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Roger Corman ist verstorben

verfasst am 12.Mai 2024 von Markus Haage

Corman gehörte zu den einflussreichsten Filmemachern seiner Generation, begründete nicht nur die Karrieren zahlreicher Künstler, sondern erschuf auch unzählige Kultfilme und Filmklassiker. Nur seine Vita als Produzent umfasst fast fünfhundert (in Zahlen: 500) eigenproduzierte Werke. Der US-amerikanische Filmproduzent Roger Corman ist nun im Alter von 98 Jahren verstorben.

Roger Corman am Set von „Frankenstein“ (1990).
(© 1990 New World Pictures. All Rights Reserved.)

Ob James Cameron, Joe Dante, Jack Nicholson oder Francis Ford Coppola, sie alle begannen ihre Karrieren bei American International Pictures. Roger Cormans Produktionsstudio, welche vor allem dafür Bekanntheit erlangte, sogenannte B-Movies zu produzieren. Ein leider mittlerweile häufig abwertend gemeinter Begriff, um billige Film-Produktionen zu umschreiben. Aber die sogenannten B-Movies mussten nicht zwingend günstig oder schnell produziert sein; sie stammten oftmals nur von der B-Liste, die existierte, um sie zusammen mit den A-Filmen, oftmals hochwertige Studioproduktionen, in den Verlieh geben zu können. Lokales Kinos in den USA, darunter vor allem auch Drive-Ins, nutzten diese Titel exzessiv zum Befüllen ihres Programms. Eine ganz eigene Subkultur entstand, die sich vor allem über Mitternachtsvorstellungen oder Matineés definierte. Corman erhielt den Titel „King of B-Movies“; lehnte diesen jedoch ab. Auch wenn er dafür bekannt war, kostengünstig und schnell zu produzieren, verstand er sich immer als seriösen Filmemacher der Chancen sah und Marktsegmente bediente.

Corman bediente diesen Markt; so erfolgreich wie kaum ein anderer Produzent. Nicht nur aus künstlerischen, sondern eben auch aus kommerziellen Kalkül. Seine Produktionen unterlagen immer einem streng definierten Budget, welches es stets einzuhalten galt. Als wundervolles Exempel kann hierfür die Produktionshistorie von „Kleiner Laden voller Schrecken“ („Little Shop of Horrors“, 1960) herhalten. Ein Film, der oft zitiert wird, um Cormans Schaffenskraft zusammenfassen, da dieser – so will es die moderne Mythenbildung – innerhalb von zwei Tagen abgedreht wurde …

Als Roger Corman die Dreharbeiten zu seinem Low-Budget-Horrorfilm „Das Vermächtnis des Prof. Bondi“ („A Bucket of Blood“, 1960) beendete, gab ihm das Filmstudio, dessen Räumlichkeiten er für den Dreh angemietet hatte, noch wenige Tage Zeit, um die errichteten Sets weiter nutzen zu können. „Das Vermächtnis des Prof. Bondi“ war abgedreht; Nachdrehs aus Sicht von Corman ökonomischer Unsinn, weshalb er sich entschloss, die Gelegenheit zu nutzen und kurzerhand einen neuen Film zu drehen, bevor die vorhandenen Bühnenbilder vernichtet werden sollten. Viel Zeit hatte er dafür nicht. Angeblich konnte er die Sets nur für zwei weitere Tage nutzen. Als Mann der Tat rief er sofort seinen befreundeten Drehbuch-Autoren David B. Griffith an, welcher auch bereits das Skript zu „Das Vermächtnis des Prof. Bondi“ verfasste. Dieser schlug vor, eine Horror-Komödie zu schreiben; diese ließen sich am besten verkaufen. Anfänglich hatte er die Idee, einen Film über einen Vampir, der gleichzeitig Musik-Kritiker ist, umzusetzen. Danach erfand er eine Story, in der ein Koch eines klassischen amerikanischen Diners seine Gäste zu Essen verarbeitete. Corman musste beide Storys jedoch ablehnen, da er befürchtete, dass die damals strengen Auflagen zur Veröffentlichung eines Films, der sogenannte Hays-Code, der Gewaltdarstellungen stark einschränkte, einen lukrativen Vertrieb unmöglich machen könnten. Daraufhin schlug Griffith Corman vor, den Küchenchef einfach durch eine fleischfressende Pflanze zu ersetzen. Corman stimmte der Prämisse zu und der heutige Kultfilm war damit geboren. Noch bis kurz vor seinem Tode im Jahre 2007 gab Griffith an, dass beide betrunken waren, als sie diese Ideen durchgingen:

