Warcraft: The Beginning (USA, 2016)

verfasst am 11.Juni 2016 von Neon Zombie

(© Universal Studios)

Das Massively Multiplayer Online Role-Playing Game “World of Warcraft” gehört seit 2005 zu den erfolgreichsten Videospielen seiner Gattung. Zeitweise zockten es mehr als 12 Millionen User aus aller Welt. Eine Verfilmung der extrem reichhaltigen und bunten Fantasywelt, die bereits unzählige Ableger-Produkte hervorgebracht hat, war demnach nur eine Frage der Zeit. Doch die ersten Reaktionen auf die Trailer zeigten bereits, dass trotz des immens Gaming-Erfolges eine Verfilmung kein Selbstläufer ist…

Während “Warcraft: The Beginning” in den USA als Flop bezeichnet werden kann (am Startwochenende musste er sich “The Conjuring 2” geschlagen geben), läuft er international überraschend gut. Vor allem in Deutschland und China kann er die Zuschauer begeistern. Im Reich der Mitte gehört er zu den erfolgreichsten ausländischen Filmen aller Zeiten, in Deutschland legte er den besten Tagesstart des Jahres hin. Ich bin kein großer Fan der Videospiele. Den Hinweis, dass der Streifen auf das Game “Warcraft: Orcs & Humans” (1994) und nicht dem MMORPG “World of Warcraft” basierte, war demnach recht nichtsaussagend für mich. Dennoch besitze ich zweifelsohne ein Faible für Fantasystreifen, gehöre damit zur Zielgruppe und beanspruche einfach mal für mich, dass ich “Warcraft” damit recht frei bewerten kann. Und soviel sei vorweg gesagt, fühle ich mich ziemlich verloren…

Nicht alles stammte aus dem Computer…
(© Universal Studios)

“Warcraft: The Beginning” ist stellenweise extrem unfokussiert, eilt von Höhepunkt zu Höhepunkt, findet keinen echten roten Faden und wirkt auch visuell teils sehr unausgewogen. Die Gamer sagen wohl, dass der Film die getreueste Umsetzung des Spiels darstellt, die sich Fans erhoffen konnten. Aber vielleicht wäre mehr Distanz zur Vorlage doch besser gewesen. Der Zuschauer hat große Probleme damit, die Welt von “Warcraft” glaubhaft zu folgen. Für einen Außenstehenden existiert keine echte Basis, keine Regeln, keine feste Struktur, der man folgen kann. Es findet ein Fantasy-Overkill statt, der in einem Game vielleicht perfekt funktionieren mag, aber auf der Leinwand, wo man mit den Charakteren und ihren Schicksalen nicht nur mitfiebern, sondern auch identifizieren soll, nicht so recht überzeugen konnte. Am Ende stellt vieles nur einen wilden, recht gehetzten Fantasy-Mischmasch dar. Und das ist schade, denn in “Warcraft: The Beginning” steckt viel, viel großes Kino, welches aber in einer Flut aus Charakteren und Storylines vollkommen untergeht. Hätte man sich auf eine Gruppe konzentriert und die Geschichte aus ihren Blickwinkel erzählt, wäre dies sicherlich besser gewesen. Wer war der Hauptcharakter? Mit wem soll sich der Zuschauer auf die Reise begeben? War es Lothar? Oder Garona? Vielleicht eher Durotan oder Wrynn? Man weiß es nicht. Der Aufbau, Verlauf und Fokus der Storyline irritiert. Ein Vergleich zu den großen Werken der Fantasy zwängt sich hierbei regelrecht auf. In “Herr der Ringe: Die Gefährten” (2001) wird die Welt von Mittelerde durch einen Prolog eröffnet, die Basics werden erklärt, danach werden die Hauptcharaktere und ihre Welt eingeführt. Diese begeben sich dann auf eine Reise durch Mittelerde und nach und nach werden weitere Charaktere, Wesen und Welten Teil ihrer Reise und somit Teil der Reise des Zuschauers. In “Warcraft” wird man ohne Kontext sofort in das Geschehen geworfen. Man kann durchaus nachvollziehen, dass man keine typische und durchgekaute Hero’s Journey anstrebte und sich absichtlich von einer bekannten Erzählstruktur entfernte, dennoch ist der gewählte Weg für den Zuschauer etwas schwer zu beschreiten gewesen. Egal wie spektakulär die Visuals sind oder wie kreativ die Welt gestaltet ist, am Ende fühlte man sich einfach in der Welt von “Warcraft” verloren. Und dies sorgte automatisch für eine gewisse Distanz zum Geschehen auf der Leinwand. Regisseur Duncan Jones hat bereits angemerkt, dass ein Extended-Cut im besten Fall folgen soll, der rund vierzig Minuten länger gehen wird. Man sollte diesem auf jeden Fall eine Chance geben, weil man auch das Gefühl hat, dass unglaublich viel Storyline und erklärende Elemente während des Schnitts weggefallen sind.

Hinter dem Horizont steht die Studioleuchte…
(© Universal Studios)

Natürlich besitzt der Film seine Qualitäten und diese sind vor allem in visuellen Umsetzung zu finden. Eine so reichhaltige und selbstbewusste Fantasy-Welt hat man in dieser Qualität kaum zuvor auf der großen Leinwand gesehen, auch wenn die Qualität der Special Effects von einigen Einstellungen oder gar Szenen stark schwanken können. Hervorzuheben ist die Welt der orks, die ohne menschlichen Gegenpart absolut überzeugend präsentiert wird. Tritt aber eben ein menschlicher Schauspieler ins Bild, so wird die Illusion oftmals durchbrochen. Man konnte den Green Screen in einigen Szenen regelrecht fühlen. Das ist schade und wirft grundsätzlich die Frage auf, ob ein Animationsfilm am Ende nicht besser geeignet gewesen sei, um die die Welt von “Warcraft” auf die Leinwand zu bringen. Zumindest die Cinematic Trailer zu den jeweiligen Spielen könnten fast schon als Proof of Concept herhalten.

Einer der vielen, vielen Hauptcharakteren…
(© Universal Studios)

Man kann nachvolziehen, warum Fans der Spiel-Vorlage den Film lieben. Der Film hätte sicherlich auch mehr Beachtung verdient, aber das Storytelling, der Bombast an Fantasyelementen, erdrückt den Zuschauer. Etwas mehr Distanz zur Vorlage, weniger Fan-Service, mehr klassisches Storytelling wären wohl dienlicher gewesen. Es ist dennoch bemerkenswert, dass ein Studio mit soviel Engagement eine solch große Fantasy-Welt auf die Leinwand gebracht hat, die Fantasy auch recht kompromisslos lebt, auch wenn der Zuschauer sich darin verliert.

Neon Zombie

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