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Der A.I.-Horror: Wie Künstliche Intelligenz die „Tyrannei des Mittelmaß“ fördert und das „Zeitalter der Lethargie“ einleiten wird

verfasst am 23.Mai 2023 von Markus Haage

Die Kreativbranche ist im Wandel, dies war sie stets, doch was uns nun durch die Revolution von Künstlicher Intelligenz bevorstehen könnte, wäre ein Schreckensszenario, das selbst die kühnsten K.I.-Träumer in dieser Geschwindigkeit bis vor kurzem noch nicht für möglich hielten. Ein paar Gedanken zum Untergang menschlicher Schaffenskraft in Kunst und Kultur.

In zehn Jahren werden wir in einer anderen Welt leben. Wie beängstigend diese sein könnte, haben bereits die Schöpfer der modernen K.I. erkannt. OpenAI-Gründer Sam Altman spricht sich mittlerweile öffentlich für eine internationale Regulierung seines eigenen Dienstes aus („Diese Sache kann völlig schiefgehen.“), Elon Musk fordert ein Moratorium (Entwicklungsstopp von K.I.) und selbst die sogenannten „Godfathers of A.I.“, Geoffrey Hinton, Emad Mostaque, Yoshua Bengio und Stuart Russell, haben inzwischen wohl ihren Oppenheimer-Moment erfahren und warnen vergeblich vor einer (unkontrollierten) Evolution. Hinton hat sogar bei Googles K.I.-Programm gekündigt und bereut seine Involvierung.

„I console myself with the normal excuse: If I hadn’t done it, somebody else would have.“
– Geoffrey Hinton

Wie drastisch K.I. selbst das alltägliche Arbeitsleben beeinflussen wird, hat die US-amerikanische Fast-Food-Kette „Wendy’s“ bereits verlautbaren lassen: Sie werde ihre Arbeitskräfte an den Drive-In-Schaltern durch Künstliche Intelligenz ersetzen. Dies beträfe in den USA (bei allen Ketten) rund 13,8 Millionen Arbeitsplätze, die oftmals von Menschen gehalten werden, die leider keine Option auf anderweitige Arbeit mehr besitzen. Anzunehmen, dass der Wegfall nur dieser Jobs nicht zu drastischen sozialen (und somit politischen) Konflikten führen wird, ist extrem naiv. Zwar wird K.I. auch Arbeitsplätze schaffen, aber solche Umbrüche sind keine Nullsummenspiele. Eine 40-jährige Drive-In-Kassiererin wird mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu einer Software-Developerin und ein 50-jähriger Verwaltungsangestellter nicht zu einem K.I.-Prompter umgeschult werden. Auch wenn dies natürlich wünschenswert wäre oder in Einzelfällen, die man dann in den Medien präsentiert, tatsächlich machbar ist.

Die K.I.-Revolution betrifft allerdings nicht nur die klassische Arbeiterklasse, die von den großen Umbrüchen stets zuerst betroffen war, sondern nun auch die Mittelklasse. Ob Steuerberater, Verwaltungsangestellte, Web-Designer, Programmierer, Architekten und Bauzeichner, viele wissen nicht einmal, dass sie wohl in fünf Jahren arbeitslos sein könnten oder ihr jetziger Beruf, sie nicht mehr alleine ernähren kann. K.I. ist kein reines Werkzeug, dass lediglich bestimmte Aspekte einer Arbeit automatisiert, K.I. kann die Arbeit vollständig ersetzen. Laut einer Studie von Goldman-Sachs soll K.I. nur in den nächsten sieben Jahren weltweit mindestens 300 Millionen Arbeitsplätze obsolet machen.

