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Warum weder „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ noch „Avengers: Endgame“ jemals wirklich die erfolgreichsten Filme aller Zeiten waren

verfasst am 13.März 2021 von Markus Haage

Derzeit geistert es als Clickbait durch die Online-Gazetten: James Camerons „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ ist wieder der „erfolgreichste Film aller Zeiten“ und hat Marvels „Avengers: Endgame“ vom Thron gestoßen. Den wirklichen Erfolg von unterschiedlichen Filmen in Relation zu setzen, zwischen derer Veröffentlichung teils Jahrzehnte liegen, ist aber nicht nur unheimlich schwer, sondern ohne jeglichen historischen Kontext eigentlich höchst unseriös.

Im Gegensatz zum Westen haben die chinesischen Kinos bereits wieder geöffnet. Auch wenn ausländische Produktionen nur unter recht hohen Restriktionen in der sogenannten Volksrepublik aufgeführt werden dürfen, hat der Disney-Konzern James Camerons „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ („Avatar“, 2009) nun wieder in die chinesischen Lichtspielhäuser gebracht. An sich keine wirklich spektakuläre Meldung, da Wiederaufführungen relativ normal sind. Allerdings berichten allerhand Webseiten darüber, dass ausgerechnet dieser Rerun historisch wäre. Denn mit dem neuen Einspiel aus China würde sich „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ erneut an die Spitze der erfolgreichsten Filme aller Zeiten setzen. 2019 beanspruchte „Avengers: Endgame“ (2019) den ersten Platz für sich. Diese Meldung ist allerdings nur bedingt richtig. Nimmt man die reinen Zahlen, dann stimmt es tatsächlich: „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ ist wieder der erfolgreichste Film aller Zeiten. Schaut man aber hinter die Zahlen, dann war an dieser Auszeichnung weder James Camerons 3D-Epos, noch Marvels Superhelden-Clash jemals dicht dran.

Streng genommen nie der erfolgreichste Film aller Zeiten.
(© 20th Century Studios)

„Avengers: Endgame“ spielte im Jahre 2019 an den internationalen Kinokassen rund 2.797.501,328 Milliarden US-Dollar ein, während „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ im Jahre 2009 rund 2.789.679,794 Milliarden US-Dollar umsetzen konnte (aufgrund der Dezemberstarts wird das Box-Office aus den darauffolgenden Monaten im Jahre 2010 zum vorherigen Jahr dazugezählt). Zwischen „Avengers: Endgame“ und „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ liegen somit nur 7.821.534 Millionen US-Dollar Unterschied. Ein extrem knapper Sieg für Marvel Studios, aber ein Sieg. Zumindest scheinbar, denn will man den Erfolg von Filmen wirklich fair und ökonomisch korrekt beurteilen, insbesondere wenn man diese direkt miteinander vergleicht, so sollten zahlreiche weitere Faktoren mit eingerechnet werden.

Auch dies war nie wirklich der erfolgreichste Film aller Zeiten.
(© Marvel Studios)

