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Der Teufel im Detail: Der Horrorfilm „Late Night with the Devil“ in der K.I.-Falle

verfasst am 23.März 2024 von Markus Haage

Mit der Nutzung von K.I.-generierten Illustrationen zog der Independent-Horrorfilm „Late Night with the Devil“ kurz vor Veröffentlichung die Wut von Kreativschaffenden aus der Filmbranche und Journalisten aus aller Welt auf sich. Die bloße Emotionalität einzelner Wortmeldungen überrascht nicht (mehr), doch die schiere Masse dieser hingegen schon. Man spürt, dass hier eine ganze Industrie um ihre Zukunft bangt.

Es sollte eigentlich ein kleiner Triumphzug werden: Mit „Late Night with the Devil“ (2023) startet dieses Wochenende eine Horror-Mockumentary in den US-amerikanischen Kinos, die auf der populären Review-Plattform „Rotten Tomatoes“ zeitweise eine Kritiker-Wertung von 100 % inne hatte. Das „Empire“-Magazine bezeichnete den Film als „truly chilling success“; die „New York Times“ wiederum als „nasty and delicious, unapologetic pastiche“. Die Dreharbeiten wurden vor mehr als zwei Jahren beendet. Lange Zeit war es nicht einmal sicher, ob „Late Night with the Devil“ überhaupt in den Lichtspielhäusern veröffentlicht wird. Es ist ein Independent-Film; nicht von einem Majorstudio produziert. Nun darf das Werk, wenn auch „nur“ in einem „limited run“, noch auf den Leinwänden erstrahlen. Mittlerweile eine kleine Besonderheit.

Exorzismus live im Fernsehen.
(© IFC Films. All Rights Reserved.)

Es stellt keine Selbstverständlichkeit mehr dar, dass selbst hochkarätige Filme noch landesweit in den Kinos vertrieben werden. Die Traumfabrik Hollywood befindet sich in einer tiefen Krise; die globale Medienlandschaft in einem drastischen Wandel. Selbst vielversprechende Produktionen finden keinen Vertrieb mehr. Dev Patels Regie-Debüt „Monkey Man“ (2024), der Anfang April in den Kinos starten wird, wurde bereits vor mehr als drei Jahren abgedreht. Der Rache-Thriller mit übernatürlichen Elementen konnte nur aufgrund des Einflusses und Standings von Oscar®-Preisträger Jordan Peele („Get Out“) in die Kinos gebracht werden. Er überzeugte Universal Pictures persönlich von einem globalen Kinostart. Die Neuverfilmung von Stephen Kings „Brennen muss Salem“ („Salem’s Lot“, 2024) wird indes dieses Jahr auf dem Streamingdienst HBOmax releast. Ursprünglich war ein Kinostart im April 2023 angekündigt. Werke wie „Batgirl“ (2023) oder „Coyote vs Acme“ (2023) werden gar nicht mehr veröffentlicht. Mit einem Schuldenberg von über fünfzig Milliarden US-Dollar muss Warner Bros., das produzierende Studio hinter den genannten Werken, die eigenen Ausgaben drastisch reduzieren; nach US-Steuerrecht können Spielfilme als eine Form von Handelsware komplett abgeschrieben werden, wenn man sie vor Veröffentlichung vollständig zerstört. Die Vernichtung von Filmen ist für Warner derzeit wohl eine finanziell lukrativere Option als deren Vertrieb.

Diese Gefahr bestand bei „Late Night with the Devil“ zum Glück nie; allerdings war ein Release auf dem US-Streamingdienst „Shudder“ stets anvisiert. IFC Films erklärte sich dennoch bereit, den Kino-Vertrieb in den USA zu übernehmen. In Deutschland wird Capelight Pictures den Film im Sommer in die Kinos bringen.

Doch im Zuge dieses kleinen Triumphs – ein kreativer, von der Presse hochgelobter, kleiner Indie-Horror auf der großen Leinwand! – verstimmte die Euphorie recht schnell. In den Tagen vor dem Filmstart machte sich vor allem auf dem sozialen Netzwerk „X“ (vormals „Twitter“) massiver Unmut breit. Die Filmemacher hinter dem Werk hätten K.I. (Künstliche Intelligenz) genutzt, um den Film fertigzustellen, hieß es.

