Warum so viele Kultserien im schwammigen SD ihr Dasein fristen müssen…

verfasst am 11.August 2018 von Markus Haage

In diesem ominösen Internet wird mal wieder ordentlich gepoltert. Wie man aus einschlägig bekannten Facebook-Gruppen oder gar Rezensionen bei Online-Händlern vernehmen kann, regen sich Filmfans darüber auf, dass man bekannte und beliebte Kultserien auf Blu-ray veröffentlicht, obwohl diese allerhöchstens in SD verfügbar sind. Von Abzocke ist die Rede. Man wolle mit einem Re-Release die Cashcow noch einmal melken, da die Serien höchstens SD haben und die alte DVD-Auswertung vollkommen ausreichen würde. Die Labels seien eben einfach zu “geizig”, um die Serien zu remastern…

Drei offizielle und öffentliche Bewertungen bei einem großen Onlinehändler zu einer unter Fans populären Serie, die in SD auf Blu-ray veröffentlicht wurde.

Es hat aber seinen Grund, warum viele alte Serien nur in SD veröffentlicht werden. Die Nutzung des Mediums Blu-ray dient lediglich dazu, die Anzahl der Discs gering zu halten, was ich persönlich für ein hervorragendes Feature halte. Aber der Grund, warum soviele populäre Serien nicht in HD oder Full-HD, geschweige denn Ultra-HD, erhältlich sind, ist recht simpel: Sie existieren quasi nur in SD und eine HD-Restauration wäre für den Rechteinhaber schlichtweg unrentabel und unglaublich aufwendig. Um gleich vorweg einen Eindruck zu vermitteln: Möchte man die Serie “Star Trek: Voyager” (1995–2001) als Full-HD-Variante auf Blu-ray sehen, müsste man rund vier Jahre Arbeitszeit und mindestens zwanzig Millionen Dollar investieren…

CBS und Paramount Pictures hatten sich vor wenigen Jahren daran gemacht, alle 178 Episoden von “Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert” (“Star Trek: The Next Generation”, 1987–1994) zu restaurieren. Die Arbeiten waren sehr umfangreich. Das gesamte Filmmaterial musste gesichtet und neu abgetastet werden. Des Weiteren mussten alle Effekte neu eingefügt werden. Dies gilt auch für die Credits. Das Ergebnis lässt sich sehen, stellt aber natürlich eine gewisse Verfremdung dar. Es ist nicht mehr die originale Ausstrahlung. Sämtliche Effekte sind anders, auch wenn man sich sehr bemühte diese so perfekt wie möglich nachzuahmen.

(© Paramount Pictures / Schnittberichte.com)

Der Grund hierfür ist recht simpel. Viele (nicht alle) Serien wurden standardmäßig auf 35-mm-Film gedreht (im Gegensatz zu Talkshows, Soap-Operas oder Reportagen) und dann aus Kostengründen auf Video umkopiert. So konnte man diese schneller bearbeiten und weitaus kostengünstiger Effekte einfügen. Die Reduzierung der Bildauflösung/-qualität spielte keine nennenswerte Rolle, da die Serien, salopp gesagt, eh über einen Röhrenfernseher via Kabel oder Satellit konsumiert wurden. An Full-HD dachte damals niemand, geschweige denn an Ultra-HD. Das ist eben Fluch und Segen zugleich.

Beispielbild: Jeder Sprung in eine andere Dimension müsste bei “Sliders” für ein HD-Release neu erstellt werden.
(© Turbine Medien)

Möchte man also eine Serie wie “Geschichten aus der Gruft” (1989–1996) oder “Sliders – Das Tor in eine fremde Dimension” (1995–2000) in Full-HD sehen, um das qualitative Potenzial einer Blu-ray-Veröffentlichung auszunutzen, so müsste man im Grunde das gesamte alte Filmmaterial auftreiben, dieses säubern und restaurieren, einscannen, komplett neu schneiden (… und wehe es fehlt nur eine einzige Einstellung!) und alle Effekte (auch Texteinblendungen) neu erstellen. Viele Effekte in den Serien ab Mitte der 90er sind CGI und diese wurden eben auch in SD gerendert. Sie existieren überhaupt nicht in HD oder Full-HD. Auch wurden die Effekte so gut wie immer für das typische TV-Format 4:3 produziert. Eine 16:9-Variante (wie heute neben HD oftmals eingefordert wird), wäre auch nicht möglich. Selbstredend gilt ähnliches ebenfalls für alle Toneffekte. Auch die Tonspuren müssten allesamt neu erstellt und abgemischt werden. Jeder einzelne Toneffekt. Dies alleine ist bei 178 Episoden ein enormer Aufwand. Ultra-HD in Mono wäre wohl etwas befremdlich. Zumal auch erst einmal festgehalten werden muss, ob diese originalen Negative, quasi das ursprüngliche 35mm-Material, überhaupt noch existieren (oder vollständig sind) und in welchem Zustand diese sich befinden. Wir reden hier nicht von populären und ausgezeichneten Filmklassikern, die zwei Stunden dauern, sondern oftmals von Genre-Serien, die mehrere Staffeln mit a 20 Episoden umfassen und vor allem eine überschaubare Gruppe an Fans in Erinnerung blieb. Von vielen Serien wurden die Negative bereits vernichtet oder sie befinden sich in einem furchtbaren Zustand. Dieser immense Aufwand, der betrieben werden muss, nur um die originalen Negative aufzutreiben und aufzuarbeiten, rentiert sich für viele Serien einfach nicht.