Auch die Kreativbranche ist von dieser Entwicklung besonders betroffen. Es ist einer der Sektoren, in der menschliche Arbeit durch Künstliche Intelligenz drastisch entwertet werden wird. Wirklich interessieren scheint dies (außerhalb der Branche) derzeit aber noch kaum jemanden. Dank der Sozialen Netzwerke herrscht schon seit Jahren eine vollkommene Respektlosigkeit gegenüber künstlerischen Werken, ihrer Urheberschaft und ihrem Schaffensumfang. Künstliche Intelligenz wird durch ihre schiere, massenhafte Präsenz zu einer totalen Inflation von Kunst und Kultur führen. Wenn jeder alles generieren kann, dann kann niemand mehr etwas von kommerziellem Wert erschaffen. Der Markt unterliegt dem Angebot und der Nachfrage. Dank K.I. wird es ein absolutes Überangebot einer Ware geben, die seit Jahren von einer breiten Masse kaum noch wertgeschätzt wird.

Aufruf der „Concept Art Association“ zum Schutz menschlicher Kunst.
(© Concept Art Association)

In den letzten Wochen haben sich immer mehr Künstler zu Wort gemeldet, die das Voranschreiten von K.I.-generierter Kunst verdammen. Dies geht so weit, dass die US-amerikanische „Society of Illustrators“ offen K.I.-Kunst boykottiert und die „Concept Art Association“ zu einer Spendenkampagne aufgerufen hat, um „menschliche Kunst“ zu unterstützen und zu schützen. Bekannte Filmemacher wie Guillermo Del Toro schließen sich dem Protest ausnahmslos an; James Cameron befürchtet gar „das Ende der Welt“ („Look, an AI could have taken over the world and already be manipulating it but we just don’t know […].“). Für Künstler trifft dies auch tatsächlich zu.

„I consume and love art made by humans, I am completely moved by that. And I am not interested in illustrations made by machines and the extrapolation of information. I talked to Dave McKean, a great artist. He told me his greatest hope is that AI cannot draw.“
Guillermo del Toro im Interview mit Decider.com

Als Animations-Legende Hayao Miyazaki anno 2015 ein Test-Video zu den damaligen Fähigkeiten von K.I. vorgeführt wurde, erwiderte er nur noch, dass Künstliche Intelligenz eine Beleidung an das Leben an sich wäre („I strongly feel that this is an insult to life itself.“). Auf die Frage des anwesenden „Studio Ghibli“-Produzenten Toshio Suzuki, was denn das konkrete Ziel der K.I.-Entwickler sei, antworteten diese ungeschönt: „Wir wollen eine Maschine entwickeln, die Animationen zeichnet, wie es sonst nur ein Mensch könnte.“ Danach herrschte Stille.

Joe Russo, Regisseur von „Avengers: Endgame“ (2019), sagte öffentlich, dass jeder vor K.I. Angst haben sollte und geht bereits jetzt davon aus, dass in spätestens zwei Jahren die ersten K.I.-generierten Blockbuster von etablierten Studios veröffentlicht werden. Ähnlich scheint es auch der deutsche Produzent Benjamin Munz („Polar“) zu sehen. Nach der Veröffentlichung eines K.I.-generierten Videos – ein Fake-Trailer, der die Ästhetik eines Wes-Anderson-Films mit „Krieg der Sterne“ („Star Wars“, 1977) vermischte –, merkte er nur an, dass man sich nun im Endspiel befinden würde („This is endgame“).

Dies suggeriert aber, dass es überhaupt einen fairen Wettkampf geben könnte. Die junge Vergangenheit mahnt uns, dass dies wohl nicht der Fall sein wird. Der Siegeszug der Sozialen Netzwerke, befeuert durch die Arroganz der Silicon-Valley-Visionäre und der Ignoranz ihrer millionenschweren Investoren, hat sämtliche Gesetze und Pflichten ignoriert, bis die etablierten Branchen, die diese Gesetze und Pflichten befolgen mussten, unter dem Druck zusammenbrachen. Man denke hierbei nur an die Musikwirtschaft und die Schwurbler, die jahrelang von der „Content Mafia“ faselten. Heute ist die globale Musikwirtschaft fest in der Hand von iTunes (Apple), YouTube (Alphabet), Amazon Music und Spotify. Letzteres macht übrigens rund zweihundert Millionen US-Dollar Verlust pro Jahr („205 Millionen Abonnenten – und doppelt so viel Verlust“). Eine Diversität existiert nicht mehr.

