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Neue Kategorien bei der Oscar®-Verleihung: „Favourite Movie“ und „Most Cheer-Worthy Movie Moment Ever“

verfasst am 16.Februar 2022 von Markus Haage

Es liest sich zuerst wie ein Scherz, doch unter dem Druck relevant bleiben zu müssen, hat die Academy nun entschieden, die Filmfans bei der Wahl der Oscars® mitstimmen zu lassen. Zumindest bei zwei neu geschaffenen Kategorien.

Die letztjährige Oscar®-Verleihung stellte eine Besonderheit dar. Aufgrund der Corona-Pandemie konnte die prestigeträchtigste Preisverleihung der Welt nur in einem recht übersichtlichen Kreis stattfinden. Man versuchte dieses zumindest inszenatorisch charmant zu verkaufen, indem man die Award-Show wie eine Art Spielfilm präsentierte. Zumindest war dies der Anspruch von Showrunner Steven Soderbergh. Doch alle Bemühungen halfen nichts, die so wichtigen Einschaltquoten befanden sich auf einem Allzeit-Tief. Weniger als zehn Millionen Zuschauer schalteten in den USA noch ein (wohlgemerkt bei einer Gesamtbevölkerung von mehr als 328 Millionen Einwohnern). Zum Vergleich: noch 2014 sahen 44 Millionen US-Bürger die Academy Awards® live. Dieser drastische Zuschauerrückgang hat natürlich zahlreiche Ursachen.

Es war einmal: Die Oscars in glamouröseren Zeiten.
(© Academy of Motion Picture Arts and Sciences)

Der Filmmarkt ist vollkommen übersättigt und viele hochwertige Produktionen können sich überhaupt nicht mehr qualifizieren, weil sie exklusiv auf Streaming-Diensten präsentiert werden. Bei der Verleihung 1995 traten noch fünf hochkarätige Produktionen, die fast allen Zuschauern bekannt waren, gegeneinander an. In der Kategorie „Bester Film“ waren Werke wie „Forrest Gump“ (1994), „Die Verurteilten“ („The Shawshank Redemption“, 1994), „Pulp Fiction“ (1994), „Quiz Show“ (1994) und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ („Four Weddings and a Funeral“, 1994) nominiert. Alle Filme gelten heutzutage als Klassiker, aber es sind auch alles Filme gewesen, die auf ihre Weise extrem populär waren und von einer großen Masse aus allen Gesellschaftsschichten über Monate hinweg gesehen werden konnten. Diese Zeiten sind aber vorbei und die Oscars bekommen es zu spüren. Bereits vor wenigen Jahren versuchte man deswegen eine neue Kategorie einzuführen, mit dieser der „populärste Film des Jahres“ ausgewählt werden sollte („Academy Award for Outstanding Achievement in Popular Film“). Eine Konkurrenz für die Königskategorie „Bester Film“ wurde befürchtet. Die Idee letztlich nie umgesetzt.

Der bloße Vorschlag, der öffentlich auf Ablehnung teils aber auch auf Spott stieß, zeigte allerdings schon auf, dass die Academy sich über den drastischen Wandel der Filmindustrie vollends bewusst war. Die Kinolandschaft wird heutzutage vor allem von Franchise-Filmen bestimmt und Genres wie Thriller und Drama verlagern sich auf Streaming-Serien. Das Gros des Massenpublikums kennt wohl nicht einmal mehr die Filme, die in den letzten Jahren in der Königskategorie „Bester Film“ gewonnen haben („Spotlight“, „Birdman“, „Moonlight“, „Green Book“, „Nomadland“). Somit erhalten auch die Oscars® weniger Aufsehen und es wird kaum noch über sie geredet. Der Gewinnerfilm wird mittlerweile relativ achselzuckend hingenommen. Und genau dies soll sich nun aber ändern.

