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„Last Night in Soho“ (UK, 2021)

verfasst am 8.November 2021 von Markus Haage

(© 2021 Focus Features LLC. All Rights reserved.)

Mit „Last Night in Soho“ schuf Regisseur Edgar Wright einen mitreißend-inszenierten Horror-Thriller. Ein durchweg britisches Werk, welches nicht nur tief mit der englischen Popkultur und -folklore der 1960er-Jahre und deren nostalgischer Verklärung verbunden ist, sondern auch die Filmgeschichte reichlich zitiert.

Offizielle Synopsis: Die behütete Eloise und die geheimnisvolle Sandy suchen beide ihr Glück in London. Die eine im Jahr 2019, die andere in den Swinging Sixties. Eine mysteriöse Verbindung hinweg über Raum und Zeit, eine Fassade des Glamours, die langsam zerbricht – in Edgar Wrights Psychothriller „Last Night in Soho“ ist nichts so, wie es scheint.

Das deutsche Plakat zum Film.
(© 2021 Focus Features LLC. All Rights reserved.)

Ob Zombie-Apokalypse, kleinbürgerliche Verschwörung oder außerirdische Invasion, in seiner bisherigen Filmografie hat der britische Regisseur Edgar Wright fast alle großen Genreklassiker des Phantastischen Kinos zitiert. Besonderes Merkmal: Seine übernatürlichen Geschichten waren stets lediglich eine Herausforderung für seine absolut natürlichen Figuren. Der Motivator, um die Komfortzone zu verlassen. Personen aus dem realen Leben, die mit alltäglichen Dingen zu kämpfen haben, müssen sich nicht nur sich selbst und den eigenen Fehlern stellen, sondern auch einer Art von Parallelwelt, die sich immer hinter einer vollkommen banalen Fassade verbirgt. Nichts ist so, wie es zuerst den Anschein hat. Hinter den sauberen Vorgärten einer Reihenhaussiedlung oder den redundanten Traditionen einer Kleinstadt stehen dann eben auch gerne einmal faschistoide Aliens oder geheime Zirkel, die im Hintergrund die Fäden ziehen und so die Gesellschaft in Schach halten oder gar umformen wollen. Die Helden von Wrights Geschichten sind wiederum fast dermaßen einfarbige Alltagstypen, dass lediglich die komödiantische Überzeichnung ihrer Charaktere eine Identifikation möglich macht. Der Einzelhandelskaufmann, der sich weigert erwachsen zu werden („Shaun of the Dead“). Der Dorfpolizist, der seine Talente und Fähigkeiten verschwendet („Hot Fuzz – Zwei abgewichste Profis“). Der coole Abhänger von der Schule, der sich nicht eingestehen will, dass seine Zeit schon lange abgelaufen und das Leben an ihm vorbeigezogen ist („The World’s End“). Wright stand stets auf der Seite der Unangepassten oder Verlorengegangenen. Ähnlich verhält es sich auch in „Last Night in Soho“ (2021).

Im Fokus der Handlung steht die junge Eloise (Thomasin McKenzie), die dem Heimatdorf entflieht, um in der Großstadt London als Mode-Designerin Erfolg zu finden. Die Prämisse zahlreicher US-amerikanischer Coming-of-Age-Komödien der 1980er-Jahre – ein Nesthäkchen geht auf große Reise –, doch was auch hier wie eine typische College-Komödie beginnt, entwickelt sich insbesondere zum Finale hin zu einem übernatürlichen Horrortrip. Nun nimmt sich Wright aber keinem in sich abgeschlossenen Setting an – eine Beziehung, eine Kleinstadt, eine Gemeinschaft –, sondern gleich einer ganzen Epoche und verknüpft diese mit einem aktuell heiß debattierten gesellschaftlichen Problem, welches über Jahrzehnte ignoriert oder bagatellisiert wurde.

Regisseur Edgar Wright (links) am Set seiner „Swingin‘ Sixties“.
(© 2021 Focus Features LLC. All Rights reserved.)