Wie erwähnt, wurde „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ zehn Jahre vor „Avengers: Endgame“ veröffentlicht. Demzufolge sollte man in einem direkten Vergleich das Box-Office wenigstens Inflationsbereinigen. Tut man dies, so stellt man schnell fest, dass der Umsatz aus dem Jahre 2009 im Jahre 2019 rund 3,3 Milliarden US-Dollar betreffen würde. Inflationsbereinigt spielte „Avengers: Endgame“ somit nie mehr Geld ein als „Avatar – Aufbruch nach Pandora“. Nach dem Wert des US-Dollars im Jahre 2019 hätte „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ sogar die Drei-Milliarden-Grenze weit hinter sich gelassen. George Lucas’ Space-Opera „Krieg der Sterne“ („Star Wars“, 1977) galt mit einem Box-Office von 307.263.857 Millionen US-Dollar lange Zeit als einer der erfolgreichsten Filme aller Zeiten. Inflationsbereinigt wären dies im Jahre 2021 beachtliche 1,3 Milliarden US-Dollar. Allerdings wurde der Film über die Jahre mehrmals erneut aufgeführt. Hierunter fällt auch das sogenannte Special Edition-Release aus dem Jahre 1997, welches damals 115 Millionen US-Dollar zusätzlich einspielen konnte. Bei den Zahlen werden also oftmals nicht nur Einspielergebnisse aus vollkommen unterschiedlichen Jahrzehnten einfach zusammengerechnet, sondern der teils drastisch unterschiedliche Inflationswert als auch die vollkommen unterschiedlichen Sehgewohnheiten kaum berücksichtigt. „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ ist nun offiziell wieder der umsatzstärkste Film aller Zeiten, weil man das aktuelle chinesische Box Office einfach dem Box-Office aus dem Jahre 2009/2010 draufrechnet und somit vollkommen unterschiedliche Werte miteinander vermischt. Ökonomen bekommen bei einer solchen Herangehensweise sicherlich einen Herzinfarkt. Auch muss, wie bereits angedeutet, das vertriebliche Umfeld berücksichtigt werden. „Krieg der Sterne“ hatte im Grunde nur das Fernsehen als audiovisuelle Konkurrenz, bei „Avengers: Endgame“ kamen bereits Streaming-Netzwerke, Videospiel-Plattformen, Online-Angebote und Heimmedien als Entertainment-Konkurrenz hinzu. Auch den kommerziellen Einfluss der Online-Piraterie sollte man nicht unterschätzen. Dass sich die Medienwelt in einem stetigen Wandel befindet, sollte man demnach bei der Bewertung und insbesondere bei einem direkten Vergleich nicht außer Acht lassen, da es das Kaufverhalten der Konsumenten aufgrund eines weitaus höheren und diverseren Angebots drastisch beeinflusst.

Mehr Ticktes bei weniger Einwohnern verkauft als „Avatar – Aufbruch nach Pandora“, „Avengers: Endgame“ und Co.: George Lucas’ „Krieg der Sterne“ aus dem Jahre 1977.
(© Lucasfilm Ltd., Tom Jung)

2009 scheiterte „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ noch an der Drei-Milliarden-Dollar-Grenze und wohl auch nur, weil niemand vorab mit dem Erfolg gerechnet hatte und zumindest die 3D-Version im März 2010 aus vielen Kinos abgezogen werden musste. Damals teilten sich die Verleiher die noch knapp bemessenen 3D-Projektionsmöglichkeiten auf. Heißt: Vielleicht hätte der Film schon 2009 die Drei-Milliarden-Dollar-Grenze geknackt, wenn man die Vorführung der 3D-Version nicht hätte begrenzen oder gar einstellen müssen. In Großbritannien halbierte sich so für „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ von einem Tag auf den anderen die Anzahl der 3D-Vorführmöglichkeiten von 299 auf gerade einmal 132 Leinwände. Und sind wir ehrlich: Das 3D war das Verkaufsargument des Films, denn „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ musste für Tim Burtons „Alice im Wunderland“ („Alice in Wonderland“, 2010) weichen, der wohl nicht wegen seiner inhaltlichen Qualitäten mehr als eine Milliarde US-Dollar einspielen konnte, sondern schlichtweg den Hunger des Publikums nach der neuen 3D-Sensation ohne weitere Konkurrenz stillen konnte. In den USA verlor „Avatar – Aufbruch nach Pandora“ durch den Start von „Alice im Wunderland“ die extrem lukrativen, aber begrenzten IMAX 3D-Spielplätze. Cameron ist davon überzeugt, dass sein Film dadurch „mehrere Hundert Millionen US-Dollar an Einspiel einbüßen musste“. Auch diese besonderen ökonomischen und vertraglichen Umstände müssen eigentlich bei der Bewertung und dem Vergleich eines erfolgreichen Films mit einfließen. „Avengers: Endgame“ besaß diesbezüglich keine nennenswerte Konkurrenz, startete allerdings zu einem Zeitpunkt, als die Medienlandschaft auch aufgrund des Triumphs der Streaming-Netzwerke wiederum weitaus drastischer aufgesplittet war. Auch dies sollte berücksichtigt werden. Andere Zeiten erlaubten teils ganz andere Umsatzmöglichkeiten. Obwohl die Gesamtbevölkerung der USA stetig steigt, stagnieren die Kinokartenverkäufe seit Jahren.