Selbst Genozide, Mobbing, der Aufstieg des Islamischen Staats (Isis), Selbstmorde, der Brexit oder „January 6th“ haben den Internet-Giganten nicht geschadet, obwohl sie dieses alles (mit ihren digitalen Werkzeugen) beförderten und teils sogar überhaupt erst möglich machten. Man kann sich nur wiederholen: Wenn selbst Beihilfe zu Völkermorden den Aktienkurs nicht negativ beeinflussten und niemand Verantwortung übernehmen musste, dann hat Silicon Valley in Sachen K.I. nichts mehr zu befürchten und freie Bahn …

Ähnlich wird es auch beim Siegeszug der K.I.-Firmen und ihrer Programme sein. Somit ein eigentlich bereits verlorener Kampf, da das Internet von einer lautstarken Masse X befeuert wird, die nicht zwingend die Mehrheit ist, aber der künstlerische Werke und Werte vollkommen egal zu sein scheinen. Wäre dies nicht der Fall, würde die Medienbranche weitaus besser darstehen und selbst die großen, über Jahrzehnte etablierten Marken müssten nicht um ihre Existenz bangen, massenhaft Mitarbeiter entlassen und um die Abschließung von absurd billigen Abos betteln. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass ein Artikel, der von ausgebildeten Journalisten über Wochen recherchiert und verfasst wurde, nun einen geringeren kommerziellen Wert besitzt, als ein – absichtlich polemisch formuliert! – zehnsekündiges TikTok-Video von einer 24-jährigen Frau, die in Schulmädchen-Uniform zur Technoversion eines Kinderliedes in die Kamera furzt. Das ist die Medienwelt, die in den letzten 25 Jahren erschaffen wurde. Dort gehen die Views und Klicks hin, die die überlebenswichtigen Werbegelder abgreifen, die wiederum den professionellen Publikationen fehlen (und nur als Exempel: dies hier ist eines der erfolgreichsten TikTok-Videos aller Zeiten).

Von der K.I.-Revolution werden im kreativen Bereich vor allem Talking Heads, Instagram-„Models“, Crypto-Bros, Motivationstrainer, TikTok-Prankster, Islamisten als auch Neo-Nazis profitieren. Sie können „ihre“ Inhalte jetzt ohne nennenswerten Arbeitsaufwand qualitativ (!) auf ein professionelles, sendefähiges Hollywood-Level heben und die Netzwerke überfluten. Selbst wenn man die Gefahr von politisch-radikalen Kräften ausblendet, wird damit dennoch eine „Tyrannei des Mittelmaß“ beginnen (in diesem Kontext empfehle ich folgenden Text: „The Age of Average“). Und dem Gros der Konsumenten, die auf der Couch auf ihr Smartphone starren, während gleichzeitig „Das große Promi-Topfschlagen“ auf dem Fernseher läuft, wird dies schlichtweg egal sein.

Das, was K.I.-Programme künstlerisch bereits jetzt können (siehe oben), ist beängstigend. In ein paar Jahren wird es „Normalität“ sein, dass 15-jährige Schüler Kurzfilme in Hollywood-Qualität an ihrem Laptop mit wenigen Sätzen und Klicks nebenbei generieren können. Die US-Medien-Industrie ist sich dessen bereits vollends bewusst. Amerikanische Gerichte haben sich auf ihrer Initiative hin bereits intensiv mit dem Thema „Künstliche Intelligenz“ befasst, und sind zu dem Entschluss gekommen, dass für künstlerische Werke, die aus künstlicher Intelligenz entstanden sind, keine Urheberrechtsansprüche geltend gemacht werden können. Dies gilt aber wohlgemerkt für den derzeitigen Stand der K.I., da diese aus allen verfügbaren Ressourcen – in der Regel Online-Quellen – neue Werke erstellt. Die K.I. plagiiert im Grunde. Es wird aber natürlich nicht mehr lange dauern, bis sie vollkommen eigenständig „ohne Quellen“ agieren kann. Genau davor warnen die eingangs erwähnten „Godfathers of A.I.“, aber es hört ihnen kaum jemand zu …