Es hat seinen Grund, warum “Star Trek: Deep Space Nine” (1993–1999) oder “Star Trek: Voyager” keine remasterte HD-Veröffentlichungen erhalten werden. Die Verkäufe der neuen Fassung von “The Next Generation” (siehe oben) waren vor allem im Kontext des betriebenen Aufwandes einfach nicht gut genug. Das generelle Interesse ebenfalls recht flach, und dies obwohl es sich hierbei immerhin um “Star Trek” handelt, einer Serie mit einer immensen globalen Fangemeinde. Bei “Sliders” und Co. dürfte das Interesse noch weitaus geringer sein. Wie eingangs erwähnt, schätzt Robert Meyer Burnett, Supervisor der TNG-Restauration, dass ein HD-Remaster von der Serie “Voyager” rund vier Jahre Arbeit und zwanzig Millionen Dollar kosten würde. Zeit, Geld und Arbeitskraft, die an anderer Stelle sinnvoller investiert werden könnte. Zum Beispiel in einer neuen Trek-Serie mit Captain Picard

Wer der englischen Sprache mächtig ist, sollte diesen Artikel auf TrekNews.net anklicken und eine sehr umfassende Erklärung von Robert Meyer Burnett durchlesen, warum es selbst die hochkarätigen Serien nie als HD-Variante geben wird.

“Ultimately, the final result of all the effort put into the restoration [of THE NEXT GENERATION] and the newly-created special features were ultimately disappointing. The disc sales didn’t match projections and continued to suffer as more and more people turned to streaming, where Star Trek was already widely available. Sure, the newly-remastered episodes of TNG have quietly replaced the original versions, but nowadays, very few people even notice, as they expect HD to look great.”
– Robert Meyer Burnett (im Interview mit TrekNews.net)

Somit sind die SD-Releases auf Blu-ray eher als eine Art Dienstleistung anzusehen. Man muss seltener die Disc wechseln, Blu-rays halten weitaus länger als DVDs und eine komplette Serie, die mehrere Staffeln umfasst, nimmt auch weniger Platz im Regal weg (ja, das ist für Sammler tatsächlich ein Problem…). Demzufolge sollte man dankbar sein, dass diese Serien überhaupt ihren Weg auf Blu-ray finden, auch weil ein Blu-ray-Release grundsätzlich teurer für die Labels ist, als ein DVD-Release, da bei der Produktion einer Blu-ray eine horrende Lizenzgebühr anfällt. Aber dies ist dann eine andere Geschichte…

Ein Aspekt, den ich oben schon einmal kurz angeschnitten habe, möchte ich als Abschluss nochmal erwähnen. Die SD-Variante ist bei vielen populären Serien aus dem Phantastischen Bereich quasi bereits die bestmögliche Qualität. So toll wie das Remaster von “The Next Generation” auch aussieht, es ist eben nicht mehr das Original, nicht die ursprüngliche Ausstrahlung. Es stellt eine Nachahmung, eine Kopie, dar. Alles was über SD hinausgeht, muss in allen Belangen massiv nachgearbeitet und somit automatisch verfremdet werden. Eine pixelgenaue HD-Rekonstruktion alleine der SD-Effekte ist unmöglich. Eine perfekte Kopie kann nicht existieren. Eine Kopie ist eine Kopie und nicht das Original. Und das Original gibt’s nur in SD.


Als kleiner Nachtrag mal ein Kommentar von unserer Facebook-Seite zu dem Thema, der weitere Beispiele parat hält.

Markus Haage

Werbung
Produkt bei Amazon.de bestellen!

Über Markus Haage 2113 Artikel
Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!