„Also sprachen Roger und ich über eine Reihe von Ideen, […]. Der Held sollte ein Salatkoch in einem Restaurant sein, der am Ende die Kunden kocht […]. Das konnten wir aber wegen des damaligen [Hayes-]Codes nicht machen. Also sagte ich: ‚Wie wäre es mit einer menschenfressenden Pflanze?‘, und Roger sagte: ‚Okay‘. Zu diesem Zeitpunkt waren wir beide betrunken.“
– David B. Griffith im Interview mit SensesOfCinema.com, 2005

Das Drehbuch sei angeblich an einem Abend verfasst und der gesamte Filmdreh, wie erwähnt, an zwei Tagen beendet worden. Allerdings kamen Cast und Crew nicht an einem Morgen ans Set und gingen am darauffolgenden Abend wieder nach Hause. Rund zwei bis drei Tage wurde das Skript von ihnen besprochen und geprobt und die Crew bereitete den Dreh selbstredend vor. Es existierte somit eine gewisse Vorbereitungszeit, die aber eher einer fixen Fernsehepisode entsprach und eben nicht einem echten Spielfilm.

Jack Nicholson, der im Wartezimmer des Zahnarztes als masochistisch-veranlagter Patient in einer Nebenrolle sitzt, bezeichnete das Set als „pre-lit“. Bedeutet: Man sparte sämtliche Feinheiten ein. Die Lichtschalter wurden eingeschaltet, das Set komplett ausgestrahlt und die Szenen schnell und effektiv (Schuss/Gegenschuss) eingefangen. Geschah ein Unfall, so wurde einfach weitergedreht oder die Szene abgebrochen verwendet. Autor Griffith und Darsteller Mel Welles, der neben der Rolle des Gravis Mushnick auch zusätzlich als Second-Unit-Director fungierte, drehten an mindestens zwei Wochenenden noch Außenaufnahmen, inklusive den Tod einer der Nebenfiguren. Ein betrunkener Mann wurde von einer U-Bahn überfahren. Damit die Szene realistisch wirkte, konnten Griffith und Welles die lokalen U-Bahn-Mitarbeiter überzeugen, die U-Bahn eine kurze Strecke rückwärts fahren zu lassen. Das gedrehte Filmmaterial wurde in der Nachproduktion wiederum einfach rückwärts abgespielt, sodass es aussah, als ob die U-Bahn vorwärts auf die Filmfigur zu fährt. Sicherlich eine der aufwendigsten Szenen des gesamten Films. Griffiths gelang der Dreh nur, in dem er die Bahn-Mitarbeiter mit zwei Flaschen Scotch bestach.

Der Mythos vom wilden Zwei-Tages-Dreh ist vom Prinzip her korrekt, wenn man es nur auf den Hauptdreh mit den Darstellern und nicht auf die gesamte Produktion bezieht.


(© 1970 American International Pictures. All Rights Reserved.)

Roger Corman aber nur auf die Produktion sogenannter B-Movies zu reduzieren, wäre allerdings falsch. Als Vertrieb zeichnete er sich auch dafür verantwortlich, die Werke von Akira Kurosawa, François Truffaut oder Ingrid Bergman in den USA popularisiert zu haben. Neben der reinen Produktion und dem Vertrieb, war Corman allerdings auch künstlerisch tätig; führte Regie und verfasste Drehbücher. Nicht nur für seine Produktionsfirmen, sondern auch für Majorstudios. 1967 führte er beim Thriller „Chicago-Massaker“ („The St. Valentine´s Day Massacre“) für 20th Century Fox Regie. Eine Legende besagt, dass er das Budget von 2,5 Millionen US-Dollar um 400.000 US-Dollar drücken konnte (nicht inflationsbereinigt), ohne Abstriche bei der Qualität zu machen. Diese Erfahrung – die Zeit- und Geldverschwendung der Majorstudios – soll ihn allerdings angewidert haben, sodass er 1970 mit der Gründung von New World Pictures zum Independent-Film zurückkehrte. Hier begannen auch die Karrieren zahlreicher großer Filmemacher. Ob James Cameron, Joe Dante oder Jonathan Demme, sie alle heuerten in jungen Jahren bei Corman an, um an seinen Produktionen mitzuwirken. Sie bedankten sich später auf ihre ganz eigene Art und Weise. Corman liebte Cameos und trat so in nebenbei in zahlreichen Groß-Produktionen auf; so auch als FBI-Direktor in „Das Schweigen der Lämmer“ („The Silence of the Lambs“, 1991). Eine Regie-Arbeit seines ehemaligen Protegés Jonathan Demme, der für den Film mit den Oscar® für die „beste Regie“ ausgezeichnet wurde. Nicht der letzte Corman-Zögling, dem dies gelang.

Cormans Lebenswerk lässt sich kaum in wenigen Absätzen zusammenfassen, aber es wartet nur darauf von einer jeden neuen Generation neu entdeckt zu werden. Er hinterlässt nicht nur einfach Filme, sondern eine ganze längst untergegangene Ära, die er maßgeblich mitgeprägt hat.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!