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„Der Exorzist: Bekenntnis“ (USA, 2023)

verfasst am 4.Oktober 2023 von Markus Haage

(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Die „Kraft Jesu Christi“ bezwang einst den Dämonen Pazuzu im bahnbrechenden Meisterwerk „Der Exorzist“. Nach fünfzig Jahren ist dieser nun in „Der Exorzist: Bekenntnis“ zurückgekehrt, um abermals Unheil über unschuldige Leben zu bringen.

Offizielle Synopsis: Seit dem Tod seiner Frau zieht Victor Fielding (Leslie Odom Jr.) die gemeinsame Tochter Angela (Lidya Jewett) allein groß. Als Angela mit ihrer Freundin Katherine (Olivia O’Neill) nach tagelangem Verschwinden im Wald zurückkehrt, wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die Victor zwingt, sich dem abgrundtief Bösen zu stellen.

Es stellte eine der größten Zäsuren der Filmgeschichte dar: Als William Friedkins „Der Exorzist“ („The Exorcist“, 1973) im Dezember 1973 in den US-amerikanischen Kinos veröffentlicht wurde, entwickelte sich das Werk nicht nur zu einem der größten Horror-Hits aller Zeiten – inflationsbereinigt spielte der Film nur an den Kinokassen mindestens 2,9 Milliarden US-Dollar ein (Stand: Oktober 2023) –, sondern auch zu einem der größten Kulturschocker der US-amerikanischen Filmgeschichte.

„The Scariest Movie Of All Time“

Von Warner Bros. Pictures, einem Major-Studio, produziert und vertrieben, konnte der Film landesweit starten und somit eine ganze Nation gleichzeitig schockieren. „Der Exorzist“ schlug ein wie eine Bombe. Die damaligen amerikanischen Zuschauer waren auf den Horrortrip, der sie erwartete, schlichtweg nicht vorbereitet. Ein junges unschuldiges Mädchen, die 12-jährige Regan MacNeil (Linda Blair), wird von dem Dämonen Pazuzu besessen. Anfangs hält man ihr rebellisches Verhalten für eine pubertäre Gemütsstörung, die Ärzte können keine körperlichen Abnormitäten feststellen, doch schon bald bricht der Dämon aus ihr hervor. Sie speit nicht nur Körperflüssigkeiten auf katholische Priester und beleidigt diese mit damals unerhörten Obszönitäten („Your mother sucks c***s in hell!“), sondern verstümmelt sich auch selber und rammt sich gar ein Kruzifix zwischen die blutigen Beine.

Der Dämon hat von Regan (Linda Blair) Besitz ergriffen.
(© 1973 Warner Bros. Pictures. All Rights reserved.)

Die Inszenierung war perfekt. Nicht nur die Tricks, für die Make-up-Artist Dick Smith leider von der Academy ignoriert wurde, sondern auch das Spiel. Hauptdarstellerin Linda Blair wurde mit gerade einmal vierzehn Jahren nicht nur mit einem Golden Globe® ausgezeichnet, sondern auch für den Oscar® in der Kategorie „Beste Nebendarstellerin“ nominiert – und hätte diesen wohl auch gewonnen, wenn es vorab nicht einen unnötigen Eklat gegeben hätte –; Regisseur William Friedkin gelang nach seinem Mega-Erfolg „Brennpunkt Brooklyn“ („The French Connection“, 1971) wiederum endgültig der internationale Durchbruch als Ausnahme-Filmemacher in einem vollkommen fremden Genre. Insgesamt sollte „Der Exorzist“ für zehn Academy Awards® nominiert werden, darunter auch die Königskategorie „Bester Film“. Mike Oldfields Titeltrack „Tabular Bells“ eroberte indes die Charts und inspirierte andere Komponisten dazu, den Stil für ihre Werke zu übernehmen. John Carpenters legendäres Main-Theme zu seinem Durchbruchserfolg „Halloween – Die Nacht des Grauens“ („Halloween“, 1978) ist tatsächlich von Oldfields Komposition inspiriert.

