Werbung

„M3gan“ (USA, 2023)

verfasst am 10.Januar 2023 von Markus Haage

(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Die künstliche Intelligenz in Form einer lebensgroßen Spielzeugpuppe erhebt sich, um den Menschen vor seinen eigenen Taten zu schützen. Eine bekannte Prämisse, die Jason Blum und James Wan auf teils herrlich bizarre Weise mit einem ordentlichen Schuss Gesellschaftskritik zelebrieren.

Offizielle Synopsis: Sie ist auf Freundschaft programmiert: M3GAN ist kein gewöhnliches Spielzeug, designt als beste Freundin eines Kindes und Verbündete der Eltern. Als Robotik-Expertin Gemma (Allison Williams) unerwartet zum Vormund ihrer verwaisten Nichte wird, nimmt sie den Prototyp der Hightech-Puppe mit nach Hause. Eine folgenschwere Entscheidung, denn M3GAN entwickelt einen geradezu mörderischen Beschützerinstinkt.

Es gibt wahrhaftig nicht viele Horrorfilme, die es noch schaffen, auf den populären Review-Plattformen (fast) durchweg positive Kritiken zu erhalten. Demnach überrascht es, dass „M3gan“ kurz nach Kinostart in den USA auf RottenTomatoes.com zeitweise eine Gesamtwertung von 97 % besaß. Mittlerweile ist diese zwar um zwei Prozentpunkte gefallen (Stand: 08.01.2023), aber sicherlich nicht weniger phänomenal. Die positiven Nachrichten reißen zudem nicht ab: mit einem Einspielergebnis von über dreißig Millionen US-Dollar, konnte der Horrorstreifen am Startwochenende als erster Film James Camerons Alien-Epos „Avatar: The Way of Water“ (2022) fast von Platz 1 der US-Kinocharts verdrängen. Vielleicht liegt der Erfolg in der verstörenden Marketing-Kampagne begründet, vielleicht traf der Film auch einfach nur den Nerv der Zeit. „M3gan“ erscheint zu einem Zeitpunkt, indem die Debatte um Künstliche Intelligenz massiv an Fahrt aufnimmt. Diese wird unser Leben drastisch verändern, insbesondere die Berufswelt, und weltweit Millionen von Jobs kosten. Menschliche Arbeit wird endgültig entwertet, vornehmlich im künstlerischen Bereich. Die Menschen spüren – vielleicht auch nur unbewusst –, dass sich etwas schleichend, aber grundlegend verändert. Künstliche Intelligenz bietet viele Chancen, birgt aber auch zahlreiche Gefahren. Wenn man so möchte, arbeitet „M3gan“ dies auf eine ganz eigene Weise im Rahmen eines herrlich reißerischen Sci-Fi-Horrorfilms auf.

Wie bestellt und nicht abgeholt…
(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Natürlich gab es bereits zahlreiche Vorläufer, die sich einer ähnlichen Thematik angenommen haben. Die Prämisse, der ewige Kampf Mensch gegen Technik im eigenen Haushalt, ist eben nicht neu – man denke hierbei nur an Werke wie Wes Cravens „Der tödliche Freund“ („Deadly Friend“, 1986) oder vielleicht gar das erste Drittel von Steven Spielbergs Sci-Fi-Märchen „A.I. – Künstliche Intelligenz“ („A.I. – Artificial Intelligence“, 2002) – „M3gan“ kupfert allerdings nicht ab, sondern steht eher in einer gewissen Tradition bekannter Stoffe. Im Film manifestieren sich zahlreiche Ideen gleichzeitig. So ist „M3gan“ sicherlich auch etwas an „Chucky – Die Mörderpuppe“ („Child’s Play“, 1988) angelehnt, mit einem Mix „Shopping“ („Chopping Mall“, 1985) versehen (Chucky-Schöpfer Don Mancini gratulierte übrigens per Twitter zum erfolgreichen Box-Office). Vielleicht auch, weil ein signifikanter Teil von Produzent James Wans Karriere von ähnlichen Motiven geprägt ist. Bereits in seinem Debütfilm „Saw“ (2004) nutzt der Antagonist Jigsaw eine Spielzeugpuppe, um sein Handeln anzukündigen. In „Dead Silence“ (2007) werden gar Menschen zu Handpuppen umfunktioniert und „Conjuring – Die Heimsuchung“ („The Conjuring“, 2013) eröffnet mit einer von Dämonen besessenen Stoffpuppe. So erfolgreich, dass dieses Opening gleich drei Spielfilme als Spin-Offs nach sich zog. Aber bei aller Variation handelte es sich hierbei stets um übernatürlichen Horror aus der Welt des Aberglaubens; in „M3gan“ erweckt weder Fluch noch Blitzschlag die Killerpuppe zum Leben, sondern schlichtweg menschlicher Übermut. Das Werk ist tief in einer hyperrealistischen Dystopie angesiedelt, die so vertraut wirkt, dass sie ohne die drastischen technologischen Entwicklungen im Hier und Heute spielen könnte. Absichtlich irritierend; diese dargestellte Welt ist ein getreues Spiegelbild unserer Realität und ihrer Auswüchse, die wir oftmals nur noch nebenbei wahrnehmen.