Ein kurioser Nebeneffekt übrigens: Fanfilme, die vor allem innerhalb der „Star Trek“- als auch „Star Wars“-Community extrem populär sind, dürften zukünftig der Vergangenheit angehören. Trotz aller Defizite stieg die Qualität dieser Filme in den letzten dreißig Jahren enorm. Teilweise traten sogar die Stars aus den Filmen und Serien auf. Wenn Jugendliche bald an ihrem Laptop oder gar Tablet Filme in Hollywood-Qualität erstellen können, dann müssen auch die Urheber handeln und darauf verweisen, dass die Abenteuer und Welten von Captain Kirk oder Luke Skywalker ihr geistiges Eigentum sind. „Star Trek“ ist eine Marke, die es nur von Paramount/CBS geben kann. Verbietet man Fanfilme nicht konsequent, so würde man sich die eigene Konkurrenz heranzüchten. Die K.I.-Revolution wird selbst die Nischen-Fandoms massiv prägen.

Die bisherige Entwicklung hat Kunst, Kultur und auch Wissenschaft bereits in den Grundfesten erschüttert. Fast wöchentlich melden sich Studenten online zu Wort, deren Arbeiten von ihren Professoren abgelehnt werden (hier oder hier oder hier). Diese unterstellen den Studierenden, dass sie K.I. nutzen würden, um ihre Bachelor-, Master- und Doktor-Arbeiten zu schreiben. Ob dies im Einzelfall überhaupt stimmt, müsste im Grunde Satz für Satz analysiert werden. Denn es existieren bereits K.I.-Programme, die den grundlegenden Schreibstil von K.I.-Programmen abändern und jeden möglichen Hinweis auf die Verwendung von K.I. auslöschen. Die Unterstellungen sind aber nicht unbegründet. Es wird also eine ganze Generation von „Akademikern“ (auf dem Blatt Papier) geben, die aufgrund ihrer „Abschlüsse“ in gesellschaftliche Schlüsselpositionen vordringen, ohne dafür aber die geistige Reife zu besitzen, die man durch alle Rückschläge, aber auch Erfolge erlangt. Ein Bachelor oder Master in einer Geisteswissenschaft wird keine nennenswerte Aussagekraft mehr besitzen.

Heißt: Das große Misstrauen hat bereits begonnen. Was ist noch echt? Was ist „fake“? Welchen Autor kann man noch vertrauen? Zu dieser bitteren Erkenntnis kam auch das Kurzgeschichten-Magazin Clarkesworld. Seit einigen Wochen wird der Herausgeber und Chefredakteur Neil Clarke mit Angeboten zu Kurzgeschichten und Essays zugespammt. Die Vermutung: Agenturen erstellen im Akkord Content und bieten diesen Publishern zur Veröffentlichung an. Dies gilt natürlich auch für Illustrationen. Ohne es zu wissen, hatte Clarkesworld bereits eine K.I.-Illustration für das Cover verwendet. Der „Urheber“ hatte vorab vertraglich zugesichert, keine K.I. genutzt zu haben.

