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Wenn selbst die Oscars® zu einem Nischen-Event werden…

verfasst am 27.April 2021 von Markus Haage

Die Inflation von Medieninhalten und die Zersplitterung des Medienmarktes hat nun auch endgültig die Oscars® erreicht. Gerade einmal 9,8 Millionen Zuschauer schalteten bei der diesjährigen Verleihung noch ein. Die größte Award-Show der Filmwelt spiegelt damit schlichtweg die aktuellen Entwicklungen der mittlerweile globalen Medienlandschaft wider.

Die diesjährige Oscar®-Verleihung stellte eine Besonderheit dar. Aufgrund der Corona-Pandemie wurde das Konzept der Award-Show komplett überarbeitet. Regisseur Steven Soderbergh übernahm die Produktion und ersann, nach Aussage der Academy, die Show als eine Art „Spielfilm“ zu präsentieren. Ob dies gelungen ist, sei einmal dahingestellt. Aber selbst wenn nicht, so hat es auch kaum jemand mitbekommen, zumindest im historischen Kontext. Zum allerersten Mal fielen die Einschaltquoten der Prestige-trächtigsten Award-Show der Filmwelt auf unter zehn Millionen Zuschauer in den USA (bei einer Gesamtbevölkerung von mehr als 328 Millionen Einwohnern). Auch wenn diese Zahlen noch etwas ansteigen werden, wenn man die Live-Streams dazurechnet, so wird es ein historischer Tiefpunkt bleiben. Zum Vergleich: noch 2014 sahen 44 Millionen US-Bürger die Academy Awards® live. Dieser drastische Zuschauerrückgang hat viele Ursachen.

2009: Als der Oscar® noch eine große Show war…
BDS2006, Wikimedia)

Der Medien-Markt im Jahre 2021 ist bereits vollkommen aufgesplittet. Neben den klassischen Fernsehsendern, inklusive Pay-TV, stießen in den vergangenen Jahren immer mehr Streamingportale hinzu. Netflix, Hulu, Disney+, AppleTV+, Paramount+, Peacock oder HBO Max stellen nur die Spitze des Eisberges dar, an dem die traditionelle Filmindustrie zerschellt. Weitere Online-Medien – und seien es nur YouTube-Channel oder Facebook Watch-Kanäle – ziehen vor allem bei den jungen Menschen Zuschauer ab. Dieses Phänomen ist nicht neu und hat schon vor Jahren eingesetzt, aber es macht sich nun auch inhaltlich bei den Oscars® bemerkbar. Sicherlich hat die Auswahl der nominierten Filme zum Zuschauerschwund beigetragen, genauso wie die Corona-Krise, die die Kinos geschlossen hielt, als auch der andauernde Culture War, der wohl vor allem konservativ geprägte Zuschauer aus Trotz abschreckte, dennoch lässt es sich auch nicht verleugnen, dass ein Großteil der nominierten Filme schlichtweg keine große Masse X mehr erreicht. Dies könnte bedeuten, dass das Interesse an Gewinnern und Verlieren generell automatisch sinkt, da die Zuschauer viele der nominierten Werke und Künstler wohl nicht einmal mehr kennen oder kaum noch wahrnehmen konnten. Dies hat nichts mit der Qualität der Filme zu tun, sondern eben mit der erwähnten Aufsplittung des Medienmarkts und der generellen Inflation von Medieninhalten.