Doch der Film war viel mehr als seine drastischen Schauwerte und die hysterischen Reaktionen, die sich daraus ergaben. Nicht ohne Grund wurde William Peter Blatty, Autor der Romanvorlage als auch des Drehbuchs, für sein Skript zu „Der Exorzist“ mit einem Oscar® ausgezeichnet. Im Kern steckt hinter dem reißerischen Horror die Geschichte einer Glaubenskrise. Die eigentliche Handlung ist weitaus komplexer und behandelt die einfachsten, aber deswegen wohl wichtigsten Fragen des Glaubens. Der eigentliche Hauptdarsteller ist nicht Regan oder ihre Mutter Chris MacNeil (Ellen Burstyn), schon gar nicht der Dämon Pazuzu (Eileen Dietz), sondern Priester Damien Karras (Jason Miller), der sich für den einsamen Tod seiner Mutter verantwortlich macht und sich in seiner Trauer von Gott abwendet. Von der Besessenheit Regans, damit der Existenz des Bösen, muss er selber erst überzeugt werden.

„Es geht ihm [dem Dämon] darum, uns verzweifeln zu lassen. Er will, dass wir uns anders sehen. Animalisch, hässlich. Damit wir erst gar nicht auf die Idee kommen, dass Gott uns lieben könnte.“
– Filmzitat, „Der Exorzist“ (1973)

So verwundert es auch nicht, dass die öffentliche Kontroverse um den Film oberflächlich um die Schockeffekte, aber die eigentliche Diskussion rein inhaltlich geführt wurde. Hat der Dämon die Priester ausgetrickst? Begann Priester Karras in einem Akt der Selbstlosigkeit den Freitod? Wenn ja, hat er damit nicht seinen Platz in der Hölle eingenommen? Oder hat Pazuzu ihn ermordet? Und aus welchen Gründen? Handelte es sich lediglich um ein perfides Spiel, zum Zweck zwei gläubige Seelen zu ergattern oder wollte der Dämon nur Unruhe stiften, den Gottesglauben erschüttern, so wie es Pater Merrin ausdrückte? Doch wenn dies der Fall ist, dann stellt sich wiederum die Frage, ob seine Existenz nicht bereits den Beweis für die Existenz eines Gottes abliefert, … wie könnte man den Glauben an ihn dann überhaupt erschüttern? Wie immer man es interpretieren möchte, wie immer man die Fragen für sich selber beantworten möchte, eines steht auf jeden Fall fest: „Der Exorzist“ kann auch noch nach fünfzig Jahren begeistern, unterhalten und eben zu intensiven Diskussionen und Analysen anregen.

Karras, voller Zweifel. Kann ein Gott eine solche Welt zulassen?
(© 1973 Warner Bros. Pictures. All Rights reserved.)

Ein niemals enden wollender Exorzismus

Ein solches Werk, das die Amerikaner gerne als „lightnin‘ in a bottle“ bezeichnen, um dessen Existenz zu erklären, kann man weder kopieren noch im Voraus planen. Es entsteht einfach. Aber natürlich gab man sich stets der Versuchung hin, die Geschichte dennoch weiterzuerzählen. Man scheiterte kläglich. Und zwar immer spektakulär (auch wenn Fans einzelner Ableger nun vielleicht widersprechen werden). Die erste Fortsetzung, „Exorzist II – Der Ketzer“ („Exorcist II: The Heretic“, 1977), gilt gemeinhin als eines der „schlechtesten Sequels aller Zeiten“. Wenn überhaupt, sei nur Ennio Morricones Komposition, insbesondere das Hauptthema „Regan’s Theme (Floating Sound)“, zu erwähnen, welches von Quentin Tarantino für „The Hateful Eight“ (2015) Wiederverwendung fand. Ein weiteres Sequel entstand erst dreizehn Jahre später. William Friedkin, Regisseur des Originals, hat nur rund vierzig Minuten der ersten Fortsetzung gesehen und bereute es zeitlebens („The worst 40 minutes of film I have ever seen, really, and that’s saying a lot.“).