(© ClarkesWorld)

Eine ähnliche Debatte führte der deutsche Journalist Torsten Dewi auf seinem Blog „Wortvogel.de“ kürzlich. Eine Cover-Illustration zur populären Groschenheft-Reihe „John Sinclair“ wirkt wie ein durch K.I. generiertes Bild. Beweisen kann man es nicht, ein ewiger Zweifel bleibt dennoch. Auf Nachfrage von Dewi wollte Michael Schönenbröcher, verantwortlich für die „John Sinclair“-Reihe bei Bastei Lübbe, die Verwendung von K.I.-Art weder bejahen noch verneinen. Das Bild habe man von Shutterstock lizensiert. Dewi recherchierte weiter und stellte fest, dass Shutterstock mittlerweile einen eigenen K.I.-Generator besitzt, der K.I.-Kunst basierend auf dem eigenen Image-Pool kreiert.

K.I.-Kunst? Vieles deutet darauf hin.
(© Bastei Lübbe Verlag)

Erst im Januar musste sich der Künstler Minh Anh Nguyen Hoang, der unter dem Pseudonym Ben Moran arbeitet, öffentlich rechtfertigen und beweisen, dass er keine K.I.-Kunst erstellt hat. Man glaubte ihm nicht und verbannte ihn aus einem populären Subreddit. Kein Einzelfall mehr. Auf Nachfrage von Buzzfeed News, erklärte ein Mod eines Subreddits, dass K.I.-Kunst mittlerweile die Foren überfluten würde. Minh Anh Nguyen Hoangs Reputation konnte zwar letztendlich gerettet werden, aber nur, weil er zahlreiche Beweise in Form von Photoshop-Dateien vorlegte. Eine Entschuldigung möchte er übrigens nicht. Er wolle lediglich sein Recht, noch ein menschlicher Künstler sein zu dürfen, bewahren. Eine solche Aussage muss man in ihrer brutalen Einfachheit erst einmal sacken lassen.

„I just want to protect my right to be a human artist. That’s all.“
– Minh Anh Nguyen Hoang im Interview mit BuzzFeedNews

Der perfide Witz: Diejenigen, die keine K.I. nutzen, müssen dies jetzt lückenlos belegen können. Mit „Generative Fill“ hat Adobe nun ein K.I.-Tool in Photoshop implementiert, dass bereits in der Beta-Version dermaßen überzeugend ist, dass es die klassische Fotografie vollständig ablösen könnte. Zumindest sind davon bereits die ersten Fachexperten überzeugt. Und selbst wenn nicht, wird es den Wert fotografischer Kunst natürlich senken.

Im April gewann der deutsche Fotograf Boris Eldagsen den „Sony World Photography Award“. Er selber gab nach dem Gewinn sofort an, dass sein Foto ein K.I.-Fake war. Er wollte testen, ob er damit tatsächlich eine professionelle Jury täuschen könnte und dadurch auf die Problematik hinweisen. Es gelang ihm eindrucksvoll.

Die Situation ist bereits jetzt schon dermaßen absurd, dass selbst normale User echte Kunst – gar Filmbilder! – für K.I.-generierte Werke halten, wie der folgende Tweet zu James Camerons „Aliens – Die Rückkehr“ („Aliens“, 1986) darlegt.

Wenn K.I.-Kunst für echte Kunst gehalten wird oder echte Kunst eben für K.I.-Kunst, dann ist der Rubikon bereits überschritten. Es gibt kein Zurück mehr und auch die Produktionsstudios wissen das. Warum aus edlen Motiven noch Geld in echte Künstler investieren, wenn es der anonymen Masse X eh egal ist oder sie zumindest den Unterschied nicht mehr erkennen? Mit K.I.-generierte Videos und Fotos bringen doch letztlich auch dieselben Klicks. Teilweise sogar Tausende von Likes und Kommentaren. Die Basis sind stets urheberrechtlich geschützte Inhalte. Diese Inhalte werden ratzfatz generiert, rausgefeuert und damit die Netzwerke regelrecht überflutet. Künstlerische Visionen – hier die Vermischung der Welten von Marvel und „Star Wars“ –, werden zusätzlich entwertet, weil nichts mehr eine Besonderheit besitzt.