Einen echten Vergleich zwischen Filmen, deren Veröffentlichung mehrere Jahrzehnte auseinander liegt, ist demnach von vornherein unfair und eigentlich auch unseriös. Man könnte allerhöchstens die verkaufte Anzahl an Kinotickets in Relation mit der Gesamtbevölkerung setzen, müsste hierbei allerdings noch viele weitere Faktoren, die Einfluss auf die Demografie haben, berücksichtigen. „Krieg der Sterne“ verkaufte nur in den USA im Jahre 1977 zirka 88 Millionen Tickets (Durchschnittswert) bei einer damaligen US-Gesamtbevölkerung von nur 220 Millionen Menschen und einem durchschnittlichen Ticket-Preis von 2,23 US-Dollar (nicht inflationsbereinigt), was wiederum ein jährliches Box-Office von rund 196 Millionen US-Dollar (nicht inflationsbereinigt) ergab. „Avengers: Endgame“ verkaufte zwar rund 98 Millionen Tickets, allerdings bei einer US-Gesamtbevölkerung von 328 Millionen Menschen. Somit verkaufte George Lucas’ Weltraum-Mär in den USA nur zehn Millionen Tickets weniger als das Marvel-Epos 42 Jahre später, aber eben auch bei einer Gesamtbevölkerung, die um 110 Millionen Menschen niedriger war. Global betrachtet sind die Unterschiede sogar noch drastischer.

„Avatar – Aufbruch nach Pandora“ verkaufte weltweit 238 Millionen Tickets, während „Der Exorzist“ („The Exorcist“, 1973) zirka 116 Millionen Tickets weltweit verkaufen konnten. Allerdings waren die Umsatzmöglichkeiten (und die Weltbevölkerung) weitaus geringer. Die Filme konnten fast nur in der westlichen Welt und Südamerika präsentiert werden. Halb Europa verblieb hinter dem Eisernen Vorhang und in der sogenannten Dritten Welt war die Infrastruktur zu einem ordentlichen Vertrieb kaum erschlossen. Dies zeigt auf, wie extrem schwierig und eigentlich unseriös viele solcher Vergleiche sind. Der (heutzutage kontroverse) Filmklassiker „Vom Winde verweht“ („Gone with the Wind“, 1939) konnte hauptsächlich in den USA (inklusive zahlreicher Wiederaufführungen) mehr als 200 Millionen Tickets verkaufen und dies bei einer maximalen Gesamtbevölkerung von 130 Millionen und in einer Zeit, in der eigentlich nur das Radio die einzige nennenswerte Konkurrenz darstellte. Würde man es umrechnen, dann kann davon ausgegangen werden, dass die Südstaaten-Romanze heutzutage ungefähr bei einem Box-Office von fast vier Milliarden US-Dollar liegen würde.

Sicherlich einer der erfolgreichste Film aller Zeiten: „Vom Winde verweht“.
(© Warner Bros.)

In Zukunft wird es noch weitaus schwieriger sein, den ökonomischen Erfolg von Filmen zu messen, geschweige denn diese in Relation mit anderen Werken zu stellen. Dies liegt daran, dass alle großen Studios ihre eigenen Streaming-Netzwerke aufbauen und bereits angekündigt haben, ihre Filme aus den Kinos zurückzuziehen. Universal Pictures hat mit den größten Kinoketten der USA bereits einen Deal ausgehandelt, dass ihre Filme nach nur 17 Tagen online vertrieben werden können. Warner Bros. wird fast alle ihre aktuellen Blockbuster auf dem hauseigenen Streaming-Portal HBO Max präsentieren. Dort werden die Werke als eine Art von Mischkalkulation ins Gesamtprogramm aufgenommen werden. Wie viele Views ein Film dann tatsächlich hat, weiß nur noch der Streaming-Anbieter selber.

Historische Vergleiche sind unseriös, weil zu viele unterschiedliche Faktoren, die man schwer gegeneinander auf- und abwiegen kann, eine bedeutende Rolle spielen. Die Zahlen können uns nur einen Eindruck vermitteln, wie kulturell und finanziell einflussreich ein Werk zu seiner Zeit war, aber eines kann man wohl mit Sicherheit sagen: Es ist nahezu unwahrscheinlich, dass in naher Zukunft noch irgendein Film an die großen kulturellen Phänomene der cineastischen Vergangenheit finanziell heranreichen kann. Dazu hat sich die Welt und die Medienlandschaft zu sehr verändert.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!