Fünfzig Jahre „Der Exorzist“ haben fünf Filme, sowie eine TV-Serie entstehen lassen.
(© Warner Bros. Pictures, 20th Century Studios. All Rights Reserved.)

„Der Exorzist III“ („The Exorcist III“) kehrte zur Geschichte von Pater Damien Karras zurück, der eigentlich im ersten Film starb. Autor William Peter Blatty ersann jedoch bereits 1983 unter dem Titel „Legion“ eine Roman-Fortsetzung, in dieser er Karras höchstpersönlich aufleben ließ. Beim dritten Teil führte Blatty selber Regie, durfte aber seine ursprüngliche Fassung nicht veröffentlichen. Es wurde massiv nachgedreht und umgeschnitten; die beabsichtigte Vision und Intention teils drastisch verändert. Die Kinofassung von „Der Exorzist III“ enttäuschte Kritiker als auch Fans und floppte an den Kinokassen spektakulär. Über die Jahre konnte diese zweite Fortsetzung allerdings ihr Publikum finden, sodass man 2016 immerhin gewillt war, Blatty die Möglichkeit zu geben, seinen Director’s Cut auf Blu-ray zu veröffentlichen.

Ähnliches galt auch für die weitere Fortsetzung „Exorzist: Der Anfang“ („Exorcist: The Beginning“, 2004), die ein Prequel zu Pater Lankester Merrin darstellt. Im Original von Max von Sydow gespielt, schlüpft nun der schwedische Mime Stellan Skarsgård in die Rolle. Paul Schrader, Drehbuchautor von Martin Scorseses Meisterwerk „Taxi Driver“ (1976), übernahm die Regie, wurde aber während der Nachproduktion durch den finnischen Action-Regisseur Renny Harlin („Stirb Langsam 2“) ersetzt. Dieser drehte nicht nur komplette Szenen neu, sondern schrieb auch das Drehbuch um und veröffentlichte einen vollkommen anderen Film. Dennoch erhielt Schrader die Möglichkeit, sein Werk der Öffentlichkeit zu präsentieren: Mit „Dominion: Exorzist – Der Anfang des Bösen“ („Dominion: Prequel to the Exorcist“, 2005) erschien nur ein Jahr später seine ursprünglich angedachte Version. Ein kurioser Fall, ähnlich wie bei „Der Exorzist III“, existieren inzwischen im Grunde zwei vollkommen oder zumindest von der künstlerischen Intention her unterschiedliche Filme basierend auf demselben Material.

Die Produktionsgeschichte der Fortsetzungen verdient ein eigenes Buch.
(© Warner Bros. Pictures; Fox Television. All Rights Reserved.)

Danach wurde es wieder ruhig um die Filmreihe. Weitere Adaptionen für die Leinwand folgten nicht, jedoch für den Fernsehbildschirm. Mit „The Exorcist“ (2016–2017) wagte sich der US-Kabelsender Fox an eine Umsetzung des Stoffes. Die Serie basierte „lose“ auf Blattys Originalroman und führte (für die Zuschauer anfangs nicht ersichtlich) die Handlung des Originalfilms weiter. Was zuerst belächelt wurde, entwickelte sich schnell zu einem Hit unter Kritikern. Nicht nur die Inszenierung konnte begeistern, sondern auch das Spiel. Mit Geena Davis, John Cho, Alan Ruck und Brianna Hildebrand wurden namhafte Altstars als auch Jungschauspieler verpflichtet. Leider war nach bereits zwei Staffeln Schluss; die Handlung wurde nicht beendet. Die große Überraschung: der eigentliche Exorzismus der Regan MacNeil, fand bereits statt. „The Exorcist“ verstand sich tatsächlich als Sequel. Ein Twist, der sich erst am Ende der fünften Episode der ersten Staffel offenbarte. Doch reichte auch diese kreative Wendung leider nicht aus, um die Zuschauerschaft für die zweite Season, die eine neue Geschichte erzählte, zu halten.

