Werbung

„Talk to Me“ (Australien, 2022)

verfasst am 27.September 2023 von Markus Haage

(© 2023 Capelight Pictures. All Rights Reserved.)

„Challenge accepted“: Ein Tête-à-Tête mit einer Schamanenhand führt direkt ins Jenseits. Die Protagonisten von „Talk to Me“ hätten davon sprichwörtlich die Finger lassen sollen; zur Unterhaltung des Publikums haben sie es zum Glück nicht getan …

Offizielle Synopsis: In einer australischen Kleinstadt ist die mysteriöse Skulptur einer Hand im Umlauf. Mit ihr versetzen sich ganze Freundesgruppen nacheinander in Trance und beschwören Tote aus dem Jenseits. Handyvideos von besessenen Mitschülern machen schließlich auch die besten Freundinnen Mia und Jade neugierig: Die beiden beschließen, selbst an einer Séance teilzunehmen. Doch als Mias verstorbene Mutter mithilfe der Hand Kontakt zu ihr aufnimmt, schlägt das Spiel in tödlichen Ernst um …

Das Word-of-Mouth war hervorragend. Dieses Jahr gab es vielleicht kaum einen anderen Horrorfilm, der vorab mehr gehypt wurde als „Talk to me“ (2022). Die einzige Ausnahme stellt wohl nur „Evil Dead Rises“ (2023) dar, der allerdings auf ein über vierzig Jahre altes Franchise in zahlreichen Variationen und Facetten zurückblicken kann. Bei „Talk to me“ handelt es sich tatsächlich um ein Debüt. Die beiden Macher dahinter, das Brüderpaar Danny und Michael Philippou, fielen vorab „nur“ mit Kurzfilmen auf – YouTube-Videos, um genau zu sein –, die sich allerdings einer solch enorm großen Popularität erfreut haben, dass man sie durchaus als Stars bezeichnen kann. Ein Wort, welches heutzutage recht inflationär eingesetzt wird, sicherlich auch, weil die schiere Masse an Influencern, die sich auf TikTok, YouTube, Instagram und Co. tummeln, kaum noch überschaubar ist. Aber im Falle der Gebrüder Philippou wäre es tatsächlich berechtigt, wenn man das Stardom zumindest nicht nur an den Reichweiten oder der Zahl der Follower misst, sondern an der tatsächlichen Qualität der Inhalte knüpft. Die Brüder Philippou fielen durch kreative und witzige Eigenkreationen auf und erstellten auf ihrem Kanal „RackaRacka“ nicht nur Content, sondern wirkliche Inhalte. Die Entscheidung, nun den Sprung in das Filmgeschäft zu wagen, wirkt demnach nur konsequent. Sie sind nicht die ersten YouTuber, die das versuchen – man denke hierbei an den Angry Video Game Nerd oder den Film-Kritiker Chris Stuckman –, aber dürften sicherlich die erfolgreichsten sein. Bisher konnte „Talk to me“ an den Kinokassen rund siebzig Millionen US-Dollar einspielen. Für einen Independent-Debütfilm ohne Franchise-Connection ein beachtliches Ergebnis. Eine Fortsetzung unter dem Arbeitstitel „Talk 2 me“ ist bereits angekündigt; ein Prequel soll gar bereits abgedreht sein. Demnach wäre der Originalfilm der Mittelteil einer Trilogie. Bei Erfolg der weiteren Teile sicherlich aber nur der Anfang eines neuen Franchises. Ob die Ausgangshandlung dafür genug Stoff hergibt, sei einmal dahingestellt, aber dies hat ja gerade das Horrorkino wahrhaftig nie von Fortführungen abgehalten

Merke: Niemals an okkulten Ritualen in Vaters Partykeller teilnehmen.
(© 2023 Capelight Pictures. All Rights Reserved.)

„Talk to me“ steht und fällt mit seinem obskuren Gimmick; einer Schamanenhand, die Kontakt ins Jenseits herstellt. Tatsächlich eine äußerst kreative Idee, die streng genommen das wirkliche Alleinstellungsmerkmal des Films ist. Denn nimmt man diesen inhaltlich auseinander, so stellt das Werk einen eigentlich recht konventionell getakteten Schocker dar. Der genreaffine Zuschauer weiß, was passieren muss und wird. Die Gebrüder Philippou erfinden den Horrorfilm somit nicht neu, bewegen sich oftmals inhaltlich auf sicherem Terrain, aber inszenieren diesen überraschend effektiv und kompetent. Ein vielleicht langweiliges Kompliment, aber in der Masse der Gruselfilme, die heutzutage den Markt überschwemmen, tatsächlich eine Seltenheit. Ähnlich wie bei „Smile – Siehst du es auch?“ (2023) stellt die kreative Inszenierung und der nicht minder kreative McGuffin den eigentlichen Genre-Twist dar. Theoretisch könnte man die Schamanenhand auch durch das Necronomicon Ex Mortis oder die Lament-Konfiguration ersetzen; der Effekt wäre beim Gros der Filmemacher derselbe. Hier aber nicht.

