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Das Braunschweig International Filmfestival präsentierte Ridley Scotts „Alien“ im Planetarium Wolfsburg

verfasst am 8.November 2023 von Markus Haage

Am 29.09.2023 lud das Braunschweig International Filmfestival zu einem ganz besonderen Filmabend ein: Ridley Scotts Weltraum-Horror „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ wurde auf die Kuppel des Planetariums Wolfsburg projiziert. Nicht nur ein immersives Seh-Erlebnis, sondern auch die Zelebrierung einer der bedeutendsten Science-Fiction-Filme der modernen Filmgeschichte …

Die Vorstellung war ausverkauft: Über einhundert Besucherinnen und Besucher reisten am 29. September 2023 nach Wolfsburg, um dort Ridley Scotts ewigen Klassiker „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ („Alien“, 1979) auf der großen Leinwand zu sehen. Wiederaufführungen populärer Filme stellen heutzutage keine Besonderheit an sich mehr da. Studiocanal hat dies gar zu einem Konzept erhoben. Seit rund zwei Jahren feiern sie mit ihrer „Best of Cinema“-Reihe – der deutschlandweiten Vorführung ausgewählter Klassiker – enorm große Erfolge. Doch diese Vorführung sollte anders sein. „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ erstrahlte eben nicht nur auf einer großen Leinwand, frontal projiziert, sondern erstreckte sich auf einer fünfzehn Quadratmeter großen Kuppel auf mehreren Projektionsflächen. Nicht irgendeiner Kuppel, sondern der größten Kuppel Niedersachsens, wie Karina Gauerhof von der Festivalleitung des Braunschweig International Filmfestival betont. Dieses präsentierte das außergewöhnliche Event, welches durch den Erfolg bestätigt, wiederholt werden soll.

Eine perfekte Partnerschaft: Das Braunschweig International Filmfest trifft auf das Planetarium Wolfsburg.
(© 2023 Neon-Zombie.net, Bild: Markus Haage. All Rights Reserved.)

Mit DDR-Technik zu den Sternen

Am ersten Dezember diesen Jahres feiert das Planetarium Wolfsburg seinen 40. Geburtstag. Ein Ort, der somit über die Jahrzehnte viele Veranstaltungen aufgeführt und Generationen an Besucherinnen und Besuchern begeistert hat. „Architectural Digest“ zählt es zu „den 16 galaktisch-genial[sten] Planetarien der Welt“. Es war ursprünglich eine Art von „Teil-Geschenk“ der DDR zum 40. Geburtstag der Stadt Wolfsburg im Jahre 1978. Die DDR lieferte den Planetariumsprojektor Spacemaster des Unternehmens VEB Carl Zeiss, Wolfsburg revanchierte sich mit der Lieferung von zehntausend VW Golf. Fünf Jahre dauerte daraufhin Planung und Bau des dazugehörigen Gebäudes; seitdem unterhält es bis zu 50.000 Besucher pro Jahr. Nur während der Corona-Krise im Jahre 2020 musste es für mehrere Wochen schließen.

Das Planetarium in Wolfsburg.
(© 2023 Neon-Zombie.net, Bild: Markus Haage. All Rights Reserved.)

Die Technik wurde natürlich stets erneuert; der originale Projektor befindet sich mittlerweile im Foyer als Relikt der technischen Vergangenheit ausgestellt. Diesem Spacemaster aus der DDR folgte 1996 der Starmaster aus der BRD. Neues Land, aber der Projektor kam immer noch aus derselben Stadt, nämlich Jena. 2010 führte man als erstes Planetarium der Welt die Fulldome-Projektionstechnik ein; erst im Frühjahr 2023 setzte man vollends auf LED-Technik. Nicht nur stromsparend, sondern auch die Garantie, noch qualitativ hochwertigere Bilder projizieren zu können. Das Programm wurde indes stets erweitert. Nicht nur Dokumentationen und Vorträge werden präsentiert, sondern auch für die Projektionsfläche konzipierte Rockshows. Zu den populärsten Vorführungen diesen Jahres zählen „Queen Heaven: The Original“, „Pink Floyd: The Dark Side Of The Moon | The Official Planetarium Experience“ oder eben auch „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“. Die perfekte Verschmelzung von Kunst, Kultur und Wissenschaft.