Ein Glücksspiel

Nach dem erfolgreichen Reboot des Halloween-Franchise schien Regisseur David Gordon Green Gefallen am Horrorgenre gefunden zu haben. War er vorab in erster Linie für zotige Komödien bekannt, kündigte er noch vor Release von „Halloween Ends“ (2022) an, dass er an einem neuen Film zu „Der Exorzist“ arbeiten würden. Ein Legacy-Sequel, ähnlich wie „Halloween“ (2018), welches die vorangegangenen Werke ignorieren oder zumindest unerwähnt lassen würde. Kurz später sickerte durch, dass nicht nur ein Film, sondern gar eine ganze Trilogie geplant ist. Dafür brachte Universal Pictures vierhundert Millionen US-Dollar auf (in Zahlen: 400.000.000 US-Dollar), um die Verfilmungs- und Vertriebsrechte zu erwerben. Als Produktionspartner stand neben Morgan Creek Entertainment auch abermals Blumhouse zur Seite, die in den vergangenen Jahren nicht nur die Halloween-Filme, sondern auch zahlreiche Box-Office-Hits, wie etwa „M3gan“ (2023), für Universal produzierten.

„The riskiest movie I have ever made, for sure — it’s not out yet — is ‚The Exorcist.‘ […] Just because it’s so expensive.“
– Jason Blum, „IndieWire ScreenTalk“, März 2023

Ein Glücksspiel, wie schon damals die „New York Times“ anmerkte. Selbst die Halloween-Trilogie konnte weltweit „nur“ 496 Millionen US-Dollar an den Kinokassen umsetzen (nicht inflationsbereinigt). Es sei aber angemerkt, dass „Halloween Kills“ (2021) als auch „Halloween Ends“ in den USA zeitgleich zum Kinostart für den Streaming-Dienst Peacock online gingen; demnach das Box-Office geringer ausfallen musste. Dennoch ein enormer Erfolg für die Reihe, aber eben ohne Vertriebsrechte in Wert von 400 Millionen-US-Dollar im Schlepptau. „Der Exorzist: Bekenntnis“ („The Exorcist: Believer“, 2023), so der Titel des ersten Teils der neuen Trilogie, stellt laut Jason Blum somit auch die riskanteste Produktion in der Firmengeschichte von Blumhouse dar. „Der Exorzist: Bekenntnis“ ist damit zum Erfolg verdammt – das erste Sequel der neuen Trilogie unter dem Titel „The Exorcist: Deceiver“ ist bereits für einen globalen Kinostart im April 2025 angekündigt –, und darf demnach nicht scheitern. Zumindest kommerziell.

Alte Bekannte, neuer Horror

„Der Exorzist: Bekenntnis“ begibt sich von Anfang an auf sicheren Pfaden. Den Zuschauer erwarten demnach keine nennenswerten Überraschungen. Der Verlauf ist bekannt; wurde dieser doch schon im Originalfilm bis in das kleinste Detail seziert. Dies machte das Werk so spannend, hob es nicht nur von anderen Genre-Vertretern ab, sondern präsentierte den Grusel aus einer völlig neuen Perspektive. Es dauerte über eine Stunde, bis sich das übernatürliche Grauen vollends ausprägte; musikalisch eingeleitet von Mike Oldfields „Tubular Bells“. Einen ähnlichen Weg versucht auch das Legacy-Sequel einzuschlagen, kann aber natürlich der Thematik kaum neue Aspekte abringen. Vielleicht auch, weil der Film letztlich das erste Kapitel einer neuen Trilogie darstellen möchte und demnach sein volles Potenzial noch nicht entfalten kann oder will. Der sich anbahnende Horror ist somit erwartbar; das Werk ist sich dessen bewusst und beschreitet den Weg des geringsten Widerstandes und nimmt sich andere Fortsetzungen im Horror-Genre als Vorbild: Um zu beeindrucken, wird das Grauen schlicht multipliziert und Bewährtes zelebriert.