Anfangs herrschte Unklarheit, in welchen Umfang dies geschehen sein soll. Letztlich wurde es vom Regie-Duo Cameron und Colin Cairnes allerdings bestätigt: drei Illustrationen, die als Werbeeinblendungen im Film kurz aufpoppen, wurden mit K.I. generiert, allerdings nachbearbeitet und mit Effekten übersehen eingefügt. Alle großen Medien, unter anderem auch das weltberühmte Branchenblatt Variety, berichteten. Die Regisseure sahen sich dazu gezwungen ein Statement zu veröffentlichen.

„In conjunction with our amazing graphics and production design team, all of whom worked tirelessly to give this film the 70s aesthetic we had always imagined, we experimented with AI for three still images which we edited further and ultimately appear as very brief interstitials in the film. We feel incredibly fortunate to have had such a talented and passionate cast, crew and producing team go above and beyond to help bring this film to life. We can’t wait for everyone to see it for themselves this weekend.“
– Cameron und Colin Cairnes

Auch Hauptdarsteller David Dastmalchian meldete sich zu Wort.

Mittlerweile wird vermutet, dass diese genannten drei Illustrationen auch Teil der Studiokulisse sind (dies ist aber noch nicht bestätigt); sich demnach als einen bedeutenden gestalterischen Teil der erschaffenen Welt verstehen und somit omnipräsent vertreten sind (der Film spielt nur im besagten Studio). Diese Vermutung goss weiteres Öl ins Feuer; es ist mancherorts nun leider sogar von einem Boykott als auch Piraterie des Films die Rede. Selbst branchenerprobte Journalisten, wie etwa Walter Chaw, geben öffentlich bekannt, dass sie keinerlei Promotion oder auch nur Berichterstattung zum Film mehr betreiben werden und habe ihre angesetzten Interviews mit Cast und Crew abgesagt.

Die Verwendung von K.I. gilt unter vielen, wenn nicht allen Künstlern, als absolutes No-go. Wie erwähnt, befindet sich vor allem die Filmbranche in einer tiefen Krise und einem drastischen Wandel. Der Aufstieg von K.I.-Systemen scheint nicht mehr aufzuhalten zu sein. Der ehemalige Disney-CEO Jeffrey Katzenberg ist sich sogar sicher, dass rund 90 % aller Jobs bei Animationsfilmen in den nächsten vier Jahren wegfallen werden („It took 500 artists five years to make a world-class animated movie, I don’t think it will take 10 percent of that [with AI].“). Die K.I.-Revolution wird Arbeitsplätze kosten; und zwar in allen künstlerischen Bereichen (siehe hierzu folgenden Artikel: „Der A.I.-Horror: Wie Künstliche Intelligenz die ‚Tyrannei des Mittelmaß‘ fördert und das ‚Zeitalter der Lethargie‘ einleiten wird“). Aufgrund des letztjährigen Streiks der Autoren- und Schauspieler-Gewerkschaften Hollywoods, lag die Branche zudem über Monate hinweg brach. Es konnten de facto keine Serien oder Filme produziert und damit kein Geld verdient werden.

Die wirtschaftliche Lage der Arbeiterinnen und Arbeiter hinter der Kamera ist katastrophal; selbst Executives bangen mittlerweile um ihre Arbeitsplätze. Man spricht schon von einer „full-scale depression“. Derzeit wissen viele nicht einmal, ob sie ihre Familien noch ernähren oder überhaupt in ihren Häusern wohnen bleiben können. Die rasante Entwicklung von K.I. setzt diesem zusätzlich zu. Kurzum: Hier bangen Menschen um ihre wirtschaftliche Existenz, ihre berufliche Zukunft und ihre künstlerische Daseinsberechtigung. Man kann eine gewisse Emotionalität nachvollziehen, auch wenn mit Boykott- oder gar Piraterie-Aufrufen sicherlich niemanden geholfen ist.