„Wir suchen ja immer nach ganz besonderen Orten, um auch unterjährig ein paar tolle Veranstaltungen zu machen, […] und hier in der Region gibt es ja ganz, ganz viele tolle Spielstätten. Darunter gibt es auch das Planetarium in Wolfsburg […]. Wir haben hier nicht nur eine 2D-Leinwand, sondern eine riesengroße Kuppel, fünfzehn Meter Durchmesser – es ist sogar die größte Kuppel Niedersachsens! –, […]. Das war eine Win-Win-Situation, denn was passt besser in ein Planetarium als Filmklassiker, die irgendwie im Weltall spielen?“
– Karina Gauerhof, Festivalleitung Braunschweig International Filmfestival

Das Braunschweig International Filmfestival (kurz: BIFF) will sich programmatisch erweitern und nicht nur einmal im Jahr in einem festen Rahmen stattfinden, so Karina Gauerhof, sondern neue Orte aufsuchen und somit natürlich auch ein neues Publikum finden. Dies ist mit der Vorführung von Ridley Scotts Klassiker wahrhaftig gelungen. Sogar aus Bremen kamen Besucherinnen und Besucher angereist, um dabei zu sein. Es ist die bereits zweite Vorführung des BIFFs im Planetarium Wolfsburg in diesem Jahr. Die Premiere fand bereits im April statt. Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ („2001: A Space Odyssey“, 1968) wurde, ebenfalls vor ausverkauftem Haus, präsentiert. Ob bewusst oder nicht, sei einmal dahingestellt, aber es handelte sich um das 55-jährige Jubiläum des Films.

Der erste feministische Blockbuster …!?

Ein perfekter Start, gilt Kubricks Meisterwerk doch als Anbeginn des modernen Science-Fiction-Kinos. Oftmals wird dieser fälschlicherweise mit George Lucas‘ Sci-Fantasy-Mär „Krieg der Sterne“ („Star Wars“, 1977) in Verbindung gebracht. Kommerziell mag man dies vielleicht auch durchaus gelten lassen, aber es war Kubricks Romanadaption, die die technischen Grenzen des Möglichen massiv erweiterte und eine ganze Generation von Filmemachern inspirierte. Das moderne Science-Fiction-Kino wurde am 3. April 1968 geboren, dem US-amerikanischen Kinostart von „2001: Odyssee im Weltraum“. Am selben Tag startete übrigens auch „Planet der Affen“ („Planet of the Apes“, 1968) in den US-Kinos; für die moderne Sci-Fi ein nicht minder einflussreiches Werk. Es folgten Filme wie Douglas Trumbulls „Lautlos im Weltall“ („Silent Running“, 1972), Steven Spielbergs „Unheimliche Begegnung der Dritten Art“ („Close Encounters of the Third Kind“, 1977), erwähnter „Krieg der Sterne“, Disneys „Das schwarze Loch“ („The Black Hole“, 1979) oder auch die Leinwand-Adaption „Star Trek: Der Film“ („Star Trek: The Motion Picture“, 1979). „Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt“ verstand sich als Opposition zu dieser ersten Welle der Renaissance des Sci-Fi-Kinos. Es war ein rauer und dunkler Film und stand damit in einem vollkommenen Kontrast zum zeitgenössischen Science-Fiction-Kino.

Die Zuschauer kamen aus Hameln und Bremen angreist.
(© 2023 Neon-Zombie.net, Bild: Markus Haage. All Rights Reserved.)