Die Philippous verstehen es, die Hand als Portal ins Jenseits geschickt einzusetzen. Sie verzichten auf mythologischen Humbug; erzählen nur das, was wirklich erzählt werden muss, eben die grundlegenden Mechanismen hinter der Hand. Es bleibt mysteriös und nicht mythologisch überfrachtet. Erklärungsorgien, wenn überhaupt vonnöten, kann man sich für mögliche Sequels aufheben. Das eigentliche Ritual wird nicht verkompliziert und lässt keine Fensterscheiben splittern oder Türen klappern. Kein Wind zieht auf, kein Licht erlischt. Ergreift man die Hand, so ist man „besessen“. Hält man sie zu lange fest, kann die Verbindung ins Jenseits nicht mehr aufgehoben werden. Dieses simple Setting und der damit verbundene Übergang entfremdet den Zuschauer eben nicht vom Ritual, wie es bei zahlreichen anderen Horrorfilmen der Fall ist. Weder werden Texte in fremden Zungen zitiert, noch Symbole mit Kreide auf den Boden gezeichnet. Die Passage ins Jenseits ist nahtlos und damit für den Zuschauer plausibel. Insbesondere, da das Ritual als eine Art Challenge präsentiert wird. Ringsherum sitzen Jugendliche in Vaters Partykeller und zeichnen die Vorkommnisse als Gag mit ihren Smartphones auf. Eine clevere Verbindung zum jungen Publikum. Die meisten populären Challenges funktionieren, weil sie auf den ersten Blick nachvollziehbar und einfach umsetzbar sind. Dies gilt in der Welt von „Talk to me“ demnach auch für den Ritt ins Jenseits.

Einmal die Hand gegeben und schon hängt man in der Geisterwelt fest …
(© 2023 Capelight Pictures. All Rights Reserved.)

Dass der Horror so gut funktionieren kann, liegt selbstredend auch am Cast, speziell Hauptdarstellerin Sophie Wilde. Wenn die Hand „Besitz“ ergreift, so wird der Übergang vor allem vom Spiel der Darsteller getragen. Sophia Wilde liefert hier eine überraschend intensive Performance ab. Sie bleibt zu lange im Jenseits stecken, öffnet damit die Pforten zu ihrer eigenen persönlichen Hölle gespickt mit Traumata und den sprichwörtlichen Geistern der Vergangenheit. Dies ist alles nicht zwingend neu – man erinnere sich an Werke wie „Wish upon“ (2017) oder „Wahrheit oder Pflicht“ („Truth or dare?“, 2018), in denen Gruppenzwang und Sensationslust den Grusel durch ein übernatürliches Artefakt oder Element kreieren –, aber eben extrem effektiv inszeniert und kreativ präsentiert. Nach der Etablierung ihrer Welt gönnen die Gebrüder Philippou weder den Charakteren noch den Zuschauern eine Atempause. Rasant prescht „Talk to me“ voran und entwickelt sich zu einem zwar etwas den Genre-Konventionen unterliegenden, aber stets unterhaltsamen Film, der zudem ein konsequentes Ende präsentiert. Man geht keine inhaltlichen Risiken ein, sondern konzentriert sich vollends darauf, die Loopings der Horror-Achterbahnfahrt aufregend zu gestalten. Dem Hype kann der Film natürlich nicht vollends gerecht werden. Man sollte demnach keine Revolution des Horrorkinos erwarten, sondern sich auf einen konventionellen Grusel freuen, der die Genre-Tropes allerdings erfrischend effektiv zelebriert. „Talk to me“ ist ein inhaltlich konservativer Horror, der zwar für die digitale Generation Z und Alpha inszeniert ist, sich aber wiederum weigert, sich deren Hysterie oder Hektik hinzugeben.

Sprich mit mir …
(© 2023 Capelight Pictures. All Rights Reserved.)

Mit „Talk to me“ haben die Gebrüder Philippou einen inszenatorisch beeindruckend kreativen Horrorfilm geschaffen, der vor allem aufgrund seines McGuffins, der Hand, erfreuliche Abwechslung bringt. Diese ist dermaßen simpel und wirkungsvoll, dass sie vom produzierenden Studio A24 tatsächlich als Merchandise-Produkt in den Handel gegeben wurde. Vielleicht erleben wir hier gerade die leise Geburt einer neuen Horror-Ikone. Die möglichen Fortsetzungen werden es zeigen.

Markus Haage

Werbung
Produkt bei Amazon.de bestellen!
Über Markus Haage 2274 Artikel
Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!