Anstatt eines jungen Mädchens, welches von einem Dämon besessen ist, wird nun von zwei jungen Seelen gleichzeitig Besitz ergriffen. Allerdings nur, um Kontakt zu einem früheren Opfer aufnehmen zu können; nämlich Regan. Pazuzu stellt damit kein Phänomen, eine plötzliche Heimsuchung, mehr da, sondern eine Konstante; ein anscheinend rachsüchtiger Dämon, dessen Ego die Niederlage vor fünfzig Jahren wohl nicht verkraften konnte. Die gewollte Verknüpfung zum Original leitet eine gewisse Degradierung dieses Dämons ein, stellt ihn auf eine Stufe mit Horror-Ikonen wie Freddy Krueger (Robert Englund), Michael Myers (James Jude Courtney) oder Ghostface (Roger L. Jackson), die stets wiederkehren, um ihre Opfer zu jagen. Opfer, mit familiären Verknüpfungen. Es wäre tatsächlich spannend(er) gewesen, eine neue Gefahr einzuführen, allerdings hätte diese wohl die kommerzielle Absicht eines neuen Franchises unterwandert. Man benötigt in der heutigen Medienwelt etablierte Ikonen, um noch Aufmerksamkeit zu generieren, selbst wenn diese streng genommen gar keine Ikonen darstellen sollten. Ähnlich wie Michael Myers war Pazuzu das unerklärliche Böse, das heimsucht und wieder fortzieht.

Wenn nichts mehr hilft, muss die alte Garde ran: Ellen Burstyn kehrt zurück.
(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Als Legacy-Sequel läutet „Der Exorzist: Bekenntnis“ auch die Rückkehr von Chris McNeil (Ellen Burstyn), der Mutter aus dem Originalfilm, ein. Man versucht zwanghaft sie zu einer weiteren Galionsfigur des modernen Horrorfilms zu stilisieren – hat zur Bewerbung des Films sogar eigene Charakter-Poster kreiert –, allerdings vermag es nicht wirklich zu überzeugen. Bereits bei Bekanntgabe der Produktion einer neuen Trilogie und dem erneuten Engagement von Ellen Burstyn vor über zweieinhalb Jahren, fragten populäre Webseiten irritiert, wie man die Rückkehr ihrer Figur überhaupt rechtfertigen will („Burstyn played the mother […]. She didn’t participate in the exorcism in any significant way […]. So why does [the demonic spirit] care about her at all?“). Es ergab inhaltlich schlichtweg keinen Sinn. „Der Exorzist: Bekenntnis“ versucht dies nun durch die neu etablierte Rachlust Pazuzus zu etablieren. Die besessenen Mädchen kratzen den Namen „Regan“ in ihre Bettpfosten. Die Verknüpfung zu den Ereignissen im Originalfilm wird hergestellt, Ellen Burstyn darf zu den Klängen von „Tubular Bells“ erneut auftreten. Damit versucht man zwanghaft einen Franchise-Star zu kreieren, der nie dazu gedacht war. Chris MacNeil war die Identifikationsfigur für das Publikum, eine Art von Anker; eben die real wirkende Person, die dem übernatürlichen Horror als auch den Expertisen von Fachkräften (Ärzten, Psychologen, Therapeuten und letztlich Priestern) ausgesetzt war und begann, selber daran zu verzweifeln. Die zu Ikonen der modernen Horror-Popkultur avancierten Charaktere des Films waren, wenn überhaupt, die besessene Regan als auch Pater Merrin, der titelgebende Exorzist. Karras als auch MacNeil waren das Publikum.