Seit Veröffentlichung ist der Film nicht nur fester Bestandteil der Popkultur – wohlgemerkt auch durch die zahlreichen Ableger; ein ganzes Franchise folgte –, sondern auch des akademischen Diskurses. Erst dieses Jahr fand ein Panel im Londoner Science Museum statt, dass der Frage nachging, ob „Alien“ der erste feministische Blockbuster sei. Die Frage war natürlich absichtlich überspitzt formuliert, vergisst man, es zeigt aber dennoch den Rang auf, den sich der Film über die Jahrzehnte erarbeitet hat. Nicht nur inhaltlich, sondern auch inszenatorisch. H.R. Gigers außerirdische Welten schufen eine dermaßen reichhaltige, extraterrestrische Mythologie, dass die Filmreihe noch heute davon zehren kann. Erst 2011 entstand mit „Prometheus“ ein Prequel, welches explizit auf die von Giger entworfenen Konzepte einging. Dem standen als krassen Kontrast die einzigen Vertreter der Menschheit gegenüber: die Besatzung der Nostromo.

Die Nostromo war eher mit einem verdreckten Ölfrachter als mit einem futuristischen Raumschiff zu vergleichen. Die interstellare Astronautik ist Alltag geworden; der Weltraum ein Ort, in dem niemand wirklich arbeiten will, wenn er oder sie das Geld nicht brauchen würde. „Alien“ zelebrierte in gewisser Hinsicht auch die Arbeiterklasse, gab ihr einen Platz in der Raumfahrt, der ansonsten von Akademikern eingenommen wurde, und versuchte somit eine realwirkende Zukunft der Menschheit im Weltraum zu präsentieren. Somit brach das Werk mit inhaltlichen Konventionen und Sehgewohnheiten, unterwanderte Erwartungen und riss hierbei auch bewusst Geschlechtergrenzen ein. Das titelgebende Alien tritt erst in der 56. Minute auf; exakt 38 Minuten und 30 Sekunden später sind (mit einer Ausnahme) alle Besatzungsmitglieder tot. Der vermeintliche Held des Films, der kernige Kapitän Dallas (Tom Skerritt), stirbt noch vor dem letzten Drittel. Die mutmaßliche Antagonistin, Ellen Ripley (Sigourney Weaver), die sich weigerte, ihr von einem Parasiten befallendes Crew-Mitglied überhaupt wieder an Bord zu nehmen, entwickelt sich von einer unbeliebten Nebenfigur zur alleinigen Heldin und einzigen Überlebenden des Space-Horrors. Sie sollte in drei Fortsetzungen zurückkehren.

Ein immersives Erlebnis

Wie die Besucher der Vorstellung „Alien“ selber interpretierten, wurde nach Ende des Films natürlich nicht gefragt. Zu tief schienen sie noch im kargen Sternenhimmel von Scotts dunklen Universum gefangen gewesen zu sein. Bis zur letzten Sekunde des Abspanns blieb das Publikum sitzen und lauschte Jerry Goldsmiths minimalistischem Score, der aus den Lautsprechern ertönte. Laut Patrick Frambach, Leiter der IT- und Multimedia-Technik des Planetariums, ist die Soundanlage so aufgebaut, dass jeder Gast in jedem Punkt des Raumes exakt dasselbe hören kann. Die Morrow-Anlage sei in dieser Kombination vielleicht die beste Soundanlage Niedersachsens, wenn nicht sogar Deutschlands. Acht Lautsprecher, die in einem Würfel aufgebaut sind, und vier riesige 12″-Zweikanal-Subwoofer lassen sogar den Boden des Kinos spürbar erschüttern. Technisch lässt sich dies als Besucher nicht überprüfen, akustisch mag dies aber sicherlich stimmen. In dem Moment, als nach dem ruhigen Titelscore der Raumfrachter Nostromo erstmalig über die Leinwand rauscht, bebt das gesamte Planetarium; so sehr, dass die Sitze spürbar vibrieren und einige Zuschauer aufschrecken.

Tief versunken im „Sternenhimmel“.
(© 2023 Neon-Zombie.net, Bild: Markus Haage. All Rights Reserved.)