Nehmen wir das Jahr 1995 als Beispiel (oben: eine Präsentation aus diesem Jahr mit Jamie Lee Curtis). In der Kategorie „Bester Film“ waren Werke wie „Forrest Gump“ (1994), „Die Verurteilten“ („The Shawshank Redemption“, 1994), „Pulp Fiction“ (1994), „Quiz Show“ (1994) und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ („Four Weddings and a Funeral“, 1994) nominiert. Eine gute Mischung. Alle Filme gelten heutzutage als Klassiker. Aber es sind auch alles Filme gewesen, die auf ihre Weise extrem populär waren und von einer großen Masse aus allen Gesellschaftsschichten über Monate hinweg gesehen werden konnten. „Forrest Gump“ und „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ waren Welthits, „Pulp Fiction“ erfolgreiches Independent-Kino, „Quiz Show“ und „Die Verurteilten“ von der Presse hochgelobte Dramen, auch wenn das Box-Office sicherlich enttäuschte. Dennoch waren auch diese Werke bekannt. Sie liefen allesamt über Monate in den Kinos, wurden zur besten Sendezeit im Fernsehen beworben und die Stars und Macher tingelten durch die bekannten Shows, um sie zu präsentieren. Es konnten früher auch nur fünf Filme in der Kategorie „Bester Film“ nominiert werden. Dies war zwar vor allem gegenüber dem Independent-Kino immer unfair, spitzte den Wettbewerb aber zusätzlich zu. Insbesondere dann, wenn auch mal ein Independent-Film wie „Pulp Fiction“ nominiert wurde. David gegen Goliath. Unabhängiges Drama gegen Hollywood-Epos. Und die ganze Welt schaute zu. Dies hat sich vollkommen geändert. Sicherlich auch, weil das große Hollywood-Kino mittlerweile vor allem von Franchise-Blockbustern bestimmt wird, die sicherlich unterhalten, aber nicht zwingend mehr eines Filmpreises würdig sind. In den letzten Jahren gewannen demnach den Oscar für den „Besten Film“ Werke wie „Spotlight“ (2015), „Moonlight“ (2016), „Birdman“ („Birdman or The Unexpected Virtue of Ignorance“, 2014) oder „The Artist“ (2011). Großartige Filme, die aber kaum Beachtung fanden, weil sie in einer Flut an Medien-Inhalten schlichtweg untergingen. Als Kontrast nur einige weitere Werke, die in den 1990er-Jahren in der Kategorie „Bester Film“ nominiert waren oder diese gewannen und an die sich jeder Filmfan heute noch erinnert: „Braveheart“ (1995), „Der Soldat James Ryan“ („Saving Private Ryan“, 1998), „Shakespeare in Love“ (1998), „Der englische Patient“ („The English Patient“, 1996), „Gladiator“ (2000), „Apollo 13“ (1995), „Fargo“ (1996), „The Green Mile“ (1999), „The Sixth Sense“ (1999), „Titanic“ (1998), „Das Piano“ (1993), „Schindlers Liste“ (1993), „Goodfellas“ (1990) oder „Der mit dem Wolf tanzt“ („Dances with Wolve“s, 1990).

Die geringe Konkurrenz und somit Auswahl führte eben gerade dazu, dass jeder über die Filme sprach, weil sie jedem auf die ein oder andere Art und Weise begegneten. Der Oscar®, als das große Finale der Filmsaison, war somit auch noch ein echtes Event, dass diese verhältnismäßig wenigen Werke in den Wettbewerb miteinander schickte. Nicht nur in der Königskategorie, sondern auch in den vielen Nebenkategorien. Dies spiegelte auch die Namen der Nominierten wider. Nur 1995 waren Tom Hanks, Woody Allen, Robert Zemeckis, Krzysztof Kieślowski, Quentin Tarantino, Morgan Freeman, Paul Newman, John Travolta, Winona Ryder, Jodie Foster, Susan Sarandon, Martin Landau, Gary Sinise, Samuel L. Jackson, Helen Mirren, Uma Thurman, Dianne Wiest, Frank Darabont, Rick Baker, Roger Deakins, Clint Eastwood, James Newton Howard, Elton John, Randy Newman, Ang Lee und viele weitere Künstler nominiert. Heute muss man teilweise während der Show schon googeln, um überhaupt jeden Nominee und dessen Werk sofort zu erkennen.