Chris MacNeil stellt wahrhaftig nicht Laurie Strode (Jamie Lee Curtis) dar. Während diese über Jahrzehnte Dreh- und Angelpunkt des Halloween-Franchises gewesen ist und stets zurückgeholt wurde, um die Geschichte neu anzusetzen, verkörperte Ellen Burstyn ihre Figur lediglich im ersten Teil und wurde hier von den Priestern, Pater Karras und Merrin, regelrecht zur Seite geschoben. Zumindest als das große Finale, der eigentliche Exorzismus, einsetzt. Dieser Umstand findet übrigens im Film auf recht charmante Weise Erwähnung. Die Ikonisierung Chris MacNeils wirkt befremdlich; selbst das Werk hat seine Probleme, ihre bloße Rückkehr vollends überzeugend darzulegen. Die erwähnte Fernsehserie aus dem Jahre 2016 schaffte dies tatsächlich auf eine inhaltlich elegantere Art und Weise. Vielleicht war diese sogar die Inspiration dafür; gewisse Ähnlichkeiten bestehen.

Die gewollte Verknüpfung zum Original und die eigentliche Wendung, dass nun zwei Mädchen gleichzeitig besessen sind, fordert einen Tribut. Mit einer Laufzeit von 110 Minuten rauscht der Zuschauer regelrecht durch die Story. Zu viele Charaktere müssen eingeführt werden; das dramaturgische Potenzial kann sich nicht vollends entfalten. Die Handlung ist abgeschlossen, eine weitere Fortsetzung erscheint nicht vonnöten, und dennoch spürt man, dass etwas fehlt; auch wenn man dies nicht genau definieren kann. Natürlich verstärkt sich dieser Eindruck mit dem Wissen um die noch kommenden Sequels.

Pazuzu hat wieder Besitz ergriffen.
(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Pazuzus Doppelschlag fordert auch von der Gegenseite verstärkte Mittel. Ein katholischer Priester reicht nicht mehr aus. Die evangelikalische Kirche als auch die haitianische Naturreligion dürfen Vertreter vorbeischicken, um das Böse zu bezwingen. Damit erweitert sich die Welt von „Der Exorzist: Bekenntnis“ drastisch, erkennt aber auch gleichzeitig die Realitäten an. Die Welt des Originalfilms erschien „kleiner“; der Westen war unter sich, alles außerhalb seiner Grenzen wirkte wie eine Kuriosität, der Abweichung von einer kulturellen Norm. Sicherlich von einer gewissen Arroganz oder Ignoranz geprägt, aber eben die Welt aus der „Der Exorzist“ stammt. Seit Release des Originals sind allerdings fünfzig Jahre vergangen; der neue Film zollt diesen teils drastischen kulturellen Umwälzungen Tribut. Die Welt ist „größer“ geworden, die Einbindung anderer Glaubensrichtungen im Kampf gegen das Böse somit nur konsequent. Ein Umstand, mit dem sich wohl viele Kritiker nur schwer abfinden werden.

Streng genommen war man sich dieser Realität allerdings schon im Originalfilm bewusst, der bekanntlich mit einem Prolog im modernen Irak eröffnete. Dieser beförderte bei einer archäologischen Grabung eine mehrere Tausend Jahre alte Statue eines Dämons ans Tageslicht. Pazuzu stammte nie aus der christlichen Glaubenswelt; er existierte schon lange vor der Gründung des modernen Christentums und der Institutionalisierung der katholischen Kirche. Der katholische Katechismus verstand sich demnach stets nur als eine weitere Interpretation; der katholische Exorzismus nur als ein weiteres Werkzeug, um das übernatürliche Böse zu besiegen. „Der Exorzist: Bekenntnis“ würdigt dies, indem der Film weitere Glaubensrichtungen involviert. Dennoch begeht das Werk hierbei in gewisser Hinsicht einen Fehler, indem es den katholischen Glauben bewusst herabstuft, fast schon zu komödiantischen Zwecken missbraucht. Die Absicht dahinter erscheint nicht vollends nachvollziehbar. Vielleicht mag dies auch nur einem gewissen Zeitgeist entsprechen, die alten westlichen Götzen und ihre Institutionen (zumindest) etwas vom Thron zu stoßen. Eine daraus folgende inhaltliche Auseinandersetzung, der Kampf zwischen institutionalisierten und freien Glauben, folgt daraus allerdings leider nicht, obwohl man mit der Hintergrundgeschichte der von Ann Dowd fabelhaft gespielten Figur eigentliche eine Steilvorlage geliefert hat.

