Ausflug in das Grauen (USA, 1981)

verfasst am 16.Oktober 2009 von Neon Zombie

Und wieder einmal begibt sich ein tapferer VideoRaider in das tiefe Tal des abseitigen Spielfilms. Was wird ihn diesmal erwarten? Drei-Zentner-schwere Horrorfrösche, die Menschen verlschingen wie Günther Ludolf Zigaretten? Oder mutierte Menschenmassen, deren Antlitz es schafft die Stirn kriegserprobter Söldner mit Angstschweiß zu erfüllen? Vielleicht auch wahnsinnig-gewordene Hausfrauen mit rostigen Äxten so groß wie Nicaragua? Nein – viel, viel schlimmer. Denn bevor der tapfere Raider überhaupt die Schwelle in das dunkle Tal übertreten kann, erblickt er ein Schild welches als Warnung lediglich einige Ziffern enthält…

Welch schreckliche Zahlen! Stehen sie doch für Mord und Totschlag gepresst auf Zelluloid! Für menschenverachtende Widerwertigkeiten reduziert auf 90 Minuten! Für gewaltverherrlichende Monstrositäten eingraviert auf unzählige Meter Magnetband! Der tapfere Reviewer nahm einen kräftigen Schluck aus seiner Hansa-Pils-Bierdose, zerdreschte sie als Zeichen seiner Männlichkeit auf seiner Stirn und mit einem großen Schritt stieg er hinab in das dunkle Tal des abseitigen Films und unternahm einen „Ausflug in das Grauen“!!!

(© VMP)

Doch trotz aller Vorsicht, in Erwartung des ultimativen Grauens, entpuppte sich das dunkle Tal als kunterbuntes Slasher-Paradies, bewohnt von schreienden Campern mit Latexkörperteilen, durchzogen von Flüssen aus knallroten Kunstblut und akustisch untermalt von trällernden Vögel, die man langsam durch den Reißwolf jagte. Willkommen im Reich der 131’er!

Tief im Herzen der USA – irgendwo zwischen Bible Belt und Grand Canyon – stapft ein Schlitzer durch die Wälder. Seine Opfer: ahnungslose Camper. Ob der ewige Sohnemann mit seiner Mutti, der Hobbyloge auf dem Gebiet der Ornithologie oder das verliebte Pärchen im VW-Bus – alle müssen schreiend ihr Kunstblut in die Kamera pfeffern…

(© VMP)
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(© VMP)

Verantwortlich für dieses Massaker ist ein verlumpter Waldschrat – ohne erkennbares Motiv.

(© VMP)

Zum Glück gibt’s immer ein Opfer (hier sogar zwei!), welches sich den Mächten des Bösen entgegenstellt. Und wenn dieses Opfer auch noch mit einem Holzstock bewaffnet ist, dann sollte jeder Bösewicht sich in Acht nehmen und einen Brustpanzer umschnallen…

(© VMP)

Oh, jetzt habe ich ja bereits das Ende dieses ausgeklügelten und verzwickten Slasher-Dramas verraten – ach, was soll’s. Denn man glaubt es kaum, es passiert wirklich nicht mehr. Mit Ausnahme einer kleinen Nebenhandlung dies sich rund um einen übergewichtigen Sheriff dreht, der mit einer Handvoll Rednecks die Wälder nach dem Mörder durchstreift und IMMER eine Minute nach dem eigentlichen Mord eintrifft. Was schon eine gewisse comedic routine besitzt…

(© VMP)

Man glaubt es kaum, aber es passiert wirklich nicht mehr. Der Film konzentriert sich völlig auf die Morde und dessen Aufbau, lässt dabei keinerlei Zusammenhang erkennen. Es gibt keinen Grund für den alten Waldschrat irgendjemanden zu ermorden. Genauso wenig ergibt das Handeln irgendeines Charakters irgendeinen nachvollziehbaren Sinn. Die gesamte inhaltliche Existenz dieses Filmchens könnte somit in Frage gestellt werden, da überhaupt keine Geschichte erzählt wird – nicht einmal in Ansätzen – und genau das macht es zu einem heiteren Erlebnis! Also, hoch die Tassen! Vollkommen zusammenhangslos werden Menschen auf unglaublich trashige Art und Weise ermordet. Kunstblut wird in die Kamera GESPUCKT, Latexarme abgehackt, Rollstuhlfahrer geköpft! Dazu Musik die an beste „Der Teufel tanzt weiter“-Zeiten mahnt! Nebenbei sind die Parallelen zwischen beiden Werken unübersehbar. Fast könnte man meinen, das „Ausflug in das Grauen“ eine Art Deleted-Scenes-Zusammenschnitt sein könnte. Ich wünschte ich könnte nun noch weitere Zeilen zu diesem Werk niedertippen, aber Freunde, dies würde nur den Anschein erwecken, dass der Streifen inhaltlich mehr zu bieten hat. Und das hat er nicht – und wahrscheinlich ist das auch sehr gut so, denn sonst wäre er wohl nicht die Bombe geworden, die er nun einmal ist.

Zum Thema Paragraph 131 braucht man wohl nicht mehr viel sagen, außer: Es ist absurd, vollkommen absurd, was für Filme in der Bundesrepublik Deutschland (auch noch im Jahre 2009) beschlagnahmt sind. Niemand kann dies auch nur ansatzweise rechtfertigen. Niemand.

Fatality:
Ein wilde Slasher-Bombe ohne jeglichen Zusammenhang. Beim Betrachten des Films fragt man sich die ganze Zeit: Warum? Warum passiert das jetzt? Man wird keine Antwort erhalten. Deswegen: Nicht den Kopp zermartern, sondern hinsetzen, einschalten, Bier öffnen und sich vom Geschehen auf dem Bildschirm unterhalten lassen.

Neon Zombie

Über Neon Zombie 2013 Artikel
Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!