Wer heute kein Netflix hat, wird von „The Trial of the Chicago 7“ (2020), nominiert als „Bester Film 2020“, vielleicht noch nicht einmal gehört haben. Die Filmfans sicherlich, aber das Massenpublikum eben kaum. Die Filme finden außerhalb der Streaming-Dienste zu wenig statt. Und wenn doch, ist ihre Verweildauer in den Medien aufgrund der schieren Masse an Neuproduktionen relativ kurz. Zu kurz, um noch kulturell bedeutsam zu sein. Filme wie „Kramer gegen Kramer“ („Kramer vs. Kramer“, 1979), „Platoon“ (1986) oder „Philadelphia“ (1993) konnten eben aufgrund ihres besonderen Vertriebs, ihrer Alleinstellungsmerkmale, noch Wochen nach Kino-Release gesamtgesellschaftliche Debatten bestimmen. Heute hat ein Film vielleicht noch ein Wochenende, insofern es keine Mega-Franchise-Produktion ist. Anthony Mackie, Star aus Filmen wie „Avengers: Endgame“ (2019) oder der Disney+-Serie „Falcon and the Winter Soldier“ (2021) sagte dazu bereits vor wenigen Jahren: „Going to the movies used to be an experience. It used to be a family affair. It used to be an event. […] There are no moviestars anymore. […] They are making movies for specific audiences [now].“

Dies liegt, wie erwähnt, nicht an der Qualität der Werke – diese steigt technisch und inhaltlich drastisch an –, aber zu viele Filme und Serien überfluten den Markt und sorgen schlichtweg für eine Inflation. Nicht nur von Filmen, sondern auch von Künstlern dahinter. Das Hollywood der Stars und der großen Show scheint in gewisser Hinsicht Vergangenheit zu sein und die Oscars als Höhepunkt repräsentierten dies eben immer. Was bei den Oscars geschah, war einst kulturell von enormer Bedeutung. Nicht nur wer gewann, sondern auch was dazwischen passierte. Man denke nur an Rob Lowes Eröffnungsshow von 1989, die ihn bis heute verfolgt. Würde dies heute passieren, so wäre es wohl nur noch eine kuriose Randnotiz für einen kurzen Entertainment-Beitrag oder ein paar Tweets und Postings. Die Academy versuchte schon vor einigen Jahren gegen den Zuschauerschwund zu steuern und die Kategorie „Bester Blockbuster“ einzuführen. Wohl, um vor allem bei den jungen Zuschauern wieder relevant zu werden. Diese Idee schien allerdings keine große Zustimmung zu erhalten.

Letztlich wird der „Niedergang“ nicht wirklich aufzuhalten sein. Denn das, was den Academy Awards® passierte, selbst wenn sie wieder einige Zuschauer zurückgewinnen sollten, ist schlichtweg eine Entwicklung, die schon vor Jahren in allen Medienbereichen einsetzte. Die Premiere der Comic-Serie „Superman & Lois“ (2021) verfolgten vor wenigen Wochen in den USA nur noch 1,7 Millionen Menschen. Dies galt als großer Erfolg. Vor 28 Jahren (auch wenn der Vergleich etwas hinkt) schauten die Pilotfolge der Serie „Superman – Die Abenteuer von Lois & Clark“ („Lois & Clark: The New Adventures of Superman“, 1993–1997) noch 18 Millionen Zuschauer. Diese krassen Vergleiche lassen sich für so gut wie jedes Film- und Fernsehformat ziehen. Selbst das Kino ist davon nicht verschont. Obwohl in den USA die Gesamtbevölkerung von 1989 bis 2019 um fast 80 Millionen Menschen gewachsen ist, blieben die Ticketverkäufe gleich. Sie stiegen trotz des massiven Bevölkerungswachstums nicht.

Das Problem, insofern man es überhaupt als Problem ansehen möchte, ist nicht zu lösen. Dazu ist der Markt mittlerweile zu aufgesplittet und zu groß geworden. Die Events, die noch vor Jahren ganze Familien vor den Fernseher lockten, weil eben jeder auf die ein oder andere Art und Weise einen Bezug dazu aufbauen konnte, rücken in den Hintergrund und werden selber zu einem Nischenprogramm. Eines von sehr, sehr vielen.

Markus Haage

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Mein Name ist Markus Haage, Chefredakteur und Herausgeber vom Neon Zombie-Magazin. Es gibt nicht sonderlich viel spektakuläres über mich zu erzählen. Ich führe ein sehr langweiliges Leben. Aber falls es doch jemanden interessiert, freue ich mich immer über einen Besuch meiner Website www.markus-haage.de! Danke im Voraus!