Dies sind aber (hoffentlich) offensichtliche Fakes. Natürlich geht es weitaus kreativer oder raffinierter. Ob historische Fakes über das „größte Pferd aller Zeiten“ oder absurde Videos über Quentin Tarantino, der die „Lindenstraße“ (1985–2020) adaptieren will, alles scheint möglich zu sein. Letztlich geht es auch immer um einen gewissen Unterhaltungswert und wenn sich genug User durch Fakes unterhalten lassen, dann ist dies leider so.

Frank Sinatra, der die Lyrics eines sexuell-expliziten Rapsong zu den Takten von „Fly me to the Moon“ singt? Kein Problem. Sinatra (oder die Erbengemeinschaft) werden selbstredend nicht involviert.

Auf Spotify hat ein Song, der die Stimmen und den Stil vom Künstler Drake als auch The Weeknd perfekt imitierte, Millionen von Aufrufen erhalten. Mittlerweile handelt Spotify und löschte erst kürzlich zehntausende von K.I.-Songs. Wenn aber professionelle Produktionsstudios diese Abrufzahlen sehen und sie in Relation mit dem traditionellen Arbeitsaufwand (und deren Kosten) stellen, so werden auch sie letztlich kühle, mechanische Entscheidungen zugunsten ihrer eigenen Wirtschaftlichkeit treffen. Theoretisch benötigt man gar keine Sänger, Musiker und Komponisten mehr, sondern nur noch Menschen, die ihr Gesicht hergeben. Vielleicht ändert K.I. dann diesbezüglich doch nicht so viel … („Girl, you know it’s true …“).

So berichtet der Illustrator JoJoesArt, dass ein deutscher Hörbuch-Produzent ihre menschlichen Sprecher bereits durch K.I.-Stimmen ersetzen will. Zu demselben Twitter-Posting wurde übrigens auch bereits Werbung eines K.I.-Stimmen-Generators eingeblendet, die nicht nur rotzfrech damit wirbt, dass ihre Software Synchronsprecher arbeitslos machen wird, sondern sich über die Arbeitslosen sogar bildlich lustig macht. Die Arroganz der digitalen Entwickler wirbt euphorisch mit der Arbeitslosigkeit von Menschen.

(© JoJoesArt)

Nun muss man den Einsatz von K.I. im künstlerischen Bereich nicht vollkommen verdammen; zumindest dann nicht, wenn es tatsächlich als reines Werkzeug eingesetzt wird. Pandastorm Pictures hat kürzlich damit geworben, dass es nur Dank moderner K.I.-Programme möglich war, die deutsche Synchronspur des britischen Serien-Klassikers „Dr. Who“ für eine neue Veröffentlichung von Soundeffekten und Musik zu befreien, sodass man diese für moderne Soundsysteme überhaupt neu aufbereiten konnte.

(© Pandastorm Pictures)

Vielleicht ist dies auch die Notlösung für viele ältere Film-Klassiker, die über die Jahre neue Synchronisationen erhalten haben – man denke hierbei an „Der weiße Hai“ („Jaws“, 1975), „Flammendes Inferno“ („The Towering Inferno“, 1974) oder auch „Superman – Der Film“ („Superman: The Movie“, 1978) –; letztlich wird man aber auch Stimmen „klonen“, um beispielsweise die nicht synchronisierten Szenen in Deutschland unveröffentlichter Director Cut’s mit den Stimmen der deutschen Originalsprecher versehen zu können. Diese sind in vielen Fällen bereits verstorben; man würde somit ihre Stimme und ihre kreative Kraft nutzen, aber ohne ihre Leistung zu vergüten. Ganz neue rechtliche Fragen stellen sich.

Langfristig wird somit wohl auch die klassische Synchronisation wegfallen. K.I.-Stimmen können bereits jetzt die originalen Schauspieler imitieren und diese Deutsch sprechen lassen. Al Pacino, Robert De Niro oder Colin Farrell, die in ihrem Sprachduktus perfektes Deutsch sprechen, ist bereits kein Problem mehr. Wird es in zehn Jahren überhaupt noch Synchronstudios geben?