Den Exorzismus gibt’s diesmal im Doppelpack.
(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Inszenatorisch kann „Der Exorzist: Bekenntnis“ leider nicht vollends überzeugen und begeht insbesondere beim Finale den Fehler, auf computeranimierte Effekte zurückzugreifen. Die Kunst des Originalfilms bestand darin, dass der Horror sich real anfühlte. Zumindest für ein zeitgenössisches Publikum. Sie bekamen absurde, teils groteske Schockeffekte vorgeführt, von denen einige – so erscheint es zumindest – heutzutage in Vergessenheit geraten sind. Man denke hierbei nur an die 180-Grad-Kopfdrehung oder den infamen Spiderwalk aus dem Director’s Cut. Demnach ist das Legacy-Sequel größtenteils sogar noch zurückhaltend, setzt dafür aber in anderen Bereichen eben die falschen visuellen Akzente. Anstatt grotesker Akrobatik sausen nun CGI-Wolken durch die Stube. Dies reißt den Zuschauer aus dem Geschehen heraus. „Der Exorzist: Bekenntnis“ kann den Schock des Originalfilms nicht wiederholen – dies war den Machern sicherlich auch bewusst –, versucht es aber auch erst gar nicht. Ein recht zahmer Horrortrip erwartet den Zuschauer.

In den letzten Jahrzehnten wurden zahlreiche Werke rund um das Thema Exorzismus veröffentlicht; man muss leider zur Erkenntnis kommen, dass viele von ihnen im direkten Vergleich kreativer oder gar gewagter inszeniert wirken. Man denke hierbei an Filme wie „Stigmata“ (1999), „Der Exorzismus von Emily Rose“ („The Exorcism of Emily Rose“, 2005), „Devil Inside“ („The Devil Inside“, 2012) oder natürlich auch den zahlreichen Vertretern der (wohl niemals endenden) „Conjuring“-Reihe (2013–). Manche rangen der Thematik sogar vollkommen neue inhaltliche Aspekte ab (siehe „The Wailing – Die Besessenen“) oder gingen das Risiko ein, den Exorzismus in einen neuen inszenatorischen Kontext zu setzen (siehe „Der letzte Exorzismus“). „Der Exorzist: Bekenntnis“ tut dies alles nicht. Inhalt als auch Inszenierung sind überraschend konservativ geprägt. Der nunmehr fünfte Ableger will sein Publikum mit bekannten Mitteln vielleicht verängstigen, aber sicherlich nicht wie das Original schockieren. Es ist Horror für ein modernes Massenpublikum. Durchweg unterhaltsam, kompetent inszeniert, aber eben auch ohne nennenswerte Akzente, die den Film aus der Masse aktueller Produktionen hätte hervorstechen lassen. Werke wie „Evil Dead Rise“ (2023) trauten sich mehr und erinnerten den Zuschauer somit eher an den Geist des Originals als es eben das vorliegende Legacy-Sequel tut.

Und so hinterlässt „Der Exorzist: Bekenntnis“ letztlich den nüchternen Eindruck, dass nach fünfzig Jahren, sechs Filmen, einer Fernsehserie sowie zahlreichen Werken, die vom Originalfilm inspiriert wurden, ein Kulturschocker wie „Der Exorzist“ kaum wiederholt werden kann. Auf die Frage, warum er nie eine Fortsetzung in Betracht zog, obwohl man ihn fast schon bettelnd anflehte, antwortete Regisseur William Friedkin im Jahre 2014: „I would never go back and do another Exorcist. Or anything with demonic possession or exorcism in it. I did it. I couldn’t do it any better than that.“ . Eine wahrhaftig weise Entscheidung.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!