Am 13. Februar gab die Academy via Twitter bekannt, dass eben zwei neue Kategorien eingeführt werden, die das Publikum mit einbinden sollen. Wohlgemerkt nur das US-Publikum. Diese können bis zum 3. März über Hashtags auf der Plattform Twitter ihren Lieblingsfilm und ihren Lieblingsfilmmoment erwähnen. Die Hashtags #OscarsFanFavorite, #OscarsCheerMoment und #Sweepstakes werden dann zusammengezählt und ausgewertet. Der Film mit den meisten Stimmen gewinnt. Ein simples Prinzip. Basisdemokratie trifft auf (vermeintliche) Schwarmintelligenz. Zumindest ist dies der ehrenvolle Gedanke dahinter. Es wurde gar eine Website eingerichtet, auf der man das Rennen mitverfolgen oder alternativ mit abstimmen kann (insofern man in den USA residiert).

(© A.M.P.A.S./Twitter)

Natürlich werden die großen Filmstudios das „Voting“ ordentlich anheizen. PR-Agenturen werden sich einschalten und die Hashtags zu den Filmen ihres Auftraggebers bewerben und verbreiten. Und natürlich werden die großen Franchise-Blockbuster ihre Nasen vorn haben. Demnach dürfte es überhaupt nicht überraschen, wenn beispielsweise „Spider-Man: No Way Home“ (2021) gewinnen würde. Meisterhafte Genrefilme wie „Candyman“ (2021) oder auch „The Green Knight“ (2021) dürften kaum eine Chance haben. Es sei denn, eine Reddit- und 4chan-Crowd aus den USA erbarmt sich und steigt in das Rennen mit ein.

Wie erwähnt, dürfen nur Filmfans aus den USA an der Abstimmung teilnehmen. Vielleicht auch eine Reaktion auf den Erdrutschsieg von Werken wie „Parasite“ („Gisaengchung“, 2019), der eben nicht nur den Oscar® für den „besten fremdsprachigen Film“, sondern auch für den „besten Film“ gewann. Ein historischer Sieg, der anscheinend vielen Studios und Filmemachern sauer aufstieß. Sogar Donald Trump, damals noch Präsident, äußerte sich negativ zum Gewinn. Die Oscars® waren eben letztlich immer ein US-amerikanischer Filmpreis, der die US-amerikanische Filmindustrie ehren sollte. Doch die Welt ist im Wandel. Die erfolgreichste Serie des letzten Jahres stammt aus Südkorea und nicht aus den USA und die umsatzstärksten Filme in den globalen Kinocharts sind oftmals keine US-Produktionen mehr.

Ob die Academy Awards® mit den neuen Kategorien letztlich an Relevanz gewinnen werden, sei einmal dahingestellt. Am Ende geht es in erster Linie wohl um Aufmerksamkeit, denn wie einflussreich ist ein Filmpreis, über dessen Gewinner niemand spricht? Aber der Charme der Oscars® war dann eben doch immer, dass eben nicht jeder Film den Preis gewinnen konnte, auch wenn es zahlreiche Einzelfälle gab, die vielleicht ungerechtfertigt oder unfair waren. Nun kann zumindest in der Theorie ein unterhaltsamer Popcorn-Streifen wie „Venom: Let there be Carnage“ (2021) den Oscar® für den „populärsten Film des Jahres“ gewinnen oder das Finale von „Ghostbusters: Legacy“ („Ghostbusters: Afterlife“, 2021) kann für den „Most Cheer-Worthy Movie Moment Ever“ ausgezeichnet werden. Dies erinnert fast schon an die Kategorien der MTV Movie Awards, die gerne einmal Filme für „Best Kiss“ oder „Best Scared-As-Shit Performance“ auszeichneten. Mit den neuen Kategorien schleicht sich eine Art von „ehrlicher Beliebigkeit“ ein. Aber vielleicht ist genau dies auch einfach nur ein weiteres Exempel für die moderne, globale Filmlandschaft und den drastischen Wandel, den diese in den letzten zwei Jahrzehnten vollzogen hat.

Natürlich stellen die neuen Kategorien ein Experiment dar. Es ist gut möglich, dass es scheitert und man es im nächsten Jahr wieder fallen lässt. Es wäre wahrhaftig nicht das erste Mal, dass Kategorien eingeführt und wieder eingestellt werden. Vielleicht ist dieses Wagnis aber auch genau der richtige Funke Leben, der die Oscars® wieder relevant(er) machen wird. Spätestens nach dem 3. März 2022 werden wir es erfahren.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!