Diese Entwicklung betrifft übrigens nicht nur den Ton, sondern natürlich auch das Bild. Bei nachträglichen Abänderungen des Dialogs können sogar die Lippen mittlerweile synchron zum neuen Text angepasst werden (siehe „The Fall“). Der Hollywood-Regisseur Jim Cummings twitterte erst kürzlich, dass er dank eines A.I.-Programms auf seinem Heimrechner DVD-Filme auf 4k hochskalieren ließ. Das Ergebnis sei seiner Meinung nach „incredible“. Bedeutet dies nun das Ende von Film-Restaurationen? Vielleicht. Jim Cummings ging aber noch einen Schritt weiter und fragte, ob es A.I.-Konvertierungs-Tools gäbe, die von Alfonso Cuaróns dystopischen Meisterwerk „Children of Men“ (2006) eine 3D-Version erstellen können, um sie seinen Freunden zu zeigen. Dies war nie die Intention des Regisseurs.

(© jimmycthatsme)

Lucasfilm Ltd. hat sich bereits die Rechte an James Earl Jones‘ ikonischer Stimme gesichert. Der afro-amerikanische Schauspieler, mittlerweile 92 Jahre alt, sprach im englischen Original den Schurken Darth Vader. Oft wurde versucht, die Stimme kostengünstig nachzuahmen; es gelang nie wirklich überzeugend. Das Original bleibt eben das Original. K.I. kann nun dieses Original perfekt imitieren. Wenigstens bekommt James Earl Jones hierfür noch eine Vergütung. Zukünftig könnte dies anders sein. Die New York Times berichtete erst kürzlich, dass der Streaming-Anbieter Netflix in seinen neuen Verträgen sich das Recht herausnimmt, die gesamte Performance eines Schauspielers zu besitzen.

Wahrscheinlich (oder hoffentlich nur) um kostengünstig in der Nachproduktion Änderungen vorzunehmen, allerdings erklärte Netflix gegenüber der New York Times bereits, dass man dies vor allem für Animationsserien plane, wenn ein Sprecher die Serie verlässt. Bedeutet: Ohne Zustimmung zum Vertrag erfolgt natürlich kein Engagement, was dem Produzenten wiederum ermöglichen könnte, einen Sprecher jederzeit zu feuern, seine etablierte Stimme aber weiterzuverwenden. Die New York Post berichtete sogar, dass für eine aktuelle Netflix-Produktion 360-Grad-Scans von den Schauspielern gemacht wurden, um diese beispielsweise im Todesfall durch ein K.I.-Double ersetzen zu können. Und in aktuellen Casting-Calls werden bereits Schauspieler für K.I.-generierte Filme gesucht.

Die Schauspieler-Gewerkschaft SAG (Screen Actor’s Guild) ist über diese Entwicklungen selbstredend nicht erfreut und kündigt nun an, über einen Streik abstimmen zu wollen. Die Autoren-Gewerkschaft WGA (Writer’s Guild of America) streikt bereits seit dem 2. Mai. In den Medien wurde hauptsächlich kolportiert, dass der Streik in erster Linie aus den geringen Tantiemen von Streaming-Veröffentlichungen hervorging. Allerdings weisen die Streikenden bei zahlreichen Gelegenheiten stets darauf hin, dass es auch um den Einsatz von K.I. seitens der Studios geht.