Edgar Wrights Swingin‘ Sixties werden im wahrsten Sinne des Wortes traumhaft präsentiert. Meisterhaft und mitreißend inszeniert, wird der Zuschauer in eine längst untergegangene Epoche eingeladen. Eine Welt, die so nicht mehr existiert und heutzutage gerne verklärt wird. Wright beweist hierbei unheimlich viel inszenatorisches Geschick und Kreativität. Es würde wohl nicht einmal verwundern, wenn durch den Film Musikklassiker wie „A World Without Love“ (1964) von Peter & Gordon oder „I’ve Got My Mind Set on You“ (1962) von James Ray wieder in die Charts einsteigen. Die zahlreichen Musiktitel sind perfekt gewählt und eröffnen diese (Alb-)Traumwelt nicht nur für den Zuschauer, sondern auch für die junge Eloise. Denn immer dann, wenn sie sich schlafen legt, wird sie in diese längst untergegangene Welt entführt und schlüpft hierbei in die Rolle der jungen Sandy (Anya Taylor-Joy), die in den frühen 1960er-Jahren ihr Glück als Sängerin in Soho sucht. Der Ort, an dem Träume wahr werden sollen. Oder eher Albträume. Denn hinter dem Glitzer und Glamour, der totalen nostalgischen Verklärung einer ganzen Ära, steckt ein überaus realer Horror. Das Londoner Viertel Soho (nicht zu verwechseln mit dem Stadtviertel SoHo in New York City) spielt in der britischen Musik-Folklore eine besondere Rolle. Bands wie „The Pogues“, „The Who“ oder „The Libertines“ erwähnen es in ihren Songs, sodass sich fast ein eigener Mythos um das Szeneviertel gegründet hat. Diese verklärte Soho-Mythologie greift Wright auf und überhöht sie vollkommen. Wright präsentiert dem Zuschauer das, was er glaubt von Soho zu wissen, nur um es später auf brutale Weise einzureißen. Dabei bedient sich Wright in der Darstellung auch der expressionistischen Farborgie des Giallos; sicherlich eine inszenatorische Verbeugung vor Filmemachern wie Mario Bava oder Dario Argento (gewisse inhaltliche Parallelen zu „Suspiria“ sind vorhanden). Thematisch ist „Last Night in Soho“ Wrights mit Abstand erwachsendes Werk.

Ellie (Thomasin McKenzie) lebt in der Vergangenheit und Gegenwart.
(© 2021 Focus Features LLC. All Rights reserved.)

Ähnlich wie in „The World’s End“ (2013) offenbart sich die wahre Natur der Geschichte (trotz vorheriger Verweise) allerdings erst vollends im letzten Drittel. Dann entwickelt sich das Fantasy-Drama zu einem reinen Horrorfilm, der auch das eigentliche Opfer des Films zumindest zeitweise zu einer Antagonistin mutieren lässt. Hier verliert das Werk etwas an Kraft, da Wright bemüht ist, ihr Leid zwar anzuerkennen, aber dennoch eine Motivation für eben diese Antagonistin benötigt, um den finalen Konflikt unterhaltsam aufzubereiten. Wenn die Grenzen von (Alb-)Traum und Wirklichkeit endgültig zerfließen, muss es dann eben doch auch in der Realität ein effektvolles Finale mit einem Widersacher geben, den es zu besiegen gilt. Ähnlich verhält es sich auch mit einem besonderen Plotpoint – das Schicksal von Eloises Mutter –, der wohl nur als Nebelkerze fungieren soll, um den Zuschauer auf eine falsche Fährte zu schicken, obwohl dieser unheimlich viel Potenzial bietet. Allerdings sind dies wahrhaftig nur kleine Kritikpunkte, die das Gesamtbild kaum schmälern. Auch, weil der Film von einem nahezu perfekten Cast getragen wird, dem es ein Genuss ist beim Spiel zuzusehen. Insbesondere Thomasin McKenzie, die die Hauptfigur mimt, fällt durch ihr sympathisches Spiel auf. Es sei zu empfehlen, „Last Night in Soho“ im englischen Original zu sehen. Nicht nur, da man zahlreiche Begrifflichkeiten aus der englischen Alltagssprache nur schwer übersetzen kann, sondern das erwähnte Spiel von McKenzie und Co. auch aufgrund ihrer Dialekte kaum zu übertragen ist. An dieser Stelle sei aber auch auf die zahlreichen Nebencharaktere hingewiesen, die teils von Schauspielgrößen wie Diana Rigg, Rita Tushingham, Terence Stamp und Margaret Nolan – wohlgemerkt jugendlichen Ikonen des britischen Kinos der 1960er! – dargestellt werden. Ihre bloße Präsenz mahnt an längst vergangene Tage. Tage, die so nie in der Wirklichkeit existierten. Zumindest nicht so, wie wir sie in Erinnerung behalten wollen.

Diana Rigg in ihrer letzten großen Rolle.
(© 2021 Focus Features LLC. All Rights reserved.)

„Last Night in Soho“ verwischt mit einer brillanten Inszenierung gekonnt die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit, aber eben auch Mythologie und Realität. Es ist nicht nur ein Film, der ein großes aktuelles gesellschaftspolitisches und kulturelles Thema aufgreift, sondern in gewisser Hinsicht auch gegen die ewige nostalgische Verklärung gestriger Zeiten ankämpft, die vor allem die westliche Kulturwelt ergriffen hat. Die Vergangenheit war eben nie so, wie man sie sich erzählt oder sie in Erinnerung behalten möchte.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!