Ein neues Mitglied im Kreis des Vertrauens.
(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

„M3gan“ versteht sich nicht als reiner Sci-Fi-Horror, sondern besitzt auch zahlreiche gesellschaftskritische Elemente, die das Werk im Detail von anderen Genreproduktionen abhebt. Vielleicht war sich das Produktionsteam auch stets der Absurdität der eigentlichen Story bewusst, sodass man diese mit satirischen, teils komödiantischen Elementen versetzte, die zeitweise an Ed Neumeiers Gesamtwerk („RoboCop“, „Starship Troopers“) erinnern und auch Züge von Joe Dantes Schaffen besitzen. Wohl nicht zufällig eröffnet der Film mit einem Werbespot zu einer neuer Produktlinie von Kinderspielzeugen, die den ganzen technologischen und digitalen Wahnsinn der Gegenwart ins Absurde überhöht. Zumindest präsentiert es sich so. Nimmt man es im Detail auseinander, so muss man fast schon verbittert feststellen, dass alles, was dargestellt wird, schon längst existiert. Interaktive Produkte, die jeden Schritt aufzeichnen, auswerten und letztlich daraus Schlüsse ziehen, um unser Leben vermeintlich positiv zu beeinflussen. Ob uns dies bewusst sein mag oder eben nicht. Die Figur M3gan ist nicht nur HAL 9000, sondern eben auch Alexa, genauso wie GoogleMaps, Twitter, Facebook oder ChatGTP.

Dass diese Balance zwischen Horror und Sci-Fi, Thrill und Satire so hervorragend funktioniert, ist vor allem den perfekt gecasteten Schauspielern als auch dem wundervoll getakteten Drehbuch zu verdanken. Zu keinem Zeitpunkt nimmt man Längen wahr, auch wenn man den groben Ablauf der Storyline als Genrekenner natürlich frühzeitig erahnen kann. „M3gan“ besticht nicht zwingend durch nennenswerte Twists oder Wendungen, sondern mit einer sorgfältig inszenierten und straff präsentierten Handlung, die von einem durchweg überzeugenden Cast getragen wird. Dies gilt insbesondere für die beiden Hauptdarstellerinnen Allison Williams und Violet McGraw, die dem Werk durch ihr Spiel vor allem im englischsprachigen Original eine überraschende (oder eher unerwartete) dramaturgische Tiefe geben.

Keine neue Rekrutin für „Team America: World Police“, sondern M3gan.
(© 2023 Universal Studios. All Rights Reserved.)

Natürlich geizt der Film auch nicht mit den genreüblichen Schauwerten, auch wenn diese zumindest für die Kinofassung heruntergefahren wurden. Trotz der „FSK 16“-Freigabe ist die Grundlage für die Kinofassung natürlich das US-amerikanische „PG-13-Rating“. Für den Heimmedienmarkt ist bereits eine Unrated-Version angedacht. Ob diese dann auch bei den Gewaltdarstellungen tatsächlich expliziter ist, sei einmal dahingestellt, allerdings wäre dies für das Sehvergnügen wirklich nur zweitrangig. „M3gan“ könnte weitaus brutaler sein, muss es aber überhaupt nicht. Der Film funktioniert auch hervorragend ohne explizite Gewaltdarstellungen und sollte sich somit auch in der Erwartungshaltung nicht auf diese reduzieren lassen. Vielleicht treten durch ihr Fehlen sogar die satirischen Elemente noch weitaus stärker hervor. Denn dem Werk ist es sogar selber bewusst, dass hinter dem Spielzeug M3gan letztlich eine Schauspielerin steckt. Die Figur wurde weder computeranimiert noch durch Animatronics dargestellt. Man spürt dies stets, dem Sehvergnügen tut dies aber keinem wirklichen Abbruch. Es passt irritierenderweise sogar gut zum komödiantischen Unterton.

Mit „M3gan“ haben es die Genre-Spezialisten Jason Blum und James Wan mal wieder geschafft: im Kern bekannter Horror wurde popkulturell durch die Vermischung unterschiedlicher Genres relevant modernisiert. Versüßt mit Gesellschaftskritik, stellt „M3gan“ eine kurzweilige, überraschend unterhaltsame, präzise getaktete Genre-Farce dar, die sich der eigenen absurden Prämisse nicht nur stets vollends bewusst ist, sondern damit auch augenzwinkernd kokettiert.

Markus Haage

Werbung
Produkt bei Amazon.de bestellen!
Über Markus Haage 2274 Artikel
Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!