Die heftigen Reaktionen auf die Verwendung von K.I. in „Late Night with the Devil“ gehen somit mit den neuesten Entwicklungen zusätzlich einher. OpenAI hatte erst vor zwei Wochen ihr neues K.I.-Video-Programm „Sora“ vorgestellt, das mit wenigen Sätzen fast fotorealistische Kurzfilme oder Sequenzen erstellen kann. Dies ist aber lediglich die öffentliche Consumer-Variante. Die internen K.I.-Systeme sind bereits so gut, dass zwischenzeitlich Meetings zwischen OpenAI und Hollywoods-Studios stattfanden. Filmemacher Tyler Perry nahm die Veröffentlichung von „Sora“ übrigens zum Anlass, die Expansion seines eigenen Produktionsstudios vorerst aufzugeben. Dies umfasste eine Summe von 800 Millionen US-Dollar, die nun nicht mehr investiert wird. Nach Veröffentlichung von „Sora“ ist er sich sicher, dass viele Jobs verloren gehen werden („Jobs Are Going to Be Lost“).

OpenAI trifft sich bereits mit den Hollywood-Studios.
(© Bloomberg.com)

Die anfänglich harschen Reaktionen auf die Verwendung von K.I. in „Late Night with the Devil“ sind emotional verständlich. Der Film entstand allerdings vor mehr als zwei Jahren; die Filmemacher spielten mit diesem neuen Tool herum; versuchten es einzubinden und waren sich der Tragweite ihrer kreativen Entscheidung anscheinend noch nicht vollends bewusst. Man kann dies sicherlich gerne als Naivität oder Unbedarftheit bezeichnen. Es war wohl auch nie ihre Absicht, Jobs in Gefahr zu bringen. Fairerweise muss man auch erwähnen, dass Marvel Studios bereits vor einem Jahr die Titel-Sequenz zu ihrer Serie „Secret Invasion“ (2023) mit der Unterstützung von K.I. generierte. Die Enttäuschung darüber war damals nicht geringer, aber die Empörung hingegen schon. Ein Independent-Horrorfilm muss wohl traditionell mehr Schläge einstecken können, als eine 200-Millionen-US-Dollar-Produktion eines globalen Medienkonglomerats.

Dennoch bleibt die Verwendung von K.I. in „Late Night with the Devil“ ärgerlich. Es sind letztlich drei Grafiken, die man relativ fix von menschlichen Illustratoren hätte erstellen lassen können. Kostenpunkt pro Grafik sind laut professionellen Zeichnern rund fünfhundert US-Dollar; viele Nachwuchstalente hätten es wohl für den Credit an sich sogar umsonst gemacht (was wiederum ein anderes Problem ist …). Wenn hierbei nun bereits gespart wird, ist dies wirklich mehr als nur ein Indiz, wie schlecht es der Branche mittlerweile geht.

Das Regie-Duo Cameron und Colin Cairnes wird sich gerade eben selber dafür „hassen“, damals für drei Illustrationen K.I. verwendet zu haben. Die gesamte Produktion und damit natürlich auch die Arbeit aller Beteiligter wird nun von dieser Debatte überschattet. Das war es letztlich nicht wert. Folgende Reaktion eines Zuschauers verdeutlicht dies wohl recht prägnant.

Welche Schlüsse man jetzt aber daraus konkret ziehen soll, bleibt unklar. Dazu ist die emotional geführte Debatte in den sozialen Netzwerken zu konfus. Sollen etwa Indie-Produktionen nun einen (zumindest moralisch höheren) Maßstab an sich selber anlegen als es die großen Major-Studios tun? Auch wenn sie es sich finanziell eigentlich gar nicht leisten können? Reicht eine Selbstverpflichtung aus, die Zuschauerinnen und Zuschauer vorab darüber zu informieren, dass K.I. verwendet wurde? Oder braucht es hierfür nicht auch endlich eine klare rechtliche Regulierung? Sollten Kunstwerke, die K.I. verwenden, von staatlichen Förderungen ausgeschlossen sein? Oder (im US-Kontext) auch nicht auf gewerkschaftlich engagierte Arbeiterinnen und Arbeiter zurückgreifen dürfen? Viele Fragen; aufgrund der rasanten Entwicklung werden alle diskutierten Antworten bereits morgen schon veraltet sein. Sicher ist nur, K.I. wird leider nicht nur bleiben, sondern die globale Medienlandschaft massiv transformieren. Nicht nur das große Hollywood-Kino, sondern auch den Independent-Film.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!