Geburten verboten (Großbritannien, 1972)

verfasst am 6.Oktober 2010 von Neon Zombie

„Da wir nicht mehr in der Lage sind, die ständig wachsende Bevölkerung der Erde ausreichend zu ernähren, erlassen wir heute, am ersten Januar, im Einklang mit allen anderen Nationen, folgendes Gesetz: das Gebähren von Kindern ist ab sofort verboten.“

Die Erde im 21.Jahrhundert: Überbevölkerung, Umweltverschmutzung und Unterernährung plagen die Menschheit. Um den Untergang aufzuhalten, entschließen die Staaten der Erde gemeinschaftlich eine drastische Maßnahme zu ergreifen: GEBURTEN VERBOTEN!

(© Maritim Pictures)

Denn bei 30 Milliarden Menschen bringt auch eine chinesische Ein-Kind-Politik nichts mehr, deswegen wird der ultimative Verhütungsknüppel ausgepackt. Für dreißig Jahre darf kein Mensch sich mehr fortpflanzen. Frauen, die gerade erst schwanger geworden sind, dürfen ihr Kind noch austragen. Wer aber nach der Verkündung des Gesetzes ein Kind austrägt, wird mit dem Tode bestraft. Gleiches Recht für alle. Somit auch für Männer. Anfänglich scheint die Bevölkerung sich damit abzufinden, doch es zeigt sich schnell, dass Menschen sich mit ihrer Kinderlosigkeit nicht einfach abfinden können, denn irgendwie macht es ihr Leben sinnlos. Für was arbeiten sie? Für was leben sie? Sie werden keine Nachkommen haben, niemanden denen sie etwas hinterlassen können. Eine ganze Erd-Generation ist dazu verdammt, nur noch für sich zu leben.

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„Meine getreuen Untertanen, schweren Herzens muss ich ihnen die Entscheidung des Welternährungskongresses mitteilen. Wie ihnen allen bekannt ist, hat sich innerhalb der letzten vier Monate die Lage auf unserem Planeten derart verschlechtert, dass die konföderierten Staaten der Erde, den Beschluss gefasst haben, der weiteren Überbevölkerung und den damit verbundenen Ernährungsproblem Einhalt zu gebieten. Liebe Mitbürger, sie dürfen nicht glauben, dass uns dieser Entschluss leicht gefallen ist – doch uns blieb kein anderer Ausweg. Die Meere sind verseucht, die landwirtschaftliche Nutzfläche durch die hohe Bevölkerungsdichte nicht mehr ausreichend und tierisches Eiweiß bis auf weiteres ungenießbar. Daher sind wir zu folgendem Entschluß gekommen – und das einstimmig. Da wir nicht mehr in der Lage sind, die ständig wachsende Bevölkerung der Erde ausreichend zu ernähren, erlassen wir heute, am ersten Januar, im Einklang mit allen anderen Nationen, folgendes Gesetz: das Gebären von Kindern ist ab sofort verboten.“

Die Regierungen versuchen den Kinderwunsch mit High-Tech-Spielzeugen und freien Psychiater-Visiten zu kompensieren, doch der Wunsch ist zu groß. Regelmäßig werden schwangere Frauen durch Erstickung hingerichtet oder begehen verzweifelte Paare Selbstmord. Natürlich wird dies von keiner Regierung verhindert – auf eine perfide Art und Weise dient dies der Verringerung der Bevölkerungszahl sogar. Und was sollen sie auch anderes tun? Wächst die Bevölkerung weiter, ist die Menschheit zum Aussterben verdammt. Der Planet kann keine weiteren Menschen mehr tragen…

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„Alle Kinder sind so konzepiert, dass sie weder zu ruhig, noch zu lebhaft sind. […] Und die Körperrtemperatur beträgt 37,6. Ausgenommen im Krankheitsfall. Ja, sie sind sogar dahingehend entwickelt wurden, dass sie alle Kinderkrankheiten durchmachen. Nichts ernstes – nur um die Mutter ständig auf Trab zu halten.“

Doch Russ und Carol, ein junges Paar, will sich damit nicht abfinden. Sie entscheiden sich ein Kind zu kriegen, obwohl sie die Strafen dafür kennen. Glücklicherweise verläuft die Schwangerschaft problemlos. Das Kind, ein Junge, kommt gesund zur Welt. Erst als sie sich Freunden offenbaren, entstehen die Probleme. Denn auch sie wollen ein Baby haben und sie sind sich sicher – das Baby ist bei ihnen besser aufgehoben…