„We’re out here fighting so that the Alexas and whatnot aren’t writing our stories. We’re not here to rewrite a machine. We’re not against the use, you know, if we can find a way to be reasonable. But they cannot be the genesis of any creation. We create these worlds.“
– Drehbuch-Autorin Lanett Tachel im Interview mit NPR.org

Ganze Drehbücher könnten mit Künstlicher Intelligenz geschrieben werden oder werden bereits geschrieben. Besitzen die Studios die K.I. und füttern diese mit Tausenden von Drehbüchern zu eigenen Projekten, so besitzen sie am Ende auch die daraus entstehenden Skripte. Ohne irgendjemanden dafür jemals ein Gehalt oder lebenslange Tantiemen zahlen zu müssen. Die K.I. streikt nicht, wird nicht schwanger oder meldet sich krank. Sie muss auch nicht schlafen und leidet nicht unter Burn-out oder Depressionen. Selbst die professionellen Drehbuch-Autoren Hollywoods müssen bereits jetzt nicht nur um ihre ökonomische Existenz, sondern gar um ihre Daseinsberechtigung kämpfen.

(© Scottcantype)

Auch die unabhängige Berichterstattung wird diese Revolution vor große inhaltliche Probleme stellen. Wenn alles durch K.I. ersetzt werden kann oder wird, worüber soll man dann noch berichten? Etwa wie irgendwelche K.I.-Prompter Sätze eingeben und dadurch ganze Drehbücher entstehen? Das ist keine Story mehr Wert. Die großen Meisterwerke der Filmgeschichte entstanden durch brutale Kompromisse. Nicht alles war machbar oder möglich, es existierten Hürden und Hindernisse, aber genau dies forderte die kreativen Köpfe heraus. Dies hat die großen Kunstwerke der Menschheitsgeschichte erschaffen. Kunst aus Künstlicher Intelligenz ist … langweilig, bedeutungslos, uninteressant. Ich möchte Kunst teilen, die den menschlichen Makel besitzt; Kunst, die durch Fehler und Tragödien entstanden ist, aber auch Hoffnungen und Sehnsüchte in sich trägt. Kunst, die alles Leid und alle Freude eines Menschenlebens oder eines einzigen definierenden Moments beinhaltet.

Diese technische Evolution ist angsteinflößend. Was jetzt bereits möglich ist und noch weiter entwickelt wird, bereitet mir persönlich keine Freude. Heute sind es „nur“ einzelne Illustrationen und Texte, die von A.I. erstellt werden. Morgen werden es vollständige Romane und fotorealistische Spielfilme sein. Das ist eine absolute Horrorvorstellung, die bereits übermorgen Realität sein könnte. Das nächste Update, ChatGTP-5, soll die Welt endgültig verändern.

Wie wird die Zukunft sein? Von Menschen erschaffene Kunst und Kultur wird nicht verschwinden, aber man wird sie massiv subventionieren müssen – ähnlich wie es derzeit bereits bei Theatern, Opernhäusern und Museen der Fall ist. Der Markt wird mit K.I.-Content regelrecht überflutet werden; es wird ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber neuen Publikationen herrschen. Künstler, Autoren, Journalisten, Wissenschaftler werden jeden Arbeitsschritt genau dokumentieren müssen, um nur den Verdacht, K.I. verwendet zu haben, aus dem Weg gehen zu können (der deutsche Journalisten-Verband fordert bereits, dass jeglicher K.I.-Content sichtbar markiert wird). Der Konsument wird hingegen vor der ewigen Frage stehen: Was ist real und was ist fake? Vermögende Privatiers, die sich gerne als Produzenten mit Kunst und Kultur schmücken, um ihren drögen 5-Sterne-Jetset-Leben einen Sinn zu geben, werden als Mäzen auftreten, deren Gunst es aber natürlich zu erlangen gilt. Nepotismus und eine Kunst-Oligarchie wird zur Norm (eine Debatte, die erst kürzlich in Hollywood geführt wurde). Die simple Tatsache, dass mit einem Mausklick oder ein paar Sätzen nun ganze fotorealistische Spielfilme an Laptops entstehen können, wird dennoch zur totalen Inflation künstlerischer Werke führen. Ein endloses Zeitalter der Lethargie würde entstehen, indem schlichtweg alles irgendwie egal ist. Zumindest dann, wenn K.I. nicht sinnvoll und streng reguliert wird. Noch können wir es.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!