Für Roland Walter und Marius Kellner, die extra aus dem 150 Kilometer entfernten Hameln angereist sind – dank Stau eine fast vierstündige Anfahrt! –, ein besonderes Erlebnis, auch wenn Roland den Film bereits viermal im Kino gesehen hat. Er weist darauf hin, dass er den ersten Teil jahrelang nur von der Mattscheibe her kannte, das actionlastige Sequel von James Cameron als Jugendlicher gar bevorzugte, mittlerweile allerdings die visionäre Kraft des Originals zu schätzen weiß. Für ihn stellt Scotts „Alien“ heutzutage „einen der besten Science-Fiction- als auch Horror-Filme aller Zeiten“ dar und das Event ein besonderes Erlebnis. Sein wortkarger Compagnon Marius stimmte dieser Aussage mit den schlichten Worten „super Atmosphäre“ zu.

„Die Projektion in so einem Kuppelsaal ist schon ziemlich beeindruckend. Der Film ist ja doppelt projiziert wurden und wir hatten ja in der Mitte gesessen, weswegen ich am Anfang nicht wusste, wo ich hingucken sollte, aber da gewöhnt man sich relativ schnell dran. Ich denke, dass hier ist ein sehr guter, wenn nicht sogar idealer Präsentationsort.“
– Roland Walter, Filmfan

Natürlich konnte der Film nicht über die gesamte Kuppel erstrahlen; dafür sind Spielfilme technisch schlichtweg nicht ausgerichtet. Man entschied sich für eine Doppelprojektion auf zwei gegenüberliegenden Flächen, sodass jede Zuschauerin und jeder Zuschauer den Film bestmöglich verfolgen konnte. Der hierbei wohl unbeabsichtigte, aber angenehme Nebeneffekt: Durch die doppelte Präsentation wurde das Seherlebnis gar intensiver, insbesondere beim großen Finale, eine wilde Montage an drastischen Nahaufnahmen, die wie ein Staccato zwischen Hell und Dunkel wechselten. Während der Zuschauer sich liegend auf eine Projektionsfläche konzentrierte, flackerte das Licht von der zweiten Projektion. Ein wahrhaftig immersives Erlebnis, wie es die Bewerbung der Veranstaltung versprach; der gesamte Raum wurde zur Nostromo. Zumindest gefühlt. Für zukünftige Vorführungen überlegt man eine dritte Projektionsfläche zu nutzen, so Frambach. Damit wären dann alle Seiten der Kuppel angespielt und das Erlebnis wohl noch intensiver.

Nur ein Anfang

Die Kombination aus Popkultur, Filmkunst und Wissenschaft funktioniert. Frambach weist darauf hin, dass sich Dank der Zusammenarbeit mit dem Filmfest Braunschweig ein solches Standing entwickelt hat, dass die Aufführungen frühzeitig ausverkauft sind. Ein Team des Filmfestivals verteilte vor der Vorführung Stimmzettel, auf denen die Besucherinnen und Besucher ihre zukünftigen Wunschfilme niederschreiben konnte. Die Kooperation wird somit nicht nur fortgeführt, sondern weiter ausgebaut. Karina Gauerhof weist darauf hin, dass die nächsten Events sich bereits in der aktiven Planung befinden. Im Januar 2024 folgt eine Kurzfilm-Nacht, die auch Sci-Fi-Stoffe behandeln wird, am 8. März zum Weltfrauentag wird ein Special Screening stattfinden, welches allerdings noch nicht verraten werden soll. Bis dahin bietet das Planetarium Wolfsburg nicht nur weitere filmrelevante Vorführungen an – Metin Tolan wird am 6. Dezember über die Physik der James-Bond-Filme sprechen –, das eigentliche Braunschweig International Filmfestival wird vom 6. bis zum 12. November natürlich ebenfalls stattfinden und eine Woche lang in viele unterschiedliche Film-Welten eintauchen. Für die nächste Space-Night im Planetarium muss man sich hingegen noch etwas gedulden; wohl erst im Herbst 2024 wird ein weiterer großer Science-Fiction-Klassiker auf der Kuppel des Planetariums erstrahlen.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!