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Die Welt in Michael Campus’ Film sieht düster aus: Essen aus der Tube, Tiere ausgestopft im Museum, Atemschutzmasken als Pflichtutensil. Auf dieser Erde geht nichts mehr. Die Maßnahmen der Regierung scheinen zwar drastisch zu sein, im Grunde sind sie allerdings nur konsequent. Der Mensch ist schließlich kein von Gott gesandtes Wesen (entgegen landläufiger Meinungen), sondern einfach und simpel ein Zufall der Evolution und muss sich wie jedes andere Lebewesen in den Kreis des Lebens einreihen. Tut er dies nicht, wird er zu seinem ärgsten Feind. Denn jeder Mensch hat Ansprüche, jeder Mensch verbraucht Rohstoffe, Nahrung und somit auch einen Teil der Erde, die ihn eigentlich ernähren soll. Menschen gehen einfach davon aus, dass alles endlich und verfügbar sei und dass es ihr gottgegebenes Recht sei, sich maßlos zu vervielfältigen – ohne Rücksicht auf Verluste. Leider sind wir nicht die Krone der Schöpfung – oder sollten uns zumindest nicht so sehen. Im Jahre 2010 leben bereits 6,7 Milliarden Menschen auf dem Planeten. Im Jahre 2050 werden es über neun Milliarden sein. 1800 waren es gerade einmal eine Milliarde Menschen. Aus heutiger Sicht, wirkt die Thematik des Films nicht einmal mehr bedrückend, die Maßnahmen der Filmregierung konsequent. Leider wird diese aber wiederum als rein diktatorisches Regime dargestellt. Interessanter wäre es gewesen, Abstand von einer dystopischen Weltregierung zu nehmen, sondern die Reaktion einer gefestigten Demokratie auf eine solche Krise zu sehen. Aber vielleicht ist es auch nur einfach eine konsequente Entwicklung. Wenn Unterernährung und Überbevölkerung das Erdbild bestimmten, ist es schwierig einen basisdemokratischen Konsens zur Lösung des Problems zu finden.

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Umso interessanter ist somit die private Ebene, die der Film bedient. Die Auswirkung der Politik auf die Menschen. Die Meisten wollen und können sich mit der Situation nicht abfinden, eine Rebellion gegen den Staat findet trotzdem nicht statt. Denn das eigentlich perfide: jeder weiß, dass sie in einer Abhängigkeit zum Staat stehen, denn dieser stellt die einzigen Nahrungsmittel koordiniert zur Verfügung. Man kriegt nicht viel, aber immerhin kriegt jeder etwas. Auch der Verstand verbietet jeglichen Aufruhr. Der Planet ist überbevölkert, das Maß ist voll, das Kollektiv hat versagt, das Individuum muss darunter leiden. Denn, wie eingangs erwähnt, das Leben erscheint sinnlos, wenn man nur für sich und vor sich hin leben kann, ohne sein Wissen, seine Erfahrungen weitergeben zu können. Eine ganze Generation ist dazu verdammt, vor sich hinzuleben. Ihr Leben dreht sich nur noch um sich selbst. Russ und Carol, das Hauptdarsteller-Pärchen, durchbricht dies, doch muss schnell feststellen, dass sie ohne Hilfe das Kind nicht großziehen können. Diese suchen sie in ihren besten, langjährigen Freunden, doch gerade diese wenden sich gegen sie. Sie wollen auch ein Kind. Carols Kind. Letztlich wird das Paar aus der Gesellschaft ausscheiden und auf eine einsame Insel, ironischerweise ein ehemaliges Atombomben-Testgebiet, fliehen.

Michael Campus inszeniert seinen Film bewusst ruhig, verzichtet auf großangelegtes Sensations-Kino und konzentriert sich nach der Einleitung der Hauptcharaktere vollends auf sie. Dystopia wird hier angerissen, der eigentliche Konflikt in dem sich die Welt befindet aber von zwei Pärchen ausgetragen. Von einem Kammerspiel kann hier nicht die Rede sein, dennoch hebt der Film sich von der reißerischen Masse anderer Endzeit-Produktionen deutlich ab. Vielleicht ist dies genau der Grund, warum der Streifen (fast) in der Versenkung verschwunden ist.

Auf zwei stiefmütterliche Video-Veröffentlichungen hat er es in Deutschland geschafft, ansonsten wurde er nicht einmal im Kino gezeigt (die Premiere fand auf der ARD 1979 statt). Im Ausland erschien der Film zwar auf DVD, doch ist dies wohl leider nur dem Massenmarkt geschuldet. Egal welche Munition man besitzt, sie wird herausgefeuert. Der Grund hierfür ist recht simpel: der Film ist etwas schwer zugänglich, verliert sich öfters in Sentimentalitäten und geht in der Umsetzung der Geschichte teils sehr gewagte und experimentelle Wege. „Geburten verboten“ ist kein Mainstream-Film und in der Retrospektive über die dystopischen Filme der 80er auch leider nur noch eine Randnotiz. Zu erdrückend ist die Übermacht der angesehenen Klassiker, wie etwa „Jahr 2022 – …die, die überleben wollen!“, „Flucht ins 23. Jahrhundert“, „Mad Max“ oder „Rollerball“, dennoch sollte man einen Blick wagen. „Geburten verboten“ gehört zu den vielen kleinen vergessenen Perlen des dystopischen Films. Für Genre-Fans ein Muss, trotz einiger kleiner Schwächer.

Neon Zombie

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Über Neon Zombie 2062 Artikel
Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!