritik an Gesellschaft und Kultur. Menschliche Klone, Organhandel, die Umwandlung der Welt, angetrieben von größenwahnsinnigen CEOs, die ihre Vision stets als Wohlfühl-Spot verpacken und mit einem Lächeln verkaufen; „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ steckt voller Referenzen auf die Welt, wie sie ist. Multinationale Konglomerate, die die Weltmärkte und damit die Politik und unser Leben bestimmen, im Ganzen, als auch persönliche menschliche Abgründe im Detail. Zu den dunkelsten Kapiteln der Filmreihe zählen nun nicht mehr nur die großen Gen-Monstren, die durch den Urwald stampfen und Großwildjäger und Rechtsanwälte fressen, oder die zynischen Vorstandvorsitzenden, die die Dinos als Jahrmarktsattraktionen gewinnbringend vermarkten wollen, sondern auch die normale Bevölkerung, die sich öffentlich vor den Kameras präsentiert und von einer grünen Welt träumt, aber insgeheim durch ihren alltäglichen Konsum sämtliche Abgründe und Krisen erst ermöglicht. Es gibt keine Unschuldigen mehr. Wir sind die Monstren.

Raptoren zur Belustigung der Menschen im Kampf!
(© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.)

Wir leben leider in einer Welt, in der jährlich zehntausende Haie sinnlos massakriert werden, nur um aus ihren Flossen Suppe oder (vollkommen wirkungslose) Potenzmittel zu machen. Wir führen grausame Experimente an Tieren durch, um hautverträgliches Make-up herzustellen und züchten absurde Tierarten qualvoll auf, damit der Truthahn auf dem Esstisch zu Thanksgiving noch fetter und zu einer neuen Norm wird. Wir leben im Anthropozän, dem Zeitalter des Menschen, der über Jahrtausende gewachsene Urwälder in wenigen Tagen vernichtet, um genmanipuliertes Soja anzubauen, das wiederum nur einen Zweck erfüllt: um an Tiere verfüttert zu werden, damit diese so fett und prächtig werden, um drei warme Mahlzeiten am Tag aus dem Tiefkühlregal des Supermarktes zu garantieren, von denen wiederum rund 40 % weggeschmissen werden. Der Mensch hat die Natur nicht unterworfen, sondern bereits zerstört. Der Klimawandel ist nicht mehr aufzuhalten, jedes Jahr sterben bis zu 58.000 Tierarten aus. Dies soll kein Preaching oder Virtue signalling sein, sondern bedauerlicherweise nur eine Auflistung von Fakten. Warum sollten diese realen menschlichen Abgründe nicht auch ein Teil der „Jurassic World“ sein? Und so präsentiert uns das Werk nicht nur Dinosaurier am Bratspieß, sondern auch Urzeitechsen, die in Käfigen abgerichtet gegeneinander kämpfen müssen, während Riesen-Heuschrecken die Felder leer fressen, damit genmanipulierter Mais, dessen Patent nur eine Firma besitzt, als Rettung angebaut werden kann, angetrieben von größenwahnsinnigen CEOs, die sich selber als Visionäre sehen und eine neue Gesellschaft erschaffen wollen. Eine inszenatorische Erinnerung an die Hochzeit des Phantastischen Kinos der 1970er-Jahre – man denke hierbei an Werke wie „Die Insel der Ungeheuer“ („Food of the Gods“, 1975) –, die sich oftmals nicht scheute, grausige Momente überhöht darzustellen, die trotz aller Phantastik aber tief in der Realität verwurzelt waren. Und so müssen die Kulleraugen eines Triceratops-Kindes mit ansehen, wie die eigenen Artgenossen missbraucht werden. Schauderhaft, aber nur konsequent.

„Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ will sich nicht nur als reinen Abenteuerfilm präsentieren, sondern besitzt auch den Anspruch, Gesellschafts- und Kulturkritik zu üben. Das Werk ist Action-Adventure und Öko-Thriller zugleich. Vielleicht zu viel für einen Film, aber gerade deswegen interessant. Sicherlich hätte es dem Werk geholfen in zwei Kapitel aufgesplittet zu werden – ähnlich, wie man es nun bei „Mission: Impossible – Dead Reckoning“ (2023) vornimmt –, allerdings hätte es dadurch vielleicht seinen Impact verloren. Der Versuch, zu einem Sommer-Blockbuster mit Message zurückzukehren, ist heutzutage bereits bewundernswert. Man kann „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ wohl vieles vorwerfen, aber sicherlich nicht, dass es an einer Vision oder Kreativität fehlte. Es verhält sich sogar so, dass das Werk mit einer Lauflänge von 146 Minuten gar der längste Teil der Reihe geworden ist und trotzdem noch allerhand erstklassiges Material herausschneiden musste. So fehlt in der Kinofassung der fabelhafte Prolog, der das Franchise auf spektakuläre Weise mit den B-Movie-Wurzeln der „Dinosaur Renaissance“ im Kino verknüpft und damit eine Brücke zu Werken wie „Caprona – Das vergessene Land“ („The Land That Time Forgot“, 1975) schlägt.

Colin Trevorrow kreiert hierbei echte Momente des Horrors, die natürlich in allen „Jurassic Park“-Filmen stets vorhanden waren, aber mit „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ einen gewissen Höhepunkt finden. Claires Flucht vor der sogenannten Sensenechse gehört zu den inszenatorischen Highlights des Werks (insbesondere auch auditiv). Mit dem Therizinosaurus hat man eine neue furchterregende Kreatur eingeführt, die sich zum Finale des Films in bester Kaijū-Manier mit den bekannten Riesenmonstren des Dino-Universums messen darf. Interessant ist, dass man bei der Einführung neuer Arten anscheinend tatsächlich versuchte, den modernen Stand der Forschung zu berücksichtigen und die Dinosaurier mit Federkleid präsentiert. Dennoch setzt leider eine gewisse Redundanz ein. So spektakulär und kreativ die Dinosaurier auch in Szene gesetzt sind, kennt man nach fünf Filmen bereits zahlreiche inszenatorische Möglichkeiten. Ein Grund mehr, Trevorrow für seine alternative Nebenhandlung zu applaudieren, die sich vom Action-Adventure versucht abzuheben, um den bekannten Szenarien neue inhaltliche Aspekte abzuringen. Dies scheint offensichtlich nicht jedem Film-Kritiker zu gefallen – möchte man die populäre Review-Website RottenTomatoes.com als Indikator ansehen, so wird das Werk von den sogenannten Top Critics nur mit 21 % bewertet –, aber vielleicht mag dies tatsächlich an der inhaltlichen Aufrichtigkeit liegen, die dem Zuschauer einen Spiegel vor das Gesicht hält. Die Dinosaurier sind nun Teil der Welt der Menschen und werden demnach genauso schlecht behandelt wie die restliche Tierwelt. Das möchte vielleicht niemand sehen, aber Trevorrow zeigt es trotzdem. „Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ polarisiert und ist genau deswegen so interessant. Popcorn-Kino, das mit den Mitteln der Phantastik anecken will.

Die Dinos haben auch kein Respekt für Kulturgüter!
(© 2022 Universal Studios and Amblin Entertainment. All Rights Reserved.)

„Jurassic World: Ein neues Zeitalter“ stellt wohl das düsterste Kapitel der Reihe dar. Ein Sommer-Blockbuster, der sich auch traut, menschliche Abgründe aufzuzeigen und nicht mit gesellschaftskritischen Inhalten spart. Lediglich die Masse an Inhalten nimmt dem Werk etwas an Leichtigkeit, das es allerdings in vielen Szenen mit inszenatorischer Raffinesse und Eleganz wieder wettmachen kann. Ein wahrhaftig monströser Film, der nicht nur das moderne Popcorn-Kino und das klassische B-Movie ehrt, sondern auch an längst untergegangene Zeiten des Phantastischen Kinos mahnt.

Markus Haage

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Über Markus Haage 